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16.01.2015

19:57 Uhr

Konsequenzen für die Schweiz

Katerstimmung nach der Franken-Entscheidung

VonHolger Alich

Der Tag danach: Die Notenbank hat den Deich der Kursgrenze gesprengt, die Verteidigung ist der SNB schlicht zu teuer geworden. Die Zeche für die Wirtschaftsprobleme in Europa müssen die Bürger und Unternehmen zahlen.

Getty Images

ZürichGroße Dinge fangen oft klein an. Wie die Turbulenzen um den Schweizer Franken, die seit Donnerstag die Finanzmärkte in Atem halten. Um 10.30 Uhr klickte ich auf die Mail der Pressestelle der Schweizerischen Nationalbank. Wie üblich stand im Betreff nur „SNB Medienmitteilung“. Seit diesem Mausklick ist alles anders.

Auf 22 dürren Zeilen verkündet die Notenbank die Sensation: Die Aufhebung des Mindestkurses. Ich weiß nicht mehr genau, was ich laut ausgerufen habe – ich glaube, es wahr auch wohl ein Schimpfwort dabei. Ich lese den Text zwei oder dreimal. Aber die Begründung für den Schritt verstehe ich nicht.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Da steht was von „Unterschieden in der geldpolitischen Ausrichtung der bedeutenden Währungsräumen“, die die Frankenkurs-Grenze unnötig machen würden. Dass die US-Notenbank Fed ihre Geldpolitik bald straffen, die EZB ihre dagegen weiter lockern wird, ist doch aber nichts Neues, denke ich. Warum also jetzt dieser radikale Schritt?

Über die Webseite des Anlegermagazins „Cash“ will ich einen Blick auf den Franken-Euro-Kurs werfen. Das dauert Minuten, die Seite scheint total überlastet zu sein. Endlich bekomme ich einen Kurs: Und einen Schreck – der Euro ist kaum mehr als einen Franken wert.

Die Schweizer Wirtschaft ist damit exakt am gleichen Punkt angekommen, an dem sie im Herbst 2011 ebenfalls war und die Notenbank die Kurs-Grenze verkündete: Rubel-Krise und Euro-Krise lassen Anleger in den sicheren Hafen Franken flüchten. Wie die Schweizer Export-Industrie jetzt eine Aufwertung von 15 Prozent verkraften soll, ist mir schleierhaft. Über 50 Prozent des Exporte der Schweiz werden nach Europa verkauft.

Auch mich trifft das Ende der Kurs-Grenze: Denn einen Teil meines Gehalts bekomme ich in Euro ausbezahlt. Und dieser Teil ist plötzlich rund 15 Prozent weniger wert. Das fühlt sich nicht wirklich gut an. Ich habe aber kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn die Pressekonferenz der Schweizerischen Nationalbank um 13.15 Uhr will ich auf keinen Fall verpassen. Als einer der ersten Journalisten treffe ich bei der Notenbank ein und kann mir einen guten Platz in der dritten Reihe sichern.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

16.01.2015, 20:28 Uhr

Man kann uns allen nur zu dem Schritt der Schweizer Nationalbank nur gratulieren. Jetzt wird sich in einem hochinteressanten und spannenden Experiment herausstellen, ob eine schwache Währung wirklich eine gute Währung ist, wie es uns die EZB und die politische Klasse in Deutschland vorerzählen, oder ob nicht vielmehr auf längere Sicht die starke Währung auch gut für das Land und die Wirtschaft ist.

Ich bin sehr zuversichtlich, daß es der Schweizer Wirtschaft nach einer turbulenten Übergangsphase gelingen wird, gestärkt aus der Sache herauszukommen. Das wäre dann die Blaupause für den eigentlich längst überfälligen Austritt Deutschlands aus dem Euro, spätestens dann, wenn der EuGH in einem halben Jahr endgültig das Gelddruckprogramm der EZB "alternativlos" durchwinkt.

Warten wir in Ruhe den Ausgang des Experiments ab!

Herr C. Falk

16.01.2015, 20:37 Uhr

Es ist ein Experiment, in der Tat, mit einigen interessanten Veränderungen, die der Schweiz ins Haus stehen.

Übrigens, was den Verlust von Arbeitsplätzten angeht, wenn die Schweizer Exportindustrie tatsächlich leiden sollte, ist dieser Umstand nun wirklich durch Entlassung der überschüssigen deutschen Beschäftigten in der Schweiz zu bewältigen.

Herr Mac Buma

16.01.2015, 20:57 Uhr

Das ist nun eine wirklich sehr dumme Antwort, Herr Falk!
Sie wissen genau, welche Leute mit der angestrebten Stornierung der Personenfreizügigkeit gemeint sind.
Auch bei dieser Idee schüttelt sich das uneinsichtige Europa noch, und dürfte die Schweiz Vorreiter der Umsetzung werden.

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