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24.02.2014

19:04 Uhr

Krise in Schwellenländern

Boom und Blase

VonJörg Hackhausen

Jetzt einsteigen? Nach dem Ausverkauf in den Schwellenländern schwärmen Strategen von einer einmaligen Chance. Doch die Gefahren sind nach wie vor groß. Goldman Sachs kommt zu einer überraschenden Erkenntnis.

Zugleich rückständig und modern: Kühe grasen vor neu hoch gezogenen Hochhäusern im Stadtteil 'Golden City' in Istanbul. dpa

Zugleich rückständig und modern: Kühe grasen vor neu hoch gezogenen Hochhäusern im Stadtteil 'Golden City' in Istanbul.

DüsseldorfAuf einmal wollen alle nur noch raus. Investoren ziehen hastig ihr Geld aus Schwellenländern wie der Türkei, Indonesien oder Südafrika ab. Die Kapitalflucht setzt die Währungen unter Druck und lässt die Aktienmärkte abstürzen. Experten warnen vor einer Ansteckung weiterer Staaten bis hin zu einer weltweiten Krise. Wenige Wochen ist das erst her.

Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Ist der Spuk damit vorbei? Lohnt sich für Anleger sogar schon wieder der Einstieg?

Die ersten Schnäppchenjäger melden sich zu Wort: Nach dem Ausverkauf böte sich eine hervorragende Chance, glaubt Jim O’Neill, der ehemalige Chairman von Goldman Sachs Asset Management. Zwar räumt er ein, dass einige Gegenden im aufstrebenden Teil der Welt „wirkliche Probleme“ hätten. „Aber das als Krise der Emerging Markets zu bezeichnen, ist offen gesagt lächerlich“, so O'Neill. Der Brite hat sich einst das Akronym „BRIC“ als Sammelbegriff für die Märkte in Brasilien, Russland, Indien und China ausgedacht.

Auch Mark Mobius von der Fondsgesellschaft Franklin Templeton meint, die Flucht aus den Schwellenländern nähere sich ihrem Ende. Im Moment kauft er nicht, will aber die Augen offen halten. Bald sei der Punkt erreicht, an dem die Leute sagen: „Hey, die Bewertungen sehen jetzt aber ziemlich gut aus“. Der prominente US-Fondsmanager wirbt seit 40 Jahren für Investments in Asien.

Währungsturbulenzen in Schwellenländern

Türkei

Mit einer drastischen Zinserhöhung hat sich die türkische Notenbank gegen den Kursverfall der heimischen Währung Lira gestemmt. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf 12,0 Prozent angehoben. Der eigentliche Leitzins wurde auf 10 Prozent angehoben von zuvor 4,5 Prozent. Damit soll der Abfluss an ausländischem Kapital gestoppt werden, der die Lira auf ein Rekordtief zum Dollar gedrückt hatte.

Südafrika

Die Zentralbank hob ihren Leitzins wenige Stunden nach der türkischen Entscheidung überraschend auf 5,50 Prozent an, nachdem er lange Zeit auf dem 40-Jahres-Tief von 5,0 Prozent verharrt hatte. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass er in den kommenden Monaten weiter steigen wird. „Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und nicht zögern zu handeln, sollte dies erforderlich sein", sagte Notenbankchefin Gill Marcus. Der Rand war zuletzt so billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Höhere Zinsen könnten aber der erlahmenden Konjunktur weiter zusetzen.

Brasilien

Die Notenbank hat ihren Leitzins seit April 2013 bereits von 7,25 auf aktuell 10,0 Prozent angehoben. Der jüngste Schritt folgte in diesem Monat, als es von 9,5 Prozent nach oben ging. Die Zentralbank signalisierte dabei aber, das Tempo nun etwas zu drosseln. Mit höheren Zinsen soll die Inflation in Schach gehalten werden. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei 5,7 Prozent.

Indonesien

Keine andere asiatische Währung ist 2013 auf so steile Talfahrt gegangen wie die Rupie: Sie büßte ein Fünftel ihres Wertes im Vergleich zum Dollar ein. Das macht Importe teurer, was die Inflation ebenso nach oben zu treiben droht wie das Handelsdefizit. Zu Jahresbeginn hielt die Zentralbank ihren Leitzins unverändert bei 7,50 Prozent. Sie versprach aber, "wachsam" zu bleiben, was den Märkten die Bereitschaft zu Zinserhöhungen signalisiert.

