Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.05.2014

12:27 Uhr

Nutzlose Geldschwemme

Draghis stumpfe Waffe

VonJan Mallien

Die EZB liebäugelt mit groß angelegten Anleihekäufen. Sie gelten als wichtiges Mittel gegen eine mögliche Deflation. Dabei ist ihre Wirkung ungewiss. Denn die Wirtschaft in der Euro-Zone tickt anders als in den USA.

Schuss ins Leere: Auch mit Anleihekäufen kann EZB-Chef Draghi wenig bewirken. Getty Images

Schuss ins Leere: Auch mit Anleihekäufen kann EZB-Chef Draghi wenig bewirken.

Mario Draghi war bislang ein geldpolitischer Hardliner – zumindest wenn man ihn mit anderen Notenbankchefs vergleicht. Zwar hat auch die Europäische Zentralbank (EZB) in der Krise viele unkonventionelle Dinge getan. Doch ein Instrument rührte sie bisher nicht an: massive Anleihekäufe. Andere Notenbanken hatten da weniger Hemmungen. Die USA kauften zeitweise jeden Monat für rund 60 Milliarden Euro eigene Staatsanleihen. Auch die Notenbanken in Japan und Großbritannien haben massive Wertpapierkäufe im Volumen von umgerechnet jeweils einer Billion und von 400 Milliarden Euro beschlossen.

Die EZB dagegen hat es bisher bei Worten belassen. Draghi kündigte an, im Notfall unbegrenzt Anleihen der Krisenländer zu kaufen. Seinen Worten musste er bisher aber keine Taten folgen lassen. Nun jedoch steht das Thema wieder auf der Agenda. Grund dafür ist die schwache Inflation im Euroraum: Sie lag im April bei gerade einmal 0,7 Prozent – und damit deutlich unter dem EZB-Zielwert von nahe zwei Prozent. Als Gegenmittel sind diesmal Anleihekäufe auf breiter Front im Gespräch. Sprich: Die EZB würde nicht nur die Anleihen einzelner Krisenländer kaufen, sondern von allen Euro-Mitgliedsländern – einschließlich Deutschlands. Möglich wäre sogar, dass sie auch Unternehmensanleihen und Kreditverbriefungen (ABS) kauft. Das alles soll die Inflation wieder näher an die Zwei-Prozent-Marke bringen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Ob dieses Mittel wirklich viel bringen würde, ist allerdings umstritten. Einige Ökonomen zweifeln daran. Denn: Die Wirtschaft in der Euro-Zone unterscheidet sich in einigen Merkmalen von der in den USA, Großbritannien oder Japan. „Quantitative Lockerung wirkt nur dann, wenn sie die Vermögen der privaten Haushalte und die Inflationserwartungen beeinflusst“, sagt Johannes Gareis, Ökonom der französischen Investmentbank Natixis. „Das funktioniert im Euro-Raum aber nicht.“

In den USA lässt sich die Wirkung von Anleihekäufen recht eindeutig erklären. Dort haben sie den Preis für langläufige Staatsanleihen nach oben getrieben und deren Zins gesenkt. Empirische Studien schätzen den Zinseffekt auf 90 bis 200 Basispunkte bei zehnjährigen Staatsanleihen. Dadurch wichen Investoren bei der Suche nach Rendite verstärkt auf andere Anlageformen wie Unternehmensanleihen, Häuser und Aktien aus – was auch deren Preise in die Höhe trieb. Da viele Amerikaner Häuser oder Aktien besitzen, machte sich das beim Konsum bemerkbar: Gefühlt hatten viele amerikanische Verbraucher mehr Geld in der Tasche, das sie ausgeben konnten. Zudem finanzieren sich US-Unternehmen sehr stark über den Kapitalmarkt und profitieren dort von den niedrigeren Zinsen.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.05.2014, 12:49 Uhr

Draghi als Goldesel von Goldman Sachs soll wieder Geld in den Markt pumpen, damit die Aktienmärkte "neues Futter" bekommen. Dow Jones und Nasdaq sind seine "heiligen Kühe". Um nichts anderes dreht sich sein tägliches Denken und Handeln.

Primitiv.

Account gelöscht!

08.05.2014, 12:49 Uhr

Was ist eigentlich "Rechts" ??

Schon das kann keiner beantworten. Es wird immer mit Kritik an "EU in Brüssel" und "Kritik an der EURO-Transfer-Union Nord nach Süd in Europa" in Verbindung gebracht.

Was ist schlecht an "Rechts", wenn man Vernunft in Finanzen und Ökonomie zurückbringen will ? Wenn man Denk-Verbote ablehnt, auf Souveränität, Demokratie der Staaten und Völker und eine Wahrheitsgetreue Presse drängt ??

Nein "Rechts" das sind die neuen Bewahrer der Freiheit, der Moral und der Werte in denen wir leben mit Tradition, Religion und Kultur.

Das genau will nämlich "EU in Brüssel" kaputt treten.

---

Die Balance von Rechts und Links muss wieder hergestellt werden in Deutschland und auch in Europa.

---

Merkel sitzt alles aus, nimmt alles hin, ist beliebig und niemals offen, aufrichtig und ehrlich.

Dieses Paket der Verlogenheit gemischt mit Ideologie, die Deutschland preisgeben soll an eine Macht aus Brüssel, die wiederum nur dem Geld dient - lässt Deutschland innerlich verfaulen und ausdörren auf die Dauer. "EU in Brüssel" ist eine Expansionsmacht, die als "Besatzer von oben" immer weiter ausufert in Europa.

Account gelöscht!

08.05.2014, 12:50 Uhr

"... Wie die „Bild“-Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe mit Verweis auf Zahlen des Bundesfinanzministeriums berichtet, beziehen 366.751 EU-Ausländer Kindergeld von deutschen Behörden, wobei es sich um Zahlen von Ende 2012 handelt. Zur Erklärung: EU-Ausländer sind aus deutscher Sicht alle EU-Bürger ohne deutsche Staatsangehörigkeit. ..."

http://www.focus.de/finanzen/news/polen-und-italiener-am-haeufigsten-366-000-eu-auslaender-erhalten-deutsches-kindergeld_id_3824148.html

Frage: Warum wird Deutschland so massiv ausgeplündert von "EU in Brüssel" ???

---

LESENSWERT

Dirk Müller - Krieg in Europa ?

http://www.youtube.com/watch?v=_i3wv_Mc6k8

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×