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28.02.2013

16:28 Uhr

Mario Draghi

„Mit Marx bin ich Bruder im Geiste“

Euro kann er, Banken, Staatsanleihen sowieso. Doch die Welt des Mario Draghi geht darüber hinaus. Bei einer Rede spricht der EZB-Präsident plötzlich von Ethik und einem Grundsatz, den er als Jesuitenschüler gelernt hat.

EZB-Präsident Mario Draghi: „Unsere gemeinsame Währung soll Frieden zwischen den Nationen sichern und unseren gemeinsamen Wohlstand fördern.“ Reuters

EZB-Präsident Mario Draghi: „Unsere gemeinsame Währung soll Frieden zwischen den Nationen sichern und unseren gemeinsamen Wohlstand fördern.“

Bei einer Ansprache in der Katholischen Akademie in München ist Mario Draghi, aktueller Präsident der Europäischen Zentralbank und früherer Jesuitenschüler, sehr persönlich geworden. Hier die Rede im Wortlaut:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen herzlich für die Einladung zur heutigen Veranstaltung; ich freue mich sehr, hier in München in der Katholischen Akademie zu Gast zu sein. In diesem besonderen Rahmen möchte ich zunächst anmerken, dass diese Veranstaltung zu einem sehr bedeutsamen Zeitpunkt für die katholische Kirche stattfindet: dem Vorabend des letzten Tags des Pontifikats von Benedikt XVI.

Während seiner acht Jahre als Oberhaupt der katholischen Kirche griff Papst Benedikt, ein großer Sohn Bayerns, immer wieder drängende Probleme der modernen Welt auf. Dabei hat er besonders die Bedeutung der Ethik im Wirtschaftsleben unserer globalisierten Welt betont.

Diese Überlegungen sind angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise, die nun schon das fünfte Jahr andauert, aktueller denn je.

Die Krise hat das Vertrauen der Menschen erschüttert, ob der Markt wirklich in der Lage ist, Wohlstand für alle zu generieren. Europas Sozialmodell wurde auf eine schwierige Belastungsprobe gestellt. Während einige wenige unglaubliche Reichtümer anhäufen, sind die Zeiten für viele andere sehr schwer. Ganze Länder leiden unter den Folgen fehlgeleiteter Politik der Vergangenheit; aber auch Marktkräfte, die manchmal nicht kontrolliert werden können, setzen diesen Ländern zu.

In gewisser Weise stellt sich die „soziale Frage“ des 19. Jahrhunderts, welche die Katholische Soziallehre inspiriert hat, neu. Aber heute geht ihre Bedeutung über Ländergrenzen hinaus: Welcher Rahmen ist am besten geeignet, um freies Unternehmertum und individuelles Gewinnstreben mit der Sorge um das Gemeinwohl und die Solidarität mit den Schwächeren zu vereinbaren?

Scheinbar wurde diese Frage in den letzten Jahrzehnten aus rein ökonomischer Perspektive betrachtet. Die unsichtbare Hand des Marktes – wenn man sie frei schalten und walten lässt – bringt letztlich für alle ein besseres Ergebnis, so zumindest die Theorie. Das rationale Handeln des „ Homo oeconomicus“ schien losgelöst von ethischen Erwägungen wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Anstand. In Vergessenheit war geraten, dass für Adam Smith, den Vater der Marktwirtschaft, der „Wohlstand der Nationen“ untrennbar mit seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ verbunden war.

Die Kursentwicklung des Euro seit Einführung

1. Januar 1999

1. Januar 1999: Der Euro wird von den elf Gründerländern der Europäischen Währungsunion (EWU) aus der Taufe gehoben. Der Umrechnungskurs zur D-Mark beträgt 1,95583 DM je Euro.
Am 4. Januar startet der Handel in Sydney - der ersten großen Börse, die nach dem Datumswechsel öffnet - mit 1,1747 Dollar.

Dezember 1999

Der Euro fällt erstmals auf 1,00 Dollar.

Frühherbst 2000

Bei Kursen unter 0,85 Dollar wächst die Befürchtung, der schwache Euro könnte die Weltwirtschaft destabilisieren. Mit Unterstützung der Zentralbanken Japans und der USA greift die EZB der jungen Währung unter die Arme. Doch die Interventionen verpuffen rasch: Am26. Oktober ist ein Euro noch 0,8225 Dollar wert. Eine weitere Interventionsrunde im November hievt ihn wieder auf 0,86 Dollar.

