Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.09.2014

16:31 Uhr

Liveblog

Draghi dreht auf

EZB-Chef Draghi überrascht: Erst senkt er den Zins und kündigt dann den Kauf von Firmenkrediten an. Die Entscheidung über Kreditverbriefungen fiel nicht einstimmig. Auf einer Pressekonferenz erläuterte er die Gründe.

EZB-Chef Draghi hat die Märkte mit seiner Zinssenkung überrascht. dpa

EZB-Chef Draghi hat die Märkte mit seiner Zinssenkung überrascht.

FrankfurtNotenbank-Chef Mario Draghi überrascht die Märkte: Er senkt den Leitzins auf historische 0,05 Prozent – und schafft ihn damit quasi ab. Ist dies das Signal für ein entschlossenes Handeln der EZB? Was hat Draghi noch für Überraschungen parat? Verfolgen Sie seine Pressekonferenz im Liveblog.

+++ DIW: Schlechte Nachricht für die Wirtschaft +++
Auch das Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) übt Kritik an der EZB. Die Maßnahme sei „eine schlechte Nachricht für die deutsche und europäische Wirtschaft“, so DIW-Chef Marcel Fratzscher. „Die unerwartete Entscheidung zeigt, dass die EZB sehr viel pessimistischere Erwartungen für Wachstum und Deflation hat, als von vielen befürchtet.“ Die Wirkung der Maßnahmen werde ohnehin nur „moderat“ sein. Gleichzeitig verfehlt die EZB laut Fratzscher derzeit ihr Mandat – die Preisstabilität – „sehr deutlich“. Das DIW erwartet überdies, dass die heutigen Maßnahmen „nicht die letzten sein werden“.

+++ Linke fordert sofortige Senkung der Dispo-Zinsen +++
Die Linkspartei fordert, dass die Banken umgehend die Leitzinssenkung EZB an die Kunden weitergeben. „Die neuerliche Zinssenkung müssen die Banken sofort zum Anlass nehmen, die Dispo-Zinsen deutlich zu senken, denn ansonsten wird die Gerechtigkeitslücke bei den Zinsen immer größer“, sagt die Vize-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Caren Lay, Handelsblatt Online. „Es kann nicht sein, dass die Banken das Geld für lau kriegen und es an die Kunden für zehn Prozent Zinsen weiter verleihen. Das ist eine Gelddruckmaschine für Banken.“

+++ Kritik von öffentlichen Banken +++

Liane Buchholz, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands, kritisiert die Entscheidung der EZB: „Es drängt sich der Vergleich auf, dass die EZB den Euro mittlerweile im späten Sommerschlussverkauf anbietet“, sagt Buchholz laut Mitteilung. Die Zinssenkung werde nicht zur erhofften Stimulation der Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen führen. „Denn selbst der niedrigste Zinssatz wird die Risikobereitschaft der Banken in der Eurozone nicht erhöhen“

Fünf Fragen – Vom ABS-Plan bis zu Anleihekäufen

Ist eine weitere Lockerung auf dem Weg?

Nachdem die EZB ein beispielloses Stützungspaket im Juni angekündigt hat, hatten die meisten Analysten erwartet, dass die Währungshüter sich bis Ende des Jahres mit neuen Maßnahmen zurückhalten. Aber die im zweiten Quartal ins Stocken geratene Wirtschaft, eine schwächere Inflation und die Krise in der Ukraine haben das Bild verändert.

Wird es Veränderungen bei den Langfristkrediten geben?

Die EZB könnte die Konditionen der gezielten Langfristkredite, das Kernstück ihres Pakets vom Juni, attraktiver machen, sagen Analysten. Eine Zinssenkung würde das nach den Worten Draghi bereits „sehr, sehr attraktive Angebot” noch interessanter machen. Die erste Runde der TLTRO-Tender findet diesen Monat statt.

Was passiert mit der Inflation?

