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24.01.2017

15:59 Uhr

Mythos oder Weisheit

Über Geld spricht man nicht? Von wegen!

VonJessica Schwarzer

Es gibt viele scheinbar heilige Regeln, vor allem wenn es um das liebe Geld geht. Doch mancher Spruch ist bloß ein Mythos – und manchmal auch schlicht falsch. Andere hingegen sind mehr als wahr. Experten machen den Test.

Euro-Banknoten und Euromünzen: Ob aus Neid, Missgunst oder Angst – Finanzen sind selten ein Thema. dpa

Geldscheine

Euro-Banknoten und Euromünzen: Ob aus Neid, Missgunst oder Angst – Finanzen sind selten ein Thema.

DüsseldorfWas der Nachbar, ja sogar der enge Freund verdient, geht uns nichts an. Wie er sein Geld anlegt auch nicht. Überhaupt sind finanzielle Dinge geheim zu halten. Das ist in Deutschland, mehr noch als in anderen Ländern, ungeschriebenes Gesetz. Ganz klar: Über Geld spricht man nicht!

Ob aus Neid, Missgunst oder Angst – Finanzen sind selten ein Thema. Dabei müssen doch nicht immer gleich alle Geheimnisse verraten werden. „Man kann auch über Geld reden, ohne gleich die eigene Steuererklärung zu veröffentlichen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt von der Dekabank. Er ist überzeugt: „Über allgemeine Geldthemen mit praktischen Hinweisen für die eigenen Finanzen wird zu wenig gesprochen. Die Deutschen gehen lieber zum Zahnarzt als zum Anlageberater.“ Und die meisten tauschen sich auch lieber über ihre Gesundheit oder ihre Krankheiten aus als über Zinsen oder Dividenden.

Die schlechtesten Anlagen 2016

Sparbuch

Seit Jahren lässt sich mit dem Sparbuch nichts mehr verdienen. So war es auch 2016. Wer Anfang des Jahres 100.000 Euro anlegt hat einen Gewinn von gerade mal 50 Euro – entsprechend von 0,05 Prozent gemacht. Immerhin verloren Anleger aber zumindest nominal – also ohne Berücksichtigung der Inflation – auch nichts.

Alle Angaben ohne Transaktionskosten. Stand 30.12.2016

Mexikanischer Peso

Dem mexikanischen Peso – dem zweitgrößten Verlierer der Hauptwährungen zum Euro – machte der Wahlsieg von Donald Trump zum US-Präsidenten zu schaffen. Kein Wunder, die USA sind Mexikos wichtigster Handelspartner, doch Trump will den Handel massiv besteuern und die Grenzen zu Mexiko dichter machen- auch wenn zuletzt vom dem im Wahlkampf propagierten Mauerbau nichts mehr zu hören war. Wer zu Jahresbeginn 100.000 Euro in mexikanischen Peso anlegt, verfügte Ende des Jahres jetzt nur noch über 89.510 Euro.

Britisches Pfund

Das knappe Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union schockte am 24. Juni Europa die ganze westliche Welt. Der britische Aktienmarkt erholte sich – wie auch andere europäische Börsen – von dem Schock zwar recht schnell und legte zweistellig zu. Doch das britische Pfund selbst steht weiter unter massivem Druck. Zum Euro hat es in diesem Jahr gut 13 Prozent verloren und damit so viel wie keine andere Hauptwährung. Aus 100.000 in Pfund investierten Euro wurden so nur noch 86.980 Euro.

Aktien China

Der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft verunsichert Anleger weltweit seit anderthalb Jahren. Das spiegelt sich auch der Börse wider. Der Leitindex CSI 300, der die 300 größten Aktien Festlandchinas erfasst, verlor über elf Prozent. Da gleichzeitig der Yuan zum Euro weiter abwertete, bleiben Anlegern die 100.000 Euro in den Index investiert haben, nur 85.450Euro übrig.

Aktien Ägypten

In Ägypten gab die Zentralbank den Wechselkurs im November frei, das ägyptische Pfund stürzte ab. Der ägyptische Leitindex EGX 30 gewann zwar über 70 Prozent - Euro Anleger hatten aber am Jahresende von 100.000 investierten Euro nur noch 79.570 Euro übrig.

Aktien Ghana

Der Aktienindex der ebenfalls sehr kleinen Börse in Ghana, verlor ebenfalls stark. Von 100.000 Euro bleiben nur 77.840 Euro übrig. Die agrarisch strukturierte Wirtschaft des als Musterdemokratie auf dem Kontinent geltenden Landes, schrumpft. Das Land ist stark vom Export von Rohstoffen wie Gold, Öl, Kakao und Edelhölzern abhängig. Dabei steigen zwar im vergangenen Jahr viele Rohstoffpreise, doch der Kakaopreis brach um fast ein Drittel ein.

Aktien Nigeria

Deutsche Anleger, die 2016 an der kleinen nigerianischen Börse 100.000 Euro investierten, hatten Ende des Jahres nur noch 61.390 Euro auf dem Konto. Das lag vor allem daran, dass die Währung Naira im Sommer einbrach, nachdem die Zentralbank die Anbindung der heimischen Währung an den Dollar aufgab.

Über Geld spricht man nicht? Das ist definitiv kein guter Ratschlag? Dieser Spruch ist ganz klar ein Mythos und keine Weisheit. „Wer über Geld nicht spricht, begeht einen großen Fehler“, ist auch Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank, überzeugt. Aber eigentlich gibt es in Deutschland beim Thema Geld nicht viel, worüber es sich zu sprechen lohnt. Die Bundesbürger legen ihr Geld extrem konservativ an. Sie bevorzugen Spareinlagen und meiden Aktien.

Nur gut neun Millionen Aktionäre und Aktienfondsbesitzer zählt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Das sind rund 14 Prozent der Bevölkerung. Alle anderen lassen die Finger von dieser Anlageform. „Die Deutschen sparen sich lieber mit Zinsprodukten ärmer statt sich über Aktien am Produktivkapital der Volkswirtschaft zu beteiligen“, sagt Thomas Richter, Geschäftsführer des Fondsverbands BVI. „Damit verzichten sie auf höhere Ertragschancen, auch in der privaten Altersvorsorge.“ Aber die meisten haben Vorurteile: zu riskant oder/und nur was für Profis, heißt es oft. Dabei sind Aktien langfristig die renditestärkste Anlageklasse überhaupt. Das hat sogar die Bundesbank höchstamtlich in einem ihrer Monatsberichte festgestellt.

Doch das Geld der Deutschen liegt einfach nur rum, anstatt wirklich investiert zu werden. In Zeiten von Niedrigst- und sogar Nullzinsen ist das allerdings fatal. Vielen Sparern ist das zwar bewusst, doch sie handeln trotzdem nicht. „Geldanlage ist heute weitaus komplexer als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren“, sagt Schickentanz. Ein Privatanleger sei kaum in der Lage, alle relevanten Risiken an den Märkten auszumachen und das eigene Depot darauf bestmöglich abzustimmen. Schickentanz plädiert deshalb – wenig überraschende – für den Dialog mit versierten Beratern und Kapitalmarktexperten.

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