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07.11.2013

14:15 Uhr

Nun noch bei 0,25 Prozent

Draghi senkt Leitzins auf Rekordtief

VonJan Mallien

Die Inflation in der Euro-Zone ist im Oktober deutlich gefallen. In einigen Krisenländern drohen sinkende Preise. Die Europäische Zentralbank fackelt nicht lange – und senkt den Leitzins.

Zinssenkung der EZB

Leitzins auf Rekordtief

Zinssenkung der EZB: Leitzins auf Rekordtief

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DüsseldorfDie EZB senkt den Leitzins auf den historischen Tiefstand von 0,25 Prozent. Sie reagiert damit auf die überraschend schwache Preisentwicklung im Euro-Raum. Im Oktober stiegen die Preise nur um mickrige 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr – Ökonomen hatten mit einer Inflation von 1,1 Prozent gerechnet.

Die niedrige Inflation setzte die Europäische Zentralbank (EZB) unter Zugzwang. Ihr vorrangiges Ziel ist die Gewährleistung von Preisstabilität – so steht es in ihrem Mandat. Laut eigener Definition versteht die EZB darunter einen Preisanstieg von „unter, aber nahe zwei Prozent.“ Sprich: Die Preise sollen nicht zu stark steigen – sie sollen aber auch nicht zu langsam steigen oder gar sinken. Im Moment fürchtet die EZB eher sinkende als steigende Preise. Deshalb sah sie sich zum Handeln gezwungen. In Griechenland beispielsweise sind sinkende Preise bereits seit März Realität. Auch Irland, Portugal, Spanien und Zypern sind bedrohlich nahe an der Schwelle zu sinkenden Preisen, also Deflation.

„Es ist nicht überraschend, dass die EZB handelt - sondern dass sie schon heute gehandelt hat,“ sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Sie habe nicht auf die Veröffentlichung der Inflations- und Konjunkturprognosen ihrer Ökonomen gewartet. „Das bestätigt, wie ausgeprägt die Neigung im EZB-Rat ist, die Zinsen zu senken.“

Krämer sieht dies kritisch. „Für Deutschland sind die Zinsen viel zu niedrig. Gerechtfertigt wäre ein Niveau von 3,0 bis 3,25 Prozent. Investitionen und Häuserpreise werden weiter steigen. Das Risiko einer Immobilienpreisblase sehe ich aber kurzfristig nicht." Der Chefvolkswirt der KfW Jörg Zeuner begrüßte hingegen den Schritt. „Dies ist die richtige Reaktion auf die zu niedrige Inflation im Euroraum. Mittlerweile ist die Inflationsrate weit von der EZB-Zielmarke entfernt.“

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

Schulden steigen

Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Spekulationswellen

Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

Ein künstlich tief gehaltener Zins befördert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht gehalten werden.

Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

Die Perspektive sinkender Preise klingt aus Sicht der Verbraucher auf den ersten Blick verlockend. Schließlich erhöht sich dadurch ihre Kaufkraft. Gesamtwirtschaftlich aber birgt Deflation große Risiken. Wenn Verbraucher und Unternehmer sinkende Preise erwarten, droht ein Teufelskreis: Die Wirtschaftsakteure verschieben dann ihre Investitionen immer weiter in die Zukunft. Das schwächt die Wirtschaft und drückt das Preisniveau noch mehr. Wie fatal eine langanhaltende Deflation sein kann, zeigt das Beispiel Japans, wo in den 1990er Jahren die Preise sanken. Heute sprechen die Japaner von einem verlorenen Jahrzehnt.

Damit in der Eurozone keine japanischen Verhältnisse einkehren, hatten Politiker und Ökonomen im Vorfeld der heutigen Ratsitzung die EZB zum Handeln aufgefordert. Am deutlichsten wurde der italienische Finanzminister Fabrizio Saccomanni. „Wir denken, dass die Europäische Zentralbank alle notwendigen Instrumente zur Verfügung hat, um zu einem europäischen Vorstoß für stärkeres Wachstum beizutragen“, sagte er am Dienstag.