Indien

Die indische Zentralbank hob erst in dieser Woche ihren Leitzins überraschend von 7,75 auf 8,0 Prozent an. Eine weitere Erhöhung ist vorerst nicht geplant. Grund für den Schritt sind kräftig steigende Preise. Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen kann. Vom Inflationsziel sei Indien derzeit "sehr weit entfernt", sagte Notenbankchef Raghuram Rajan. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei 9,87 Prozent. Die Zentralbank will sie bis Januar 2015 auf acht Prozent und ein Jahr später auf sechs Prozent drücken.

Thailand

In dem von politischen Unruhen erschütterten Land hat die Zentralbank im November die Zinsen gesenkt. Sie schreckte im Januar aber vor einer weiteren Kappung zurück. Als Grund für die Zurückhaltung gilt die Furcht, dass die politische Instabilität die Kapitalflucht verstärken könnte.

Ungarn

Notenbankchef György Matolcsy und sein Team haben den Leitzins im Januar auf das Rekordtief von 2,85 Prozent gesenkt. Obwohl die Währungshüter Spielraum für eine weitere Kappung signalisierten, dürften sie laut Experten vom Schwächeanfall des Forint zu einer Zinswende gezwungen werden.

Russland

Der Außenwert der Landeswährung hat dieses Jahr bereits fünf Prozent eingebüßt. Die Notenbank musste schätzungsweise zehn Milliarden Dollar zur Stützung des Rubels aufwenden. Notenbankchefin Elvira Nabiullina ist gewillt, den Kurs notfalls mit allen Mitteln zu stabilisieren. Denn Russland gilt als gebranntes Kind: In der durch massive Kapitalflucht ausgelösten Rubel-Krise von 1998 hatten die Bürger ihre Konten massenweise geräumt.

Die Liste der Großinvestoren, die für eine Rückkehr in die Schwellenländer trommeln, ließe sich fortsetzen. Sie führen ins Feld, die Aktienmärkte der Schwellenländer seien günstig bewertet - im historischen Vergleich und erst recht im Vergleich zu den Industrieländern. Auf den ersten Blick stimmt das auch. Der Schwellenländer-Aktienindex MSCI Emerging Markets weist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund neun auf, die Unternehmen sind also mit dem neunfachen eines Jahresgewinns bewertet. Das KGV für den Dax liegt mit 13 deutlich höher.

Doch jenseits aller Werbebotschaften stellt sich die Welt nicht so einfach dar. Was bringen die Zahlenspiele, wenn mehreren Staaten eine ernsthafte Währungskrise droht oder ein Land wie die Ukraine vor der Pleite steht? Erstens sollten Anleger nach den Gründen fragen, warum es zu dem Ausverkauf kam. Und zweitens ist es wichtig, nach einzelnen Ländern zu unterscheiden; eine homogene Gruppe sind „die Schwellenländer“ nämlich keineswegs, auch wenn sie sich unter diesem Schlagwort besser in einen Fonds verpacken lassen.

Kommentare (4)

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Martin

25.02.2014, 09:48 Uhr

Wieso stehts nichts über Russland?
Villeicht deswegen weil Russland keine schulden mehr hat.
Putin hat alle schulden bezahlt villeicht deswegen ist er bei US/Euromedien so unbeliebt.

Ariadne

25.02.2014, 11:58 Uhr

Sie haben vor allem von EU- Krediten gelebt, die sie nie hätten bekommen dürfen. Und Religion interpretieren sie so, dass sie nicht arbeiten müssen.

hanji

25.02.2014, 19:03 Uhr

"Vergleichsweise gesund stehen auch Südkorea, Taiwan, Polen oder Chile da" sagt Goldman Sachs. Nur dumm, dass Südkorea und Taiwan schon lange keine Schwellenländer mehr sind und in vielen Dingen am Westen plus Japan vorbeigezogen sind. Insofern bleiben nur wenige wirklich sichere Schwellenländer übrig.

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