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12.11.2015

17:34 Uhr

Leitzins in den USA

IWF-Experten raten Fed von rascher Erhöhung ab

Vor dem Treffen der G20 schaltet sich der IWF in die Debatte um eine Leitzinserhöhung in den USA ein. Er rät der Fed dazu, die historisch niedrigen Zinsen vorerst beizubehalten. Die Inflationsaussichten seien zu mau.

Der Chef der Notenbank von Chicago, Charles Evans, teilt die Einschätzung des IWF. Reuters

US-Notenbanker Evans

Der Chef der Notenbank von Chicago, Charles Evans, teilt die Einschätzung des IWF.

Washington/ChicagoDer Internationale Währungsfonds (IWF) rät der US-Notenbank Fed in einem Arbeitspapier von einer raschen Zinserhöhung ab. Die Empfehlung ist in einem Bericht von IWF-Experten für das am Sonntag beginnende Treffen der führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) in der Türkei enthalten. Die Fed solle noch abwarten, bis sich der Arbeitsmarkt weiter aufgehellt habe, heißt es in dem am Donnerstag bekanntgewordenen Papier. Zudem seien weitere klare Anzeichen nötig, dass sich die Inflation stetig dem von der Fed angestrebten Ziel einer Jahresteuerung von zwei Prozent annähere.

Ein Mitglied aus dem engsten Führungskreis der Fed teilt diese Meinung: „Die Inflationsaussichten sind zu mau“, sagte der Chef der Notenbank von Chicago, Charles Evans. Daher könne es durchaus noch bis weit ins nächste Jahr hinein dauern, bis die Preisentwicklung eine geldpolitische Straffung rechtfertige. Die niedrigen Ölpreise und der starke Dollar dämpften die Inflationsrate. Daher rechne er damit, dass die Zentralbank ihr Inflationsziel Ende 2018 noch nicht erreicht haben werde.

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Der US-Arbeitsmarkt zeigt sich so robust wie lange nicht. Laut Notenbank ist sogar die Vollbeschäftigung erreicht. Doch bei den Bürgern wirkt die Rezessionserfahrung nach. Präsident Obama bringt das zur Verzweiflung.

Notenbank-Chefin Janet Yellen hatte jüngst eine Zinserhöhung im Dezember als „durchaus möglich“ bezeichnet. Nach überraschend gut ausgefallenen Daten vom Arbeitsmarkt wird an den Märkten weitgehend erwartet, dass die Fed zum Jahresende ihre Nullzinspolitik nach sieben Jahren beenden wird.

Sie strebt neben stabilen Preisen auch Vollbeschäftigung an. Dieses Ziel ist laut Evans mit einer Arbeitslosenquote von zuletzt fünf Prozent noch nicht ganz erreicht. Er rechne jedoch damit, dass die Rate bis Ende nächsten Jahres unter den Wert von 4,9 Prozent sinken werde. Dann wird Evans aber nicht mehr über den Zins mitentscheiden dürfen, da er wegen des Rotationsverfahrens nur noch im Dezember stimmberechtigt ist.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Von

rtr

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