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21.09.2015

17:33 Uhr

Ökonomische Daten im Minutentakt

„Ich wollte es perfekt haben“

VonFrank Wiebe

Eine Schülerin der Nobelpreisträger Lawrence Klein und Joseph Stiglitz setzt auf künstliche Intelligenz, um ökonomische Daten vorherzusagen. Ihr Start-up will große Wall-Street-Ökonomen in den Schatten stellen.

Gizelle Guzman (M.) mit zwei ihrer Professoren: die Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (l.) und Lawrence Klein. Privat

Gründerin mit Vordenkern

Gizelle Guzman (M.) mit zwei ihrer Professoren: die Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (l.) und Lawrence Klein.

New YorkGiselle Guzman sagt: „Bei  ökonomischen Prognosen schlägt die Maschine den Menschen.“ Auf diese Überzeugung hat sie ihre Firma Now-Cast in New York aufgebaut. Und wenn sie damit Recht behält, wird sich der Berufsstand der Ökonomen erheblich verändern.

