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29.03.2016

11:11 Uhr

Konjunkturprogramm

So gut fühlt sich „Helikoptergeld“ an

VonMartin Dowideit

Geld drucken und es wie aus einem Hubschrauber abgeworfen an jedermann verteilen – das Gedankenspiel hat Einzug erhalten in die Diskussion über die Geldpolitik. Unser Autor hat etwas Ähnliches schon mal erlebt.

Das Bild vom „Helikoptergeld“ verwenden Ökonomen für die Idee, dass eine Notenbank frisches Geld drucken und es an die Bürger verteilen könnte. picture alliance / AP Photo

Hubschrauber-Lotse

Das Bild vom „Helikoptergeld“ verwenden Ökonomen für die Idee, dass eine Notenbank frisches Geld drucken und es an die Bürger verteilen könnte.

DüsseldorfAm 21. Juni 2008 – damals noch als Korrespondent in New York – ging ich zum Briefkasten und entdeckte Post vom amerikanischen Finanzamt. Hatte ich etwas falsch gemacht mit der Steuererklärung? Mein erster Gedanke sollte sich als falsch erweisen.

Mein Deutschsein hatte mir einen Streich gespielt: Ein Brief vom Finanzamt muss nicht immer Ungemach bedeuten, lernte ich. Denn in dem Umschlag steckte die Ankündigung eines weiteren Briefes, der in den kommenden Tagen eintreffen solle. Im zweiten Schreiben werde ein Scheck über 600 Dollar stecken. Zur freien Verfügung und zum sofortigen Einsatz.

So funktionierte vor acht Jahren in den USA ein Konjunkturprogramm: 130 Millionen Briefe mit Barschecks werden im ganzen Land verteilt. Die Finanzkrise rüttelte 2008 heftig an der Stabilität des Wirtschaftssystems, eine Rezession hatte begonnen. Das Parlament beschloss daher den Geldsegen, um die Konjunktur in Fahrt zu bringen.

„Helikoptergeld“ per Post: Ein Scheck über 600 Dollar, zur freien Verfügung und zum sofortigen Einsatz.

Ein Brief vom US-Finanzamt

„Helikoptergeld“ per Post: Ein Scheck über 600 Dollar, zur freien Verfügung und zum sofortigen Einsatz.

In Europa wird jetzt über eine ähnliche weitreichende Finanzspritze diskutiert. Grund: Die Europäische Zentralbank (EZB) kämpft damit, die Inflation auf das mittelfristige Ziel von knapp unter zwei Prozent hoch zu treiben. Zuletzt allerdings waren die Preise um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Für die Notenbanker um den Präsidenten der EZB, Mario Draghi, ist das ein Problem. Denn sie verstehen es als ihre vordringliche Aufgabe, die leichte Preissteigerung von knapp unter zwei Prozent zu erreichen.

Fallende Preise können eine gefährliche Abwärtsspirale auslösen, vor der sich Währungshüter fürchten. Wer beispielsweise davon ausgehen kann, dass ein Neuwagen im kommenden Monat 500 Euro weniger kostet, verschiebt wahrscheinlich die Anschaffung. Die Wirtschaft gerät ins Stocken, Arbeitsplätze sind gefährdet.

Was hinter dem „Helikoptergeld“ steckt

Was versteht man unter „Helikoptergeld“?

Die Idee ist denkbar einfach: Man muss nur im großen Stil Geld unter der Bevölkerung verteilen, schon kommt die Wirtschaft durch den Geldregen in Schwung und die Inflation zieht an. Was zunächst wie ein Scherz klingt, wird aktuell in Finanzkreisen ernsthaft diskutiert.

Hat es so etwas schon mal von einer Notenbank gegeben?

