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27.08.2015

08:13 Uhr

Nach dem Börsen-Crash

„Das war mein einmal erreichter Wohlstand“

VonJessica Schwarzer

Die extremen Kursauschläge der vergangenen Tage haben selbst Profis überrascht. Carsten Mumm von Donner & Reuschel über ein Wechselbad der Gefühle und einen Dax, der noch sehr viel weiter fallen könnte.

Ein Börsenhändler sitzt in der Börse in Frankfurt unter der Dax-Kurve vor seinen Monitoren. Nach dem herben Kurssturz vom  Mointag konnte sich der Dax wieder erholen. Doch er dürfte bald wieder abwärts gehen, warnt Carsten Mumm von der Bank Donner & Reuschel. dpa

Börse Frankfurt/Main

Ein Börsenhändler sitzt in der Börse in Frankfurt unter der Dax-Kurve vor seinen Monitoren. Nach dem herben Kurssturz vom Mointag konnte sich der Dax wieder erholen. Doch er dürfte bald wieder abwärts gehen, warnt Carsten Mumm von der Bank Donner & Reuschel.

DüsseldorfDas Börsenbeben vom Vortag steckt Anlageprofi Carsten Mumm noch in den Knochen, doch an diesem Dienstag sieht die Welt schon ganz anders aus. Wir treffen uns am stilvollen Sitz der Privatbank Donner & Reuschel in Hamburg. Vom Konferenzraum aus hat man einen wundervollen Blick über die Binnenalster und die wundervollen Gebäude rund um das Gewässer. Doch ganz so ruhig und entspannt, wie es die Aussicht suggeriert, ist die Lage nicht. Auch wenn der Dax gerade die Marke von 10.000 Punkten zurückerobert hat.

Herr Mumm, wie haben Sie die vergangenen Tage an den Märkten erlebt?
Ein Wechselbad der Emotionen. Wenn man den ganzen Tag vor dem Computer sitzt und sieht, wie die Märkte ins Bodenlose fallen, dann ist das schon ein bedrückendes Gefühl. Übrigens auch unabhängig davon, wie man positioniert ist.

Wir sind Sie denn positioniert?
Wir haben die Aktienquoten sehr deutlich abgebaut in den letzten Wochen und Monaten. Rein auf die Kursentwicklung bezogen, ist es gar nicht so dramatisch, was am Montag in den Portfolios unserer Kunden passiert ist. Aber trotzdem ist ein solcher schwarzer Börsentag ein bedrückendes Gefühl. Es geht ja auch um das große Ganze, Weltkonjunktur. Was passiert in China? Was passiert mit den Schwellenländern?

Wie haben Sie sich dann am Dienstagmorgen gefühlt, als die Märkte mit starken Kursgewinnen eröffnet haben?
Alles, was da gerade an den Märkten passiert, vor allem nach dem Absturz vom Montag, kann man gar nicht so richtig für voll nehmen. In meinen Augen ist das, was wir zu Wochenbeginn und auch schon am Freitag erlebt haben, so ein Schlag ins Kontor, da muss sich der Markt erst mal finden. Es kann nach wie vor in beide Richtungen gehen. Das zeigt ja auch die Reaktion am Dienstagmorgen. Vorbörslich ist es kräftig hin und her gegangen. Jetzt sind wir wieder über 10.000 Punkten.

Leiter Asset Management bei der Bank Donner & Reuschel.

Carsten Mumm

Leiter Asset Management bei der Bank Donner & Reuschel.

Und nun?
Man wäre geneigt zu sagen: Na gut, mit einem blauen Auge davon gekommen, wir steuern wieder die alten Höchstkurse an. Da bin ich aber sehr vorsichtig. Es hat sich einfach gezeigt, dass eine Extrembewegung, wie wir sie am Montag erlebt haben, nicht an einem Tag erledigt ist. Ich will es jetzt nicht Bärenmarktrally nennen, aber es kommt zu einer technischen Gegenreaktion. So wie wir sie am Dienstag gesehen haben. Mehr aber auch nicht. Ich halte es schon für wahrscheinlich, dass wir zumindest die Schlusskurse, die wir am Montag gesehen haben, noch einmal unterschreiten.

Die schwärzesten Tage des Dax: 1989-2001

Was zeichnet einen Crash aus?

Eindeutige Kriterien für einen Crash gibt es nicht - außer Panik, hohe Umsätze und hohe Verluste. Beim bislang größten Börsenkrach der Nachkriegszeit am 19. Oktober 1987, als Spekulationen auf Zinserhöhungen den Dow-Jones-Index an der Wall Street um 23 Prozent einbrechen ließ, gab es den Dax noch nicht. Er wurde erst am 1. Juli 1988 erstmals berechnet. Die höchsten Verluste des Dax seither:

16. Oktober 1989

Der Dax fällt um rund 13 Prozent und folgt damit der Wall Street, wo Finanzierungs-Schwierigkeiten bei einem Unternehmensverkauf einen Ausverkauf auslösten.

19. August 1991

Ein später gescheiterten Putsch gegen den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow drückt den Dax um gut neun Prozent ins Minus.

28. Oktober 1997

Im Sog der Asienkrise sackt der Dax im Handelsverlauf um bis zu 13 Prozent ab und schließt mit 3567 Punkten acht Prozent niedriger.

1. Oktober 1998

Die Angst vor einem Flächenbrand im Bankenwesen nach der Schieflage eines Hedgefonds in den USA und einer Eskalation der Krisen in Asien, Japan, Lateinamerika und Russland drücken den Dax um acht Prozent ins Minus.

11. September 2001

Nach den Terroranschlägen in den USA fällt der Dax um neun Prozent.

So pessimistisch?
Das was an den Märkten zurzeit passiert, ist ein Stück weit unberechenbar. Da sind Kräfte am Werk, die man überhaupt nicht prognostizieren kann.

Kommentare (4)

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Herr Thomas Albers

27.08.2015, 08:55 Uhr

"Rentencrash: Das ist im Grunde genauso unerklärlich wie das, was an den Aktienmärkten passiert ist. "

In dem Fall haben einzelne wie Bill Gross die Lawine losgetreten, als Sie über Leerverkäufe auf Bonds "laut" nachgedacht haben. Dann wollte keiner der letzte sein...

Herr Vitto Queri

27.08.2015, 12:17 Uhr

>> Alles, was da gerade an den Märkten passiert, vor allem nach dem Absturz vom Montag, kann man gar nicht so richtig für voll nehmen. >>

Wir leben in einer " Globalisierten Welt " mit weltweiten Spielern in den vernetzten Börsen.

Da müsste doch so einem "Börsenexperten" nicht entgangen sein, dass die Chinesen für mehr als 100 Mrd. $ amerikanische Staatsanleihen innerhalb 2 Wochen auf den Markt geworfen haben.

Diese Einflüsse können die "Westlichen Experten" weder überblicken noch beeinflussen.

Und somit stehen sie im Regen wie kleine blinde Schafe und versuchen weiterhin " Experten " abzugeben...??!!!!!

Die Musik spielt schon lange nicht mehr in USA und Europa. Die Börsenexperten müßten mal ihren Horizont erweitern.

aza azaziel

27.08.2015, 12:57 Uhr

Seit Beginn der Krise ist die Verschuldung der Welt rasant weiter gestiegen. Sie wird weiter steigen und sich beschleunigen. Auf eine Umkehr warten wir vergebens.

Mit steigenden Schulden steigt das Kreditausfallrisiko, die Zinslast wird untragbar. Um Staatspleiten zu verhindern, haelt man Zinsen durch anhaltende Liquiditaetszufuhr niedrig. Zentralbanken fluten die Maerkte. Unwillige Anleger fluechten aus Staatsanleihen. Zentralbanken finanzieren direkt und indirekt Staatshaushalte, indem sie selbst Geld schaffen (Quantitative Easing) oder Geschaeftsbanken dazu veranlassen (Mindestreserve nahe Null). Refinanzierung alter Schulden und die Finanzierung chronischer Haushaltsdefizite geht weiter.

Inflation ist erklaertes Ziel der Zentralbanken. Mit Inflation entledigen sich Staaten eines Teils ihrer Schulden. Es ist nicht klar, warum die Infkation bisher ausbleibt. Die Liquiditaet versickert in einer Welt freien Kapital- und Geldverkehrs. Infkation laesst sich nicht feineinstellen. Sie wird unerwartet zuschlagen und sich nicht zaeumen lassen.

INFLATION und nicht etwa die herbeibeschworene DEFLATION ist die groesste Gefahr fuer die Weltwirtschaft. Inflation frisst Kaufkraft! Loehne und Gehaelter passen sich mit Verzoegerung der Inflation an. Nachlassende Kaufkraft fuehrt zu Verlusten in der Weltwirtschaft. Nachlassende Investitionsbereitschaft und Entlassungen sind die Folge. Preise steigen, das Gueterangebot sinkt! Stagflation!

Mit Staunen sehen wir, wie der Euro in Stunden wie eine Rakete nach oben schiesst. Warum? Weil die anderen Waehrungen noch schlimmer wirtschaften. Wenn die Politik der Liquiditaetsschaffung, der niedrigen Zinsen und der Abwertung nicht mehr fruchtet, werden wir die Wiederkehr von Devisenbewirtschaftung, Aussenhandelskontrollen usw. sehen. Globalisierung wird rueckabgewickelt werden, mit vielleicht katastrophalen Folgen fuer ein Exportland wie Deutschland.

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