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15.06.2015

19:53 Uhr

Musterdepots

Sind die Griechen Verhandlungsdilettanten?

Griechenland überlagert die Börsen. Auch die Autoren der Musterdepots kommen an dem Thema nicht vorbei. Der Verhandlungsmarathon erschwert auch ihnen das tägliche Handeln an den Aktienmärkten.

Daniel Hupfer

Daniel Hupfer

Seit Tagen ist die Marktentwicklung durch die Nachrichtenlage in Athen, Brüssel und Berlin geprägt. Fast minütlich ändern sich die Kurse an den Märkten in Abhängigkeit davon, ob Reuters oder Bloomberg von Fortschritten oder Rückschlägen in den Rettungsgesprächen berichteten. Dabei fragt man sich zunehmend, welche Strategie die griechische Regierung tatsächlich verfolgt. Gibt es eine von vielen vermutete spieltheoretisch motivierte Handlungsstrategie, oder ist das Vorgehen eher ein Zeichen von Dilettantismus, gepaart mit hoffnungsloser Selbstüberschätzung?

Daniel Hupfer

Der Anleger

Daniel Hupfer arbeitet für M.M.Warburg. "Wir präferieren die Direktanlage, das heißt im Wesentlichen kaufen wir Aktien und Anleihen, Fonds nur bei bestimmten Themen, wie China. Zertifikate grundsätzlich nicht", sagt er.

Die Strategie

Wir werden die "Handelsblatt"-Anlagestrategie offensiv ausrichten. Das bedeutet, unser Fokus liegt auf chancenorientierten Wertpapieren, wie beispielsweise Aktien. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase und eines enormen Anlagedrucks halten wir Aktien und Unternehmensanleihen nach wie vor für attraktiv. Zwar sind Aktien nicht mehr günstig bewertet. Aufgrund unseres positiven Konjunkturszenarios sollten aber die Unternehmensgewinne weiter steigen und sich damit die aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse wieder relativieren. Wir halten die Region Europa für am interessantesten. Hier gibt es am Aktienmarkt noch Aufholpotential. Der US-Aktienmarkt ist etwas höher bewertet, allerdings sehen wir auch hier noch Potential.


Die Regeln

Jeder Kommentator startet mit einem fiktiven Anfangskapital von 100.000 Euro. Zu Beginn werden maximal drei Wertpapiere gekauft. Danach steht es den Kommentatoren frei, in welchen Abständen sie gemäß ihrer Anlegerperspektive konservativ, chancenorientiert oder spekulativ in Wertpapiere investieren. Es werden Gebühren für Kauf und Verkauf von 0,5 Prozent angenommen und vom Barbestand abgezogen. Zinsen und Dividenden werden dem Barbestand zugebucht. Die Depotzusammensetzung muss sich nicht täglich ändern. Ein Redakteur kann an einigen Tagen eine Kommentarpause einlegen - das Portfolio kann sich dennoch ändern.

Vermutlich können nicht einmal die direkt betroffenen Verhandlungsteilnehmer auf der Seite der sogenannten Institutionen diese Frage mit hinreichender Sicherheit beantworten. Allerdings hat das Verhalten der griechischen Regierung in den letzten Tagen dazu geführt, dass die Wahrscheinlichkeit eines wie auch immer gearteten „Greccidents“ eher auf über 50 Prozent gestiegen ist.

Das scheinbar ziellose Taktieren und Lavieren erscheint zumindest einem externen Beobachter irrational und passt nicht in Verhaltensmuster anderer Länder in vergleichbaren Fällen. Aber ist es wirklich so irrational, einen Zusammenbruch des Landes auf diese Weise in Kauf zu nehmen? Schließlich hatten die Griechen inzwischen genug Zeit, ihr Vermögen in das Ausland zu bringen und die Bargeldbestände unter das Kopfkissen zu legen. Saldenmechanisch wird diese Kapitalflucht durch das EZB-System finanziert, wo jetzt die Risiken liegen. 

Zudem weiß die griechische Regierung genau, dass es de facto keinen Weg gibt, die griechischen Staatsfinanzen wieder auf einen nachhaltig finanzierbaren Kurs zu bringen. Wenn dem so ist, kann ein Zahlungsausfall und damit ein Default für ein Land sogar eine vergleichsweise attraktive Möglichkeit sein, wenn man die damit verbundenen Lasten so weit wie möglich ins Ausland verlagert. Genau das macht Griechenland mit wachsendem Erfolg täglich, denn sämtliche derzeitigen Vorgänge - wie der extreme Aufbau von Target2-Salden oder die Refinanzierung griechischer Banken über staatlich garantierte sogenannte Phantombonds - führen dazu, dass das Ausland im Extremfall auf gigantischen Forderungen von etwa 400 Milliarden Euro sitzenbleibt, Tendenz steigend.

Kommentare (2)

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Herr Thomas Albers

15.06.2015, 20:26 Uhr

"Das scheinbar ziellose Taktieren und Lavieren erscheint zumindest einem externen Beobachter irrational und passt nicht in Verhaltensmuster anderer Länder in vergleichbaren Fällen."

Tsipras und Varoufakis haben ihre Position anfangs überschätzt. Der Plan sah vor, Deutschland mittels konfrontativen Ansatz zu isolieren. Das hat nicht geklappt. In der ökonomischen Sache haben die beiden zum Teil die richtigen Schlüsse gezogen, nämlich dass der griechische Krise nur mithilfe eines Schuldenschnitts (und weitere Maßnahmen) beizukommen ist. Sie sind davon ausgegangen, dass andere politische, europäische Größen lediglich in dieser Sache überzeugt werden müssen. Vermutlich haben sie gedacht, dass nur ein Informationsdefizit oder ähnliches vorliegt. Das ist leider nicht der Fall, denn hier überwiegen (Ordnungs-) politische sowie länderspezifische innenpolitische Erwägungen. Der ökonomische Aspekt ist nur zweitrangig.

Tsipras und Varoufakis haben nicht genug europapolitische Erfahrung um zu verstehen, wie man in der EU Mehrheiten organisiert und Verbündete findet. Konfrontation ist kontraproduktiv - er hätte mit Merkel und anderen unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Weg finden müssen, wie man einen Schuldenschnitt realisiert, so dass beide gesichtswahrend herauskommen. Die Griechen haben den schweren Fehler gemacht, ihre Forderungen zunächst über die Presse zu "kommunizieren" und sich somit festgelegt und beide Seiten in eine Art Sackgasse manövriert. Im Grunde genommen wissen Tsipras und Merkel, dass Griechenland den Schuldenschnitt bekommt - so oder so - aber die Griechen machen es allen unnötig schwer. Scih so zu verhalten, als hätten die Griechen nichts zu verlieren, ist jedenfalls sehr kurzsichtig.



Herr Thomas Albers

15.06.2015, 20:30 Uhr

Und natürlich versucht Tsipras den Spagat zwischen Wahlversprechen und Kompromiss, worauf ein Teil des Lavierens und Taktierens zurückzuführen ist. Teile seiner Parteigenossen und Koalitionspartner sind auch "kein echtes Geschenk".

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