Nein, das reine Verschenken von Geld wurde von führenden Notenbanken noch nicht in die Tat umgesetzt. Während der Finanzkrise 2008 verteilte die US-Regierung zwar Steuergutschriften an Privathaushalte. Allerdings gibt es einen Unterschied zum „Helikoptergeld“: Die US-Notenbank verschenkte in der Krise kein Geld, sondern sicherte ihre Geldschwemme über den Kauf von Wertpapieren ab. Ähnlich geht zurzeit die EZB vor. Werden einmal gekaufte Wertpapiere wieder verkauft oder fällig, fließt das Geld zurück zur Notenbank. Dies wäre bei „Helikoptergeld“ nicht der Fall.

Wie wird in der EZB-Führung über die Idee gedacht?

Notenbankchef Mario Draghi versicherte zwar, dass innerhalb des EZB-Rates nicht ernsthaft über die Idee des „Helikoptergeldes“ gesprochen wurde. Auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinsentscheidung der Notenbank hatte er aber auf die Frage eines Journalisten die Idee nicht rundweg abgelehnt, sondern als „ein sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. Etwas konkreter wurde EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. In einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ stellte der Vordenker der EZB klar, dass theoretisch alle Notenbanken dieses „extreme Instrument“ einsetzen könnten. Es stelle sich nur die Frage, ob und wann der Einsatz Sinn mache.

Wie wäre das in der Praxis umsetzbar?

So einfach das Konzept in der Theorie wirkt, so schwierig wäre die Umsetzung. Zunächst einmal hat die EZB nicht die Kontonummern der etwa 337 Millionen Bürgern der Eurozone, um das Geld zu überweisen. Allein an der Zahl der Konten zeigt sich die bürokratische Herkules-Aufgabe, die mit einer solchen Maßnahme verbunden wäre. Schwierig wird es auch aus bilanztechnischen Gründen. Bisher gilt das Prinzip: Frisches EZB-Geld gibt es nur gegen Sicherheiten als Gegenleistung. Wenn die EZB das Geld aber einfach verschenken würde, dann stellt sich die Frage: Wie soll das verbucht werden? Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Michael Schubert wäre das Auszahlen von „Helikoptergeld“ unter dem Strich nur indirekt über die Euroländer denkbar. „De facto würde die EZB den Euroländern also eine Art Kredit gewähren“, erklärt Schubert.

Was sagen die Kritiker?

Zu den Kritikern einer solchen Maßnahme zählt Bundesbankchef Jens Weidmann: „Ob und wie Geld an die Bürger verschenkt wird, ist eine hochpolitische Entscheidung, die Regierungen und Parlamente fällen müssen“, sagte Weidmann in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Hier habe die EZB einfach kein Mandat. Schon die bisher beschlossenen Maßnahmen werden nach Einschätzung von Weidmann schwächer in der Wirkung, je länger sie dauern, während Risiken und Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik zunähmen. Aber auch unter Volkswirten ist das Konzept höchst umstritten. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, bezeichnet die Idee des „Helikoptergeldes“ schlichtweg als „Quatsch“. Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken und damit die Probleme lösen. Politisch würde man damit in Europa einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, meint Schmieding.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Idee des „Helikoptergeldes“ in die Tat umgesetzt wird?

Das ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn immer mehr Experten warnen, dass die Möglichkeiten der EZB im Kampf gegen die niedrige Inflation ausgeschöpft seien, sieht sich die Notenbank selbst noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten. Sollten am Konjunkturhimmel wieder düstere Wolken aufziehen und große Eurostaaten wie Frankreich oder Italien stärker unter Druck geraten, dann verfüge die EZB immer noch über genügend Munition, versicherte jüngst EZB-Chefvolkswirt Praet in einem Interview. Ganz ähnlich äußerte sich zuletzt auch EZB-Direktor Benoît Coeuré.