Januar 2002

Die reibungslose Einführung des Euro-Bargelds honorieren die Finanzmärkte mit Euro-Käufen. Im Juli erreicht der Euro wieder die Ein-Dollar-Marke.

März 2003

Der Beginn des Irakkrieges geht zu Lasten des Dollar. Der Euro erreicht wieder sein Einführungsniveau.

September 2003

Finanzminister und Notenbanker der sieben führenden Industrieländer (G7) fordern flexiblere Wechselkurse, was an den Märkten als Signal für den Wunsch nach einem schwächeren Dollar interpretiert wird. Am 28. November 2003 steigt der Euro erstmals über 1,20 Dollar.

September 2007

Nach einer deutlichen US-Zinssenkung im Zuge der Subprime-Krise steigt der Euro über 1,40 Dollar.

Juli 2008

Der Euro erreicht mit 1,6038 Dollar ein Rekordhoch. Nur wenige Tage zuvor - am 11. Juli - hatte übrigens auch der Ölpreis mit 147,50 Dollar je Fass sein Allzeithoch erreicht.

Oktober 2008

Im Sog der Lehman-Pleite ziehen US-Investoren ihre Euro-Gelder ab und drücken ihn bis zum 28. Oktober auf 1,2328 Dollar ,den niedrigsten Stand seit April 2006.

Oktober 2009

Mit den Aktienmärkten steigt zwar auch der Euro - erstmals seit einem Jahr klettert er am 21. Oktober über 1,50 Dollar. Doch das Comeback ist von kurzer Dauer: Griechenland schockiert die Märkte mit der Ankündigung eines etwa doppelt so hohen Haushaltsdefizits wie bislang gedacht.

Dezember 2009, Januar 2010

Mit ersten Herabstufungen Griechenlands durch die Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's sowie Moody's beginnt der Euro seine Talfahrt.

Frühjahr und Sommer 2011

EZB-Chef Jean-Claude Trichet signalisiert am 3. März überraschend für April eine Zinserhöhung. Im Juli folgt sogar eine zweite Zinsanhebung. Am 4. Mai notiert der Euro zeitweise über 1,49 Dollar. Spekulationen über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone bremsen die Gemeinschaftswährung aber für den Rest des Sommers aus. Sie pendelt meist in einer Spanne von etwa 1,40 bis 1,45 Dollar.

Ende Februar 2012

Eine zweite EZB-Geldspritze lässt den Euro wieder steigen. Er schafft es fast bis auf 1,35 Dollar. Banken können sich bei der EZB für drei Jahre zum historisch niedrigen Leitzins von einem Prozent Geld leihen. Zusammen mit der ersten derartigen Aktion vom Dezember greifen die europäischen Banken rund eine Billion Euro ab.

Juni 2012

Die Angst der Investoren vor einer Eskalation der Staatsschuldenkrise ist größer denn je und belastet den Euro. Vor allem Spanien ist wegen seines taumelnden Bankensektors angezählt. Im Juni fällt der Euro bis auf 1,21 Dollar.

Juli 2012

Vor Investoren in London kündigt EZB-Chef Draghi am 26. Juli an, die EZB werde „alles nötige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der vorläufige Wendepunkt in der Euro-Krise. Sofort steigt der Euro deutlich. Innerhalb eines Tages von 1,2118 auf 1,2287 US-Dollar. Wenige Wochen später machte Draghi klar, was das bedeutet: Im Notfall kauft die EZB unbegrenzt Anleihen der Krisenländer. Der Euro startet einen neuen Höhenflug.

Februar bis März 2013

Die Erleichterungs-Rally geht weiter: Anfang Februar steigt der Euro bis auf 1,37 Dollar. Das Hoch hält allerdings nicht lange vor. Wegen Unsicherheiten in Italien und Zypern fällt die Gemeinschaftswährung und notiert aktuell bei knapp unter 1,30 Dollar.

September 2014

Die EZB überrascht die Märkte mit einem neuen Zinssenkungszyklus. Der Euro nimmt seine Talfahrt wieder auf. Signale von EZB-Chef Mario Draghi für weitere Geldspritzen drücken den Euro bis zum Jahresende auf rund 1,21 Dollar.

06. Januar 2015

Der Euro fällt auf 1,1853 Dollar und erreicht damit das Tief von Februar 2006. Zugleich nimmt die Talfahrt der Ölpreise weiter Fahrt auf. Nordseeöl der Sorte Brent verbilligt sich um bis zu 1,7 Prozent auf 50,22 Dollar je Barrel (159 Liter).

