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18.09.2016

15:06 Uhr

Megadeal vs. Nachhaltigkeit?

Bayer +592 Punkte, Monsanto -824 Punkte

VonSusanne Bergius, Georgios Kokologiannis

Die Agrar-Großfusion bereitet sozial-ethischen Investoren Probleme. Während Bayer in der Branche oft als vorbildlich in Nachhaltigkeitsfragen bewertet wird, sieht das bei Monsanto anders aus. Ein Problem für die Aktien.

Das Logo des US-Saatgutherstellers ist auf einem Bildschirm der New Yorker Börse zu sehen: Die Aktie notiert derzeit deutlich unter dem, was Bayer bei der Übernahme bietet. Reuters

Monsanto

Das Logo des US-Saatgutherstellers ist auf einem Bildschirm der New Yorker Börse zu sehen: Die Aktie notiert derzeit deutlich unter dem, was Bayer bei der Übernahme bietet.

FrankfurtEs ist ein Megadeal, der vielen Investoren Kopfzerbrechen bereitet. Falls die Kartellwächter rund um den Globus die 66 Milliarden Euro schwere Übernahme von Monsanto durch Bayer genehmigen, entsteht zwar einerseits der weltweit größte Agrar- und Chemiekonzern – mit entsprechender Marktmacht und Ertragsaussicht.

Doch neben der Finanzierung der größten Akquisition, die ein deutsches Unternehmen jemals stemmen musste, beschäftigt nachhaltig orientierte Anleger vor allem ein weiterer entscheidender Aspekt: Lässt sich ein Engagement in Anteilsscheine des neu entstehenden Giganten unter sozial-ökologischen Gesichtspunkten überhaupt verantworten?

Und welche Folgen hätte es für den Aktienkurs und die Anteilseigner, falls Nachhaltigkeitsexperten den Daumen über Bayer-Monsanto senkten? Schließlich entscheidet das Kriterium Nachhaltigkeit bei immer mehr institutionellen Großinvestoren mit darüber, ob überhaupt Anlagekapital in die Dividendenpapiere eines Unternehmens fließen darf.

Milliardendeal mit ungewissem Ausgang

Welche Dimension hat der Deal?

Es ist die größte Übernahme durch einen deutschen Konzern. Mit einer Bewertung von 66 Milliarden Dollar (knapp 59 Milliarden Euro) stellt der Kauf selbst die später wieder aufgelöste „Hochzeit im Himmel“ zwischen den Autobauern Daimler und Chrysler aus dem Jahr 1998 und die Übernahme des US-Telekommunikationsanbieters Voicestream durch die Deutsche Telekom im Jahr 2000 in den Schatten.

Was treibt den deutschen Konzern?

Durch den Zusammenschluss werden die Leverkusener auf einen Schlag zur Nummer eins auf den Märkten für Saatgut und Pflanzenschutz aufsteigen. Bayer sichert sich nicht nur wichtige Schlüsseltechnologien etwa bei genverändertem Saatgut, sondern kann auch von Monsantos führender Rolle beim sogenannten „digital farming“ – der Nutzung digitaler Techniken für die Landwirtschaft – profitieren.

Aber rechtfertigt das den hohen Preis?

Bayer-Chef Werner Baumann glaubt: Ja. Der Manager sieht angesichts der schnell wachsenden Weltbevölkerung enorme Wachstumschancen im Agrarbereich. Schließlich müssten bis 2050 drei Milliarden Menschen zusätzlich ernährt werden. Außerdem müsse die Menschheit die Folgen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft in den Griff bekommen. Auch hier könnten Bayer und Monsanto zusammen wegweisende Antworten geben.

Und was spricht gegen die Übernahme?

Zum einen das schlechte Image von Monsanto. Der US-Biotechnologiekonzern steht in Europa seit Jahren wegen seiner gentechnisch veränderten Produkte in der Kritik. Außerdem vertreibt Monsanto den Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Doch ist Baumann überzeugt, die Reputationsprobleme in den Griff bekommen zu könne. Kritiker monieren außerdem die künftige Marktmacht von Bayer und Monsanto - diese gehe zu Lasten von Landwirten und Verbrauchern.

Welche Risiken beinhaltet die Übernahme sonst noch?

Im Wesentlichen sehen die Experten zwei große Herausforderungen: Zum einen die unterschiedlichen Firmenkulturen. Das Beispiel Daimler-Chrysler hat gezeigt, dass auch mit großen Vorschusslorbeeren versehene transatlantische Firmenbündnisse scheitern können. Zum anderen ist der hohe Kaufpreis eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn der zuletzt schwächelnde Markt für Saatgut und Agrarchemikalien in den nächsten Jahren einen kräftigen Aufschwung erlebt. Doch ob dies wirklich zu erwarten ist, darüber sind Branchenkenner durchaus unterschiedlicher Meinung.

Die Übernahme ist also ein Risiko?