Um dieses Szenario zu vermeiden, hat die EZB bereits tief in die Trickkiste gegriffen. Sie hat den Leitzins auf null Prozent gesenkt, kauft für 80 Milliarden Euro im Monat Staats- und Unternehmensanleihen und belegt Einlagen von Banken mit einer Gebühr von 0,4 Prozent. Das alles soll die Kreditvergabe der Banken ankurbeln, was wiederum die Wirtschaft in Fahrt bringen und die Preise antreiben soll. Das sind viele Wenns und Abers auf dem Weg bis zum Geldausgaben. EZB-Ratsmitglieder sagen zwar, eine deutliche Deflation sei so verhindert worden. Doch das eigene Inflationsziel ist eben immer noch in weiter Ferne.

Kommentare (26)

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Herr Alex Lehmann

29.03.2016, 11:33 Uhr

Wenn ich 500 Euro geschenkt bekomme, kaufe ich mir ein Gewächshaus, damit ich selber Gemüse anbauen kann und die 500 Euro dann im späteren dem Wirtschaftskreislauf entzogen werden inkl. aller Verrechnungskosten und schon hab ich aus 500 Euro Konjunktur, mehr als 500 Euro den Wirtschaftsverbrechern genommen... Juhuuu, und jeden Cent den ich nicht umsetze mit eigenem frischen Gemüse ist mir viel mehr wert als der Geldwert...

Account gelöscht!

29.03.2016, 11:39 Uhr

Helikoptergeld ist eine brangefährliche Angelegenheit.

Bisher jedenfalls wissen vermutlich höchstens 10% der Bevölkerung, daß die EZB (wie auch andere große Notenbanken) in riesigem Umfang Geld aus dem Nichts schafft und mittels des Aufkaufs von Staatsanleihen unter das Volk bringt. Bisher hat es nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung begrifffen, daß dieses Geld durch nichts, absolut durch nichts (!) gedeckt ist (siehe Faust II).

Wenn jedoch die Notenbank frisch gedrucktes Geld an jedermann verteilt, wird bei sehr viel mehr Menschen der Groschen fallen. Sie werden beginnen, dem Geld grundsätzlich zu mißtrauen. Wenn der Verfall des Vertrauens in das Geld eine Massenbewegung wird, wird es früher oder später kein Halten mehr geben.

Das Jahr 1923 läßt grüßen.

Im übrigen geht die EZB von einer vollkommen falschen Analyse der Situation aus. Die niedrige Inflationsrate (wobei gleichzeitig die Vermögenspreise explodieren) hat sehr wenig mit binnenwirtschaftlichem Geschehen zu tun und sehr viel mehr mit dem Rückgang der Ölpreise und der Rohstoffpreise insgesamt.

Das sind Vorgänge, die sich auf den Märkten außerhalb Europas abspielen. Europäische Notenbankpolitik hat daher nur einen ganz geringen Einfluß darauf. Helikoptergeld dürfte daher wirkungslos verpuffen bzw. viele Menschen dazu bewegen, sich von dem geschenkten Geld Goldmünzen zu kaufen.

Herr Holger Narrog

29.03.2016, 11:42 Uhr

Ich habe bereits während eines Urlaubs in Brasilien in den 90er Jahren eine Inflation von 1%/Tag erlebt. In den Kiosken hat man die Artikel mit Preisgruppen gekennzeichnet deren Preise täglich angepasst wurden.

Grundsätzlich besteht unser heutiges Geld aus elektrischen Ladungen die dann als Bits und Bytes ausgelesen werden, oder im besten Fall aus einem Stück bunten Papier. Der Wert entsteht durch den Glauben, dass die anderen dieses gleichfalls als wertvoll empfinden. Entsprechend gross ist das Risiko dass die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren.

Aus welchen Gründen immer hat Ausweitung der Geldmenge durch die EZB keine nennenswerte Geldentwertung in Gang gesetzt. Möglicherweise wird sich der Geldüberhang aus irgendeinem Anlass in einem Schub entladen.

Meines Erachtens ist es unverantwortlich mit der Zukunft eines grossen Teils der Bevölkerung die auf ihre Ersparnisse angewiesen sind zu spielen.

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