Glücklicherweise war dies nicht überall der Fall: In der Jesuitenschule in Italien, die ich besuchte, gab es einen leitenden Grundsatz: unser Streben nach höheren Leistungen muss immer mit Integrität und einer moralischen Zielvorgabe verbunden sein: Es soll letztendlich zur Schaffung einer besseren und gerechteren Welt beitragen.

Ich habe bereits vor einiger Zeit angemerkt, dass es ohne Ethik keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung geben kann. Wir können uns kein Wirtschaftsmodell leisten, in dem Exzesse widerspruchslos toleriert werden, das sich ganz und gar auf die Selbstregulierung der Märkte verlässt und in dem Einzelne glauben, dass alles erlaubt ist und es keine Grenzen gibt. [1] Letztlich muss unser Handeln von höheren moralischen Normen und einer tiefen Überzeugung geleitet werden, dass wir eine Wirtschaftsordnung schaffen, die jedem Einzelnen dient.

In diesem Punkt bin ich Bruder im Geiste mit Marx – wobei ich nicht Karl, sondern Reinhard Marx meine. Kardinal Marx vertritt zu Recht die Meinung, dass die Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern im Dienst des Menschen steht.

Sich um das Wohlergehen seines Nächsten zu sorgen, ist nicht nur ein ethischer Grundsatz des christlichen Glaubens, sondern auch aus ökonomischer Sicht überaus sinnvoll. Niemand weiß das besser als die erfolgreichen bayerischen Unternehmer mit ihren vielfältigen wirtschaftlichen Verbindungen. Interdependenz ist mehr als nur ein Schlagwort. Das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Nachbarländer betrifft uns unmittelbar.

Die Frage und Herausforderung, die sich heute den politischen Entscheidungsträgern Europas stellt, ist also folgende: wie schaffen wir wieder Vertrauen, dass unsere Volkswirtschaften in der Lage sind, Wachstum zu generieren, Wohlstand zu schaffen und somit letztlich den Menschen zu dienen? Wie können wir unser Wirtschaftsmodell derart gestalten, dass die Freiheit des Einzelnen, aber auch soziale Gerechtigkeit ermöglicht wird? Und wie erreichen wir, die Europäische Union, das richtige Gleichgewicht zwischen den Verantwortlichkeiten der einzelnen Länder und denen der Union als Ganzes?

Kommentare (51)

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ubjay

28.02.2013, 16:56 Uhr

Umgekehrt wird ein Schuh draus.
Durch den Euro sind Kriege wieder denkbar und machbar geworden.
Ich kann für mich selber sorgen und brauche dazu weder Draghi mit seinem EZB Ungeheuer noch die EU Bürokraten.
Das endlose Gelddrucken hat mich die Hälfte meiner Kaufkraft gekostet und
Draghi will die andere Hälfte auch noch.
Der soll sich seine salbungsvollen Reden irgendwo hinschmieren.

Account gelöscht!

28.02.2013, 17:00 Uhr

Die EU samt ihrer Politverbrecher MAfia hat geschafft was lange nicht mehr vorstellbar war. Armut, Horrorszenarien, Pleiten und eine zentrale Regierung die niemand will. Dieses Konstrukt gehört so schnell es geht zerschlagen und die Verantwortlichen hinter Gitter.

HaafJohannes

28.02.2013, 17:00 Uhr

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der katholischen Soziallehre entspricht, Spekulanten, Kapitaleigner und Banken zu Lasten der breiten Masse von EU-Bürgern von ihren Verlusten zu befreien und Gewinne und Gehälter der Banken über das 1000-fache der normalen Arbeitnehmer zu ermöglichen. Es entspricht sicher nicht der katholischen Soziallehre, dass Gewinne einer Minderheit in Europa allein privatisiert und die Verluste dieser Minderheit auf Schuldern der breiten Bürger sozialisiert werden. Es entspricht sicher nicht der katholischen Soziallehre, dass eine Euro-Politik und EZB-Politik Massen in die Erwerbslosigkeit führt und reichen Minderheiten den Weg in Steueroasen ebnet, indem man ihnen die Verlustanleihen abkauft. Es entspricht sicher nicht der katholischen Soziallehre, dass Eu-Bürger ungefragt in Haftung für Bankschulden und Schulden fremder Länder genommen werden, ohne dass sie auf zuständige Regierungen demokratischen Einfluss nehmen könnten oder an den Banken als Eigentümer beteiligt wären.

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