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15.03.2017

19:44 Uhr

Léon Cornelissen

Kühle Köpfe erkennen Kurschancen

VonPeter Köhler

Was meinen eigentlich die Finanzexperten im Nachbarland zu den Auswirkungen der Wahl in den Niederlanden? Der Robeco-Chefökonom bleibt gelassen, erwartet positive Überraschungen und zieht einen kulinarischen Vergleich.

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte (l) klatscht am in Den Haag (Niederlande) mit Kindern ab, nachdem er in einem Wahllokal hier seine Stimme abgegeben hatte. dpa

Wahlen in den Niederlanden

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte (l) klatscht am in Den Haag (Niederlande) mit Kindern ab, nachdem er in einem Wahllokal hier seine Stimme abgegeben hatte.

Frankfurt.Léon Cornelissen ist Chefökonom beim niederländischen Vermögensverwalter Robeco. Die Gruppe mit Sitz in Rotterdam betreut Gelder in Höhe von 281 Milliarden Euro für private und institutionelle Kunden.

Herr Cornelissen, führt der Konflikt zwischen der Türkei und den Niederlanden zu einer Überraschung im Wahlausgang in Ihrem Land?
Wenn überhaupt, dann wird sicher der amtierende Ministerpräsident Mark Rutte profitieren. Er zeigt in der Krise, dass die Regierung handlungsfähig ist, das wird möglicherweise vom Wähler honoriert. Es gibt in solchen Situationen einen Bonus für den Premierminister.

… und das Fernsehduell zwischen dem Rechtspopulisten Geert Wilders und Rutte, hat das die Lage geändert?
Nein, da gab es inhaltlich nichts Neues, es hatte eher rituellen Charakter.

Sind Sie da nicht zu gelassen bezüglich des Wahlausgangs. Das Referendum der Briten für einen EU-Austritt hatte auch alle überrascht.
Selbst wenn Wilders wider Erwarten die meisten Wähler bekommen sollte, würde niemand mit ihm koalieren wollen. Auch mit 16 Prozent der Stimmen würde sich daran nichts ändern. Das Ergebnis wird eher so aussehen wie Roti, ein Gericht aus Surinam, das bei uns sehr populär ist. Da sind auf dem Teller alle Farben zu sehen, übertragen auf die Parteien wären voraussichtlich Christdemokraten, Grüne und Linksliberale in der Regierungskoalition vertreten.

Also auch Entwarnung für die europäischen Börsen?
Der Wahlausgang wird kaum Auswirkungen auf die europäischen Kapitalmärkte haben. Das signalisierten zuletzt auch die Renditeaufschläge für niederländische Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen. Der Abstand war mit 25 Basispunkten zwar leicht höher als in den Vorwochen, aber immer noch moderat. Größere Sorgen machen sich die Marktteilnehmer über die kommenden Wahlen in Frankreich und ein zu schwaches Wirtschaftswachstum in Italien.

Welche politischen Stolperfallen Anlegern 2017 drohen

Aktien

Von Reuters befragte Analysten sehen den Dax im Schnitt bis Ende 2017 bei rund 11.470 Punkten. Das wäre in etwa auf dem Niveau vom Jahresende 2016 "Die Dividendenrendite ist im Vergleich zu den Anleihe-Renditen weiterhin so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Das Gewinnwachstum der Unternehmen ist in Ordnung", sagt Lars Thörs, Aktien-Chef der Fondsgesellschaft Danske Capital. Gertrud Traud, Chef-Volkswirtin der Helaba, verweist auf einen weiteren Aspekt: „Angesichts weiterhin extrem günstiger Finanzierungsbedingungen dürften Unternehmen auf das bislang nur verhalten eingesetzte Instrument der Aktienrückkaufe zurückgreifen.“

Über weite Strecken kam der Dax 2016 kaum vom Fleck. Das Plus von knapp sieben Prozent seit Jahresbeginn geht zum größten Teil auf die Kursentwicklung im Dezember. Anfang des Monats übersprang der Dax die 11.000er Marke.

Als großen Risikofaktor für die Aktienmärkte sehen Börsianer die Wahlen in Deutschland, Frankreich den Niederlanden und möglicherweise auch in Italien. „Die Welle der populistischen Ergebnisse ist für Europa 2017 eine große Bedrohung“, sagt Craig Erlam, Marktanalyst des Brokerhauses Oanda. Ein zunehmender Nationalismus könnte der Anfang vom Ende der Euro-Zone sein.

Anleihen

An den Rentenmärkten werde es 2017 kaum etwas zu verdienen geben, ist sich Lars Edler, Co-Chefanleger des Bankhauses Sal. Oppenheim sicher. „Bei zehnjährigen Bundesanleihen gehen wir von einer negativen Gesamtrendite von etwa einem Prozent aus.“ Wenig besser dürfte es Anlegern mit US-Staatsanleihen ergehen: Hier sei eine Nullrendite zu erwarten. Die Ökonomen der Rabobank geben sich ähnlich skeptisch: „Wir sind nicht davon überzeugt, dass Donald Trumps Politik der Wirtschaft nachhaltigen Schub verleiht.“ Mögliche politische Spannungen könnten zudem die Attraktivität deutscher und US-Bonds als relativ sichere Anlagen erhöhen und damit die Renditen drücken.

Wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen derzeit mit rund 0,3 Prozent etwa halb so hoch wie zu Jahresbeginn. Ihre US-Pendants rentieren mit knapp 2,3 Prozent zwar höher als Anfang 2016. Jenseits des Atlantik erwarten Börsianer aber auch eine Serie von Zinserhöhungen durch die Notenbank Fed. Staatsanleihen sind seit Jahren für Investoren ein schlechtes Geschäft, da die großen Notenbanken diese Papiere in großem Stil aufkaufen. Damit sollen die Finanzierungskosten für Staaten niedrig gehalten und die Konjunktur angekurbelt werden.

Devisen

Wegen der unterschiedlichen Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantik ist der Euro den Analysten der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank zufolge 2017 auf dem Weg zur Parität. Aktuell notiert die Gemeinschaftswährung bei Kursen um die 1,04 Dollar - rund vier US-Cent weniger als Anfang Januar. Die Experten der Rabobank sagen dagegen ein Ende des Dollar -Höhenfluges voraus. Der konjunktur- und damit inflations- und zinstreibende Effekt höherer Infrastruktur-Investitionen in den USA werde voraussichtlich durch eine restriktivere Handelspolitik zunichte gemacht.

Die Talfahrt des chinesischen Yuan wird dem Commerzbank-Analysten Peter Kinsella zufolge weitergehen. „Der Yuan gilt zwar als künstlich billig, doch ist er die mit Abstand teuerste Schwellenländer-Währung.“ Um Börsenturbulenzen zu vermeiden, werde China seine Valuta aber nur behutsam abwerten. Kinsella sieht den Dollar Ende kommenden Jahres bei 7,15 Yuan. In den vergangenen Monaten kletterte er um rund sechs Prozent auf etwa 6,90 Yuan. Anfang 2016 hatte eine rasche Abwertung der chinesischen Währung ein weltweites Börsenbeben ausgelöst.

Erdöl

Im Januar treten die niedrigeren Förderquoten für die Opec-Staaten in Kraft. Viel hängt davon ab, ob sich die Mitglieder des Export-Kartells sowie Russland an die Vereinbarung halten. Viele Analysten rechnen für das erste Halbjahr mit Preisen um 55 Dollar je Fass (159 Liter). Danach werden die Preise der US-Bank Goldman Sachs zufolge aber fallen. Denn geringere Exporte der Opec und Russlands ließen Raum für Konkurrenten wie die US-Schieferölindustrie.

Dank der geplanten Kürzung der Fördermengen durch die großen Exportländer verteuerte sich die Ölsorte Brent aus der Nordsee binnen Jahresfrist um etwa die Hälfte auf 56 Dollar je Barrel (159 Liter).

Andere Rohstoffe

Auf Kursverluste müssten sich Anleger an den Metallbörsen einstellen, sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Zwar steige durch die geplanten Infrastruktur-Investitionen in den USA und China die Nachfrage, gleichzeitig wachse aber auch das Angebot. Außerdem sei die Rally nach der US-Präsidentschaftswahl überzogen gewesen. Weinberg sieht den Kupfer -Preis bis Ende 2017 bei rund 5600 Dollar je Tonne. Seit September ist der Preis für das wichtige Industriemetall um ein Fünftel auf rund 5538 Dollar gestiegen.

Die Nachfrage nach der „Anti-Krisen-Währung“ Gold wird Analysten zufolge wegen der politischen Unwägbarkeiten anhalten. Die Experten der Commerzbank rechnen damit, dass der Preis für eine Feinunze Gold bis Ende 2017 auf rund 1300 Dollar von derzeit etwa 1150 steigt. 2016 verteuerte sich das Edelmetall um rund zehn Prozent.

Was passiert bei einem „worst case“, einem populistischen Tsunami in diesem Jahr in den Niederlanden, Frankreich und später vielleicht auch in Italien?
Naja, dann würde man wieder die sicheren Häfen anlaufen, deutsche Staatsanleihen zum Beispiel. Aber wer mit kühlem Kopf auf die europäischen Aktien schaut, der erkennt eher Kurschancen, denn nach allen konventionellen Maßstäben – wie etwa dem Kurs-Gewinn-Verhältnis – sind die Werte in Europa günstiger bewertet als die US-Aktien. Man darf aber nicht immer nur die USA und Europa sehen. Asiatische Aktien sind momentan sehr interessant, Titel aus den Schwellenländern auch.

Abgesehen von den Wahlen, was muss man 2017 im Auge behalten?
Nach den Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump haben die Märkte weltweit viel Optimismus eingepreist. Wir hatten seit der Wahl in den USA schöne Monate an den Aktienbörsen gesehen, aber jetzt verändert sich das Umfeld, vor allem wegen der steigenden Renditen an den Anleihemärkten. Die Nullzinspolitik der Notenbanken geht dem Ende entgegen.

Das wäre eher negativ für Aktien. Was spricht denn für die Dividendenpapiere?
Ich denke, dass positive Überraschungen beim Wachstum der Weltwirtschaft gut möglich sind. Erwartet wird für 2017 ein Zuwachs von drei Prozent nach 2,6 Prozent im vergangenen Jahr, aber es kann auch mehr werden. Das sollte man als Impuls für die Börsen nicht unterschätzen.

Sie legen global an - wo haben Sie die Gewichtung ihres Modellportfolios erhöht?
Hochzinsanleihen in Europa sind interessant und auch Anleihen aus Schwellenländern. Bei letzteren haben sie zwar Währungsrisiken, aber die sind in den vergangenen Wochen eher zurückgegangen.

Herr Cornelissen, vielen Dank für das Gespräch.

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