Die EZB wird außerdem neue Konjunkturprognosen veröffentlichen. Sie erwartet derzeit, dass die Teuerung sich in den nächsten zweieinhalb Jahren allmählich beschleunigt und von 0,7 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 Prozent 2015 und 1,5 Prozent im letzten Quartal 2016 steigen wird.

Kommt eine quantitative Lockerung?

Nach der Jackson-Hole-Rede von Draghi sagten Analysten von Berenberg bis JPMorgan Chase & Co., dass die Wahrscheinlichkeit für großvolumige Anleihekäufe zugenommen habe. Draghi hatte zusicherte, dass der Rat „alle verfügbaren Instrumente nutzen wird, um mittelfristig die Preisstabilität zu gewährleisten”. Die meisten Analysten sind der Meinung, dass ein QE, sofern es geschehen sollte, 2015 kommen werde.

Was hat Draghi den Staats- und Regierungschef gesagt?

Der EZB-Präsident hat sich in den vergangenen Wochen mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Hollande und dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi getroffen sowie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. In Jackson Hole sagte Draghi, dass die Fiskalpolitik der Regierungen neben Geldpolitik und Strukturreformen „eine größere Rolle” bei der Unterstützung des Wachstums im Euroraum spielen könnte.

+++ Deutsche Ökonomen skeptisch über ABS-Käufe +++
In ersten Reaktionen kritisieren einige deutsche Ökonomen den geplanten Kauf von Kreditverbriefungen (ABS) und Pfandbriefen. „Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt“, sagt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Jetzt stecke sie in einer Liquiditätsfalle. „Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an.“ Damit würde die EZB das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt sei, sagt Sinn. „Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten.“ Der Geschäftsführer des Bankenverbands BDB , Michael Kemmer, kritisiert, dass sich die EZB im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt habe. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutsche, sei nach wie vor gering.

+++ Draghi drängt auf Strukturreformen +++
Draghi fordert die Euro-Länder zu mehr Reformen aufgerufen. Die Anstrengungen müssten verstärkt werden. In einigen Staaten seien Veränderungen schon angegangen worden. „In anderen aber nicht“, betont Draghi. Zugleich fordert er „wachstumsfreundliche Maßnahmen“. Dafür gebe es nach den EU-Haushaltsvorgaben genügend Spielraum. Zunächst müsse man aber sehr ernsthaft über Strukturreformen reden und erst in einem zweiten Schritt über Flexibilität. Frankreich und Italien hatten zuletzt eine Aufweichung des strikten Sparkurses in Europa gefordert. Auch Deutschland sieht inzwischen Möglichkeiten, mehr Geld - etwa für die Infrastruktur - auszugeben, beharrt jedoch im Grundsatz auf dem Sparkurs.

+++ Volksbanken kritisieren Zinssenkung +++

Die Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Andreas Martin, hält die heutige Zinssenkung für „übereilt.“ Erst im Juni habe die EZB ein umfangreiches geldpolitisches Programm zur Belebung der Kreditvergabe beschlossen. Sehr bedenklich sei das von der erneuten Zinssenkung ausgehende negative Signal auf die Sparanreize der Bundesbürger, insbesondere mit Blick auf eine ausreichende private Altersvorsorge.

Kommentare (37)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Theo Gantenbein

04.09.2014, 14:14 Uhr

Die Enteignung der Deutschen Sparer und (Riester-)Rentner geht weiter.

Wir müssen den Gelddruckern in Brüssel die rote Karte zeigen. Bei den kommenden beiden Landtagswahlen ist dazu eine gute Gelegenheit!!!

Sergio Puntila

04.09.2014, 14:28 Uhr

mission accomplished?

und weiter gehts...

Account gelöscht!

04.09.2014, 14:29 Uhr

Draghi treibt die Enteignung der Sparer und damit die Demontage der Mittelschicht weiter aggressiv voran.
Kein Strukturreformen, keine Beteiligung der ehemaligen Nutzniesser, nein in der EUR-Frage geht es nur um Umverteilung, weg von den Bürgern insb. der Mittelschicht, hin zu Banken, Bankern und anderen Versagern ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×