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05.06.2014

11:14 Uhr

Ökonom Polleit

EZB-Politik könnte „wuchtige Erschütterung“ auslösen

VonDietmar Neuerer

ExklusivÖkonomen halten die Wirkung möglicher weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für sehr begrenzt. Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Polleit fürchtet gar „weitreichende“ Wirtschaftsstörungen.

Die Euro-Skulptur an der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: „Saat für neuerliche Erschütterungen“. dpa

Die Euro-Skulptur an der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt: „Saat für neuerliche Erschütterungen“.

BerlinDer Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit sieht in einer dauerhaften Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) eine große Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Mit der Tiefzinspolitik werde die „Saat für neuerliche Erschütterungen“ gelegt, sagte der Chefökonom der Degussa Goldhandel GmbH und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management Handelsblatt Online. „Je länger die Zentralbanken die Zinsen tief halten, desto wuchtiger wird die künftige Erschütterung in den Finanzmärkten und Konjunkturen ausfallen. Nicht, dass sie kommt, sondern nur wann sie kommt, liegt im Ungewissen.“

Polleit hält das „Heruntermanipulieren“ des Zinses daher für kein Kavaliersdelikt. Es verursache „weitreichende“ Wirtschaftsstörungen. „Die Volkswirtschaften geraten in einen Blindflug. Die verzerrten Zinsen blähen die Preise für Aktien, Anleihen und Grundstücke auf, es kommt zu Spekulativen Blasen“, sagte der Ökonom. Sparen werde außerdem „entmutigt, Konsum ermutigt, der Aufbau des volkswirtschaftlichen Kapitalstock unterbleibt“. Das Ergebnis sei Kapitalverzehr und damit künftige Einkommensausfälle.

Die Kernursache der Misere sieht Polleit im ungedeckten Papiergeld. „Hierzu gehören vor allem die immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen und das Anwachsen des Staates zu Lasten der Privatwirtschaft“, erläuterte er. „Um die Schäden, die das ungedeckte Papiergeld verursacht, zu verbergen, wird die Marktwirtschaft immer weiter zurückgedrängt zu Gunsten eines Staats-Interventionismus.“ Die Wachstums- und Beschäftigungsperspektiven trübten sich dadurch ein.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Im Kampf gegen die extrem niedrige Inflation dürfte die EZB heute abermals die Zinsen senken. Das haben mehrere Ratsmitglieder relativ klar angedeutet. Erwartet wird, dass der Leitzins vom aktuellen Rekordtief von 0,25 Prozent um weitere 0,10 oder 0,15 Punkte gedrückt wird. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln und den Preisauftrieb beschleunigen. Gleichzeitig dürfte die EZB erstmals einen Strafzins von Geschäftsbanken erheben, die ihr überschüssiges Geld bei der Zentralbank parken, statt es in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben.

Kommentare (8)

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05.06.2014, 11:34 Uhr

Eine Wirtschaftliche Entwicklung ist auch gar nicht gewollt.
Systematisch tun die Deutschlandzerstörer und EU Faschisten ihr zerstörerisches Werk....

Account gelöscht!

05.06.2014, 11:34 Uhr

Um eine Leitzinssenkung von 0,25% auf 0,1% dereinst rückgängig zu machen, muss man den Mut aufbringen, den Zins um 150% anzuheben.

Um vom Notstandsniveau 0,1% wieder auf mehr normale, wirtschaftsverträgliche 4-5% zurückzukommen, muss man das Zinsniveau um mehrere Tausend Prozent anheben.

Das lässt sich natürlich nicht machen. Ein freundschaflicher Anruf bei der japanischen Notenbank könnte Herrn Draghi heute vor einer weiteren unverzeihlichen Dummheit bewahren.


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05.06.2014, 11:36 Uhr

Bofinger ermahnt die Politik ihre Aufgaben zu machen.

Richtig!
Aber wer erstattet den Sparer den verursachten Schaden? Die EZB oder die Bundesregierung.

Die direkt quantifizierbaren Schäden sind

- einmal die möglichen noch kommenden Belastungen aus dem ESM-Vertrag an sich

- einmal die Schädigung aus der Nullzinspolitik

- einmal die Schädigung durch die Zerstörung der privaten Altersvorsorge

- aus deren Folge die Enteignung der Lebensversicherten durch die Streichung ihres Anspruchs auf die Bewertungsreserven aus der Anlage ihrer Vermögen z.G. der Bonizahlungen des Vorstandes der Versicherungen.

Ein Skandal riesigen Ausmaßes, der sich hier aufgetan hat.

Solange die europäischen Lohnniveaus derart unausgeglichen nebeneinander konkurieren, müssen zwangsläufig Spannungen aufgebaut werden. Um dies zu lösen fehlt der EZB einerseits das Instrumentarium und andererseits die Kompetenz.

Die Diäten und Pensionen der Politiker sollten solange eingefroren werden, bis diese erkannt haben, was ihr Job ist!


Das was sich aktuell abspielt führt zwangsläufig zu einer weiteren Radikalisierung in der EU.

Eine Anmerkung noch:
Lebensmittelpreissteigerungen mit einem Preisverfall von Videorecorder und Smarthphones in einer bereinigten Inflationsrate zusammenzufassen ist mehr als geschmacklos. Es muss jemand aufstehen und der EZB die Leviten lesen. Eine solche Irreführung der Bevölkerung ist einer europäischen Zentralbank nicht würdig! Da muss hart durchgegriffen werden und der Job des Bundesfinanzministers muss wackeln.

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