Das auf jeden Fall. Aber sie ist auch eine Chance für den Konzern. Denn sie rundet den Umbau von Bayer vom chemisch-pharmazeutischen Mischkonzern zum Spezialisten rund um die Gesundheit von Mensch, Tier und Pflanze ab.

Welche Rolle spielt die Verschuldung?

Die Mega-Übernahme wird die Verschuldung der Leverkusener zumindest kurzfristig kräftig in die Höhe treiben. Angesichts der globalen Niedrigzinsen und eines erwarteten robusten Barmittelzuflusses aus dem laufenden Geschäft erscheint dies vielen Experten aber tragbar.

Ist die milliardenschwere Übernahmen jetzt endgültig unter Dach und Fach?

Noch nicht ganz. Zwar hat die Monsanto-Führung jetzt eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet, doch auch die Aktionäre von Monsanto müssen dem Geschäft noch zustimmen und sich bereit erklären, ihre Aktien zum von Bayer gebotenen Preis von 128 Dollar je Aktie zu verkaufen. Allerdings gilt dies als sehr wahrscheinlich. Immerhin bedeutet das Angebot einen Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Kurs vor Bekanntwerden der Bayer-Übernahmepläne. Außerdem müssen die Kartellbehörden noch grünes Licht geben.

Und was sagen die Behörden?

Trotz der schieren Größe dürfte die geplante Übernahme bei den Kartellbehörden auf vergleichsweise wenig Widerstand stoßen. So ist Monsanto vor allem in Amerika stark, Bayer in Europa und Asien, ein Monopol droht dort daher kaum. Nur bei einzelnen Agrargütern wie Mais könnten Überlappungen die Wettbewerbshüter auf den Plan rufen. Sie dürften aber wohl nur bei einzelnen Produkten Anpassungen verlangen, erwarten Experten.

Die ersten Reaktionen von Umwelt- und Naturschutzverbänden auf die Bekanntgabe des angepeilten Zusammenschlusses geben einen Vorgeschmack darauf, gegen welche Vorwürfe sich der neue Riese künftig wird wehren müssen: „Sollten die Kartellbehörden die Fusion durchwinken, würde der neu entstehende Megakonzern eine marktbeherrschende Stellung im Bereich Saatgut, Gentechnik und Pestizide bekommen", sagte die BUND-Gentechnikexpertin Heike Moldenhauer.

Der neue dominante Marktführer könnte künftig diktieren, was Landwirte anbauen und welche Produkte auf dem Markt verfügbar seien, fürchtet die Fachfrau. Zudem würde die Umwelt durch noch mehr Monokulturen und Gentechpflanzen leiden. Auch Greenpeace bezeichnete es als „schlechten Nachricht für nachhaltige Landwirte, Verbraucher und die Umwelt" und sieht eine „bislang ungekannten Marktmacht“ für das geplante Unternehmen. „Die Lobbymacht des neuen Konzerns wird wachsen", warnt Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann.

Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer weckt bei nachhaltig orientierten Investoren zwar schon bisher zwiespältige Gefühle. Die Aktie ist dennoch in einigen nachhaltigen Indizes und Fonds enthalten. Unter anderem im „Dow Jones Sustainability World Index“. Die Mitgliedschaft Bayers in diesem meistbeachteten Nachhaltigkeitsindex wurde erst vergangene Woche bestätigt.

Das Unternehmen ist zum siebzehnten Mal in Folge in diesem Nachhaltigkeitsbarometer seit dessen Gründung im Jahr 1999 vertreten. Der DJSI World umfasst rund dreihundert Konzerne, die hinsichtlich ihrer Leistungen als die besten ihrer jeweiligen Branche gelten. Sie sind demnach die vorbildlichsten zehn Prozent der 2 500 Mitglieder des Dow Jones World Index'. Analysiert werden drei Dimensionen: die ökonomische, die ökologische und die soziale.

Drei Nachhaltigkeitsfonds halten die Bayer-Aktie als eines der Top-Investments mit um die drei bis vier Prozent: Axa WF Framlington Eurozone RI, Goldman Sachs Global Responsible Equity Portfolio (GSAM Global Sustain Equity Portfolio) und Euro Capital Durable. Bei vielen strengen Nachhaltigkeitsfonds jedoch führen schon einfache Ausschlusskriterien zum Ausschluss von des Leverkusener Konzerns.

Dagegen ist Monsanto nur im ECPI Global Megatrend 100 Equity Index notiert - laut eigenen Angaben handelt es sich um einen Ethikindex. Im deutschsprachigen Raum ist der US-Konzern gemäß der Plattform nachhaltiges-investment.org nur in einem Nachhaltigkeitsfonds einer der Top-Werte: im DWS Invest Global Agribusiness, der sich als nachhaltiger Themenfonds positioniert. Bei den bedeutenden Nachhaltigkeits-Ratingagenturen gilt Monsanto sogar ausnahmslos als ein „No Go“.

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