Kommentare (25)

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Account gelöscht!

07.11.2013, 14:19 Uhr

Ob die sich nicht selbst langsam blöde vorkommen?
Der Fehler im Finanzsystem liegt doch offensichtlich auf der Hand?

Innerhalb des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraumes werden Zölle und Ausfuhr-/Einfuhr-Steuern nicht mehr erhoben.

Deswegen sponsert jeder einzelne EU-Staat indirekt mehr oder weniger jede betriebliche Anschaffung, weil die erstatte Umsatzsteuer nicht gegen die Zölle und die dazugehörigen Aus-/Einfuhrsteuern gegengerechnet werden kann. Der Gesetzgeber hat sich ja wesentlich mehr Gedanken zu diesem Thema gemacht, als man zur Zeit bezüglich Steuern und VAT bezüglich Europa lesen kann.

So kommt es ja in Deutschland bei vorhandener Identifikations-Nummer darauf an, ob Maschine in einer Kiste ist, vorbeigebracht wird, oder ob sie abgeholt wird.

Das ist bestimmt keine sehr sinnvolle Regelung!?

Ein EU-Warengeschäft ohne Identifikations-Nummer und ohne passenden Umsatzsteuerbescheid würde dann ja auch die Maschine sogar zum brutto-Betrag abgeschrieben werden können und damit den Gewinn mindern.

Eigentlich sponsert somit der Staat die Kosten für die gesamte Maschine und nicht nur die Umsatzsteuer.

So wird Europa nie funktionieren!

Nehmen wir beispielsweise das Gesundheits- und Sozialsystem Deutschlands. Die politischen Entscheider werden selbst wahrnehmen können, daß der ultimativ allerletzte Versuch an einer EU-Sozialtransfer-Katastrophe drum herum zu kommen darin besteht, die Selbstverwaltungen wieder auf die Politik- und Berufsverbände zu übertragen.

Europaweit.

So, wie es vor knapp 15 Jahren bei uns in Deutschland vor der Einführung des Gesundheitsfonds gewesen ist.
Dazu existiert keine Alternative.

Wir brauchen einen Europäischen Sozialgerichtshof!

Wir brauchen ein staatenübergreifendes EU-Kammerberufe-Netzwerk!

litizia

07.11.2013, 14:21 Uhr

Die Zins-Entscheidung der EZB basiert auf künstlich niedrig gerechnete Inflations-Kennzahlen. Warenkorbzusammensetzung und Konsumverhalten als Basis haben dabei immer weniger mit der durchschnittlichen Inflations-Realität zu tun.

Auch die EZB-Notenbanken-Blase wird irgendwann platzen müsse.

NullZinsPolitik

07.11.2013, 14:26 Uhr

Nun bin ich denn doch sprachlos! Es gibt zu allem immer noch eine Steigerung. Und wir werden nicht blühende Landschaften sehen, sondern bald unser blaues Wunder erleben. Diese Senkung wird nichts bringen, außer Strohfeuer...und es wird nur noch kälter. Der Zins ist der Preis des Geldes! Wenn man nicht mehr dafür bezahlen muss...hat kann es seine Leitfunktion nicht mehr erfüllen. Im Grunde kann man jetzt nur noch seine Anleihen verkaufen, denn höher wird der Preis nicht mehr steigen können. Was machen die Versicherungen? Aktien kaufen, Anleihen verkaufen? Wer soll noch etwas leihen, wenn es nix mehr damit zu verdienen gibt? Was soll bei 0,25 % besser laufen, als bei 0,5 oder 0,75 %??? Die Schuldenberge werden absolut gesehen steigen, auch wenn der Zins dafür sinken mag, doch wer zahlt wann was zurück? Der Schnitt für alle Geldgeber wird kommen...und das hat nichts mit Inflation und Deflation zu tun, sondern schlicht mit der Ausweglosigkeit der Entscheidungsträger. Doch wer wagt es, den ersten Schritt zu machen? Eins ist klar. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren...wer will das schon...und doch sind die Aussichten auf weitere Fehler immer noch sehr üppig! Schöne Scheiße!

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