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05.06.2014

15:46 Uhr

Liveblog

Draghi verspricht Geldschwemme - Börse jubelt nur kurz

Die EZB wagt ein Experiment: Als erste große Notenbank verlangt sie für Einlagen der Banken einen Strafzins. Doch das ist längst nicht alles. Draghi verkündet noch mehr. Verfolgen Sie sein Statement im Liveblog.

Die EZB öffnet die Geldschleusen. Banken müssen für ihre Einlagen bei der EZB einen Strafzins zahlen und der Leitzins sinkt. Kommt noch mehr? Draghis Pressekonferenz im Liveblog.

+++ Draghi sieht keine Enteignung +++

Enteignet die EZB die Sparer? „Das ist ein Missverständnis“, sagt Draghi. „Unser Maßnahmenpaket ist genau das Gegenteil davon,“ sagt Draghi. Die EZB sorge für Wachstum. Wenn die Erholung einsetze, dann könnten auch die Zinsen wieder steigen. „Die Sorgen der Sparer sollten ernst genommen werden.“

+++ Noch nicht am Ende +++

Hat die EZB ihr Pulver verschossen? Draghi ist nicht dieser Meinung. „Sind wir am Ende? Nein!“, sagt er auf Nachfrage von Journalisten. „Falls nötig werden wir zügig mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik handeln. Der EZB-Rat ist einhellig in seinem Bekenntnis, im Rahmen seines Mandats unkonventionelle Instrumente zu nutzen, falls es nötig werden sollte, Risiken einer längeren Phase niedriger Zinsen weiter anzugehen.“

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

Eines ihrer wichtigsten Ziele, nämlich die Banken zu einer großzügigeren Kreditvergabe an die Wirtschaft zu bewegen, hat die EZB bislang nicht erreicht. Zum anderen erreichen die europäischen Aktienmärkte - insbesondere der Dax - befeuert durch die niedrigen Zinsen Woche für Woche neue Höchststände. Diese Entwicklung ist jedoch nicht durch die konjunkturelle Entwicklung in Europa unterlegt. Insbesondere für europäische Aktien sehe ich daher die Gefahr für eine Blasenbildung. Last but not least existiert derzeit auch keine wirkliche Deflationsgefahr, die extreme Maßnahmen rechtfertigen würde. Die heutige Entscheidung der EZB geht daher zu weit.

Ulrich Wortberg, Analyst Heleba

Die EZB hat die Markterwartungen mit der Zinssenkung erst einmal erfüllt. Große Überraschungen gab es nicht, von daher wundert es mich, dass der Euro jetzt nachgibt. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Pressekonferenz mit EZB-Chef Mario Draghi, da wird sicherlich noch einiges kommen.

Ulrich Leuchtmann, Devisenstratege Commerzbank

Die Zinssenkung war keine Überraschung. Aber es gibt den Hinweis der EZB, dass noch mehr kommt. Der Markt setzt offensichtlich darauf, dass eine starke Liquiditätsmaßnahme in hohem Umfang kommen könnte oder eine deutliche Andeutung, dass es QE durch die EZB geben könnte - deshalb fällt der Euro. Ich empfinde das allerdings als mutig, denn es könnten ja auch lediglich relativ schwache Maßnahmen verkündet werden.

Marcel Fratzscher, Präsident der deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern. Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Maßnahmen bergen große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte.

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes

Ein negativer Zins auf die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB wird kaum zur gewünschten Belebung der Kreditvergabe und des Interbankenmarktes führen. An Liquidität zur Kreditvergabe mangelt es im Eurosystem nicht. Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern. Die Banken werden daher vermutlich entweder ihre Überschussliquidität weiter abbauen oder lieber Verluste durch den negativen Einlagenzins in Kauf nehmen, als zu hohe Risiken an anderer Stelle einzugehen - etwa durch zusätzliche Interbankenkredite.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

Die EZB hat ihren Hauptrefinanzierungssatz nur um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent gesenkt und nicht wie von den meisten Beobachtern erwartet um 15 Basispunkte. Wenn die EZB ihre Politik in den kommenden Monaten noch einmal lockern wollte, könnte sie ihre Leitzinsen also noch einmal senken und müsste nicht direkt zum Hammer der Staatsanleihenkäufe greifen. Der negative Einlagenzins führt nicht dazu, dass die Banken in den Krisenländern mehr Kredite an die Unternehmen ausreichen. Denn die Banken leiden nicht unter vermeintlich zu hohen Notenbankzinsen, sondern unter dem hohen Bestand fauler Kredite, an dem Negativzinsen nichts ändern. Die wahren Nutznießer des negativen Leitzinses sind die Finanzminister der hoch verschuldeten Krisenländer.

Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkswirt

Die Zinssenkung von heute gibt wenig neue Impulse für richtiges Wachstum. Die EZB muss daher vielleicht sogar noch mehr tun. Für die Sparer ändert sich mit dem heutigen Schritt wenig. Die wichtigste Einkommensquelle für die überwältigende Mehrheit aller Europäer ist ohnehin das Gehalt, der Lohn oder die beitragsfinanzierte Rente. Das alles steigt nur, wenn die Wirtschaft wächst. Dann steigen auch die Zinsen an den Finanzmärkten - übrigens auch ohne die EZB - wieder, denn es wird mehr investiert und die Nachfrage nach Kredit steigt. Wie wir das schaffen, darüber sollten wir derzeit vor allem nachdenken.

+++ Märkte beruhigen sich +++

Die erste Euphorie an den Märkten hat sich gelegt. Nachdem der Dax zunächst bis auf 10.013 Punkten gestiegen war, hat er sich nun deutlich unter 10.000 Punkten eingependelt. Der Euro notiert nur etwa eine Stunde nach Ende der Pressekonferenz wieder über 1,36 Dollar und damit etwa auf dem Niveau vor Bekanntgabe der Zinssenkung.

+++ Nationalistische Parteien bremsen nicht +++
Zu den erstarkenden nationalistischen Parteien in verschiedenen Ländern Europas äußert sich Draghi zurückhaltend. Man müsse sich darüber „Gedanken machen“, aber es führe auch nicht dazu, dass Europa „auf Feld null zurück“ gehen müsse. „Das Europäische Parlament kann weiterhin konstruktiv tätig sein“, sagt Draghi. Und: „Vielfalt ist ein demokratisches Prinzip.“

+++ Reformen statt Steuererhöhungen +++

„Sind wir zufrieden mit den Strukturreformen in einzelnen Ländern?“, fragt Draghi rhetorisch und antwortet: „Ganz klar nein!“ Der Fortschritt sei noch weit davon entfernt, vollständig zu sein. Nötig seien Strukturreformen statt Steuererhöhungen. Die Konsolidierung müsse allerdings in einem wachstumsfreundlichen Umfeld stattfinden.

 

+++ Einstimmige Entscheidung +++

Draghi: „Das heute angekündigte Maßnahmenpaket wurde einstimmig beschlossen.“

+++ Maßnahmen brauchen Zeit +++ 

Draghi erwartet keine schnelle Wirkung der neuen Maßnahmen: „Es wird drei bis vier Quartale dauern, bis wir die Ergebnisse sehen.“

Kommentare (35)

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05.06.2014, 14:28 Uhr

Die Logik hinter dem Maßnahmenpaket will mir vor dem Hintergrund der mit Basel III abermals verschärften Eigenkapitalregeln nicht einleuchten: Die Banken werden genötigt, ihre Liquidität in den "Markt" zu geben, andernfalls zahlen sie drauf. Der Markt sollen die Unternehmen sein, die bisher Schwierigkeiten hatten,an Kredite zu kommen. Kredite an diese Unternehmen kosten nach Basel III viel Eigenkapital. Folge: Höhere Kapitalbindung, weniger Spielraum für anderweitige Kredite. Kurz gefasst: Gib Dein Geld nicht der EZB, sondern den maroden Unternehmen, auch wenn es teuer und unter Risikogesichtspunkten eigentlich nicht statthaft ist.

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05.06.2014, 14:35 Uhr

Markt gesaettigt
Im privaten Bereich (Individien und Unternehmen) ist der Kreditmarkt gesaettigt. Es gibt zu wenig Kunden mit hoher Bonitaet die einen Kredit haben moechten. Es gibt jede Menge Kunden mit niedriger Bonitaet die gerne einenm Kredit haetten aber auch hier haben die Banken aus der letzten Krise (Immoblase) gelernt.
Also bleiben nur Aktien, Immos und natuerlich Staatsanleihen. Bald werden sich GR. & Co. Geld fuer 1-2% leihen koennen. Das verleitet natuerlich dazu beim Geldverschwenden noch einmal richtig Gas zu geben. Natuerlich kann das nicht ewig gut gehen. Die Zeche zahlt am Ende der Sparer weil alternativlos auf Grund des Geldsystems (Schulden == Erspartes). Sparen sollte man deswegen ausschliesslich in Aktien und Sachwerten.

Account gelöscht!

05.06.2014, 14:38 Uhr

Die Währungsunion ist gescheitert. Je eher wir das einsehen, umso eher können wir ein funktionierendes System auf die Beine stellen.

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