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22.12.2015

17:31 Uhr

Musterdepots

„Die EZB gibt kein glückliches Bild ab“

Die Depotstrategen beschäftigen sich mit dem Thema, warum die Rally zum Jahresende bisher leider ausgeblieben ist. Sie finden die unterschiedlichsten Erklärungen für die derzeitige Börsenschwäche.

Daniel Hupfer

Daniel Hupfer

Düsseldorf Die von uns erhoffte Rally zum Jahresende ist bisher leider ausgeblieben, und aus markttechnischer Sicht sinken auch die Chancen, dass die Aktienmärkte in den nächsten Tagen zu einem finalen Schlussspurt ansetzen werden. Es ist nicht leicht, für die eher schwache Entwicklung der letzten Tage einen „Schuldigen“ zu finden. Der oft zitierte niedrige Ölpreis überzeugt uns nicht richtig. Prinzipiell müssten fallende Ölpreise für die Mehrheit der börsennotierten Unternehmen eher zu steigenden Gewinnen führen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass arabische Staatsfonds im Moment eher Aktien verkaufen, um steigende Staatsdefizite aufgrund fallender Ölpreise zu kaschieren oder zu finanzieren.

Daniel Hupfer

Der Anleger

Daniel Hupfer arbeitet für M.M.Warburg. "Wir präferieren die Direktanlage, das heißt im Wesentlichen kaufen wir Aktien und Anleihen, Fonds nur bei bestimmten Themen, wie China. Zertifikate grundsätzlich nicht", sagt er.

Die Strategie

Wir werden die "Handelsblatt"-Anlagestrategie offensiv ausrichten. Das bedeutet, unser Fokus liegt auf chancenorientierten Wertpapieren, wie beispielsweise Aktien. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase und eines enormen Anlagedrucks halten wir Aktien und Unternehmensanleihen nach wie vor für attraktiv. Zwar sind Aktien nicht mehr günstig bewertet. Aufgrund unseres positiven Konjunkturszenarios sollten aber die Unternehmensgewinne weiter steigen und sich damit die aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse wieder relativieren. Wir halten die Region Europa für am interessantesten. Hier gibt es am Aktienmarkt noch Aufholpotential. Der US-Aktienmarkt ist etwas höher bewertet, allerdings sehen wir auch hier noch Potential.


Die Regeln

Jeder Kommentator startet mit einem fiktiven Anfangskapital von 100.000 Euro. Zu Beginn werden maximal drei Wertpapiere gekauft. Danach steht es den Kommentatoren frei, in welchen Abständen sie gemäß ihrer Anlegerperspektive konservativ, chancenorientiert oder spekulativ in Wertpapiere investieren. Es werden Gebühren für Kauf und Verkauf von 0,5 Prozent angenommen und vom Barbestand abgezogen. Zinsen und Dividenden werden dem Barbestand zugebucht. Die Depotzusammensetzung muss sich nicht täglich ändern. Ein Redakteur kann an einigen Tagen eine Kommentarpause einlegen - das Portfolio kann sich dennoch ändern.

Wenig hilfreich war zudem der Ausgang der Wahl in Spanien. Im schlimmsten Fall werden dort im nächsten Jahr Neuwahlen fällig, weil keine funktionsfähige Regierung gebildet werden kann. Auch die EZB sorgt derzeit eher für Verwirrung. Die bisherigen Aussagen zu den geheimen Wertpapierkäufen im Rahmen des Anfa-Programms lassen viele Fragen offen und stehen im Gegensatz zu dem, was die EZB von Geschäftsbanken einfordert, nämlich Transparenz und Nachvollziehbarkeit. All dies ändert aber nichts daran, dass Aktienmärkte nach wie vor vergleichsweise günstig bewertet sind und im Vergleich zu Anleihen deutlich attraktiver erscheinen.

Bei den sog. Anfa-Käufen (Anfa steht für „Agreement on net-financial assets) handelt es sich um Wertpapierkäufe, die nationale Notenbanken des EZB-Systems quasi auf eigene Rechnung und eigenes Risiko tätigen. Erst in den letzten Wochen ist der breiteren Öffentlichkeit der Umfang dieser Käufe bekannt geworden; Ende 2014 lag das Volumen bei über 720 Milliarden Euro, inzwischen könnte sich das Volumen der 800 Milliarden-Grenze nähern, wenn man die Wachstumsraten der letzten Jahre nach vorne interpoliert.

Das ist für sich genommen ein geradezu ungeheuerlicher Vorgang. Welchen Sinn kann es machen, wenn die Finanzwelt bei jeder Pressekonferenz an den Lippen von Mario Draghi hängt, um feinste Nuancen in der Veränderung der offiziellen EZB-Geldpolitik finanzmarkttechnisch einzuordnen, wenn gleichzeitig – sozusagen versteckt im Keller – ein geldpolitisches Programm von gewaltigen Dimensionen stattfindet, das aber unkommentiert und weitgehend unbekannt bleibt. Und es kommt noch extremer: Während das offizielle QE-Programm der EZB darauf bedacht ist, auf Proportionalität bei den Aufkäufen von Staatsanleihen zu achten, um nicht einen Markt stärker als andere zu begünstigen, gibt es genau diese Proportionalität unter dem Anfa-Programm nicht. Wie man es auch dreht und wendet: Die EZB gibt im Moment kein glückliches Bild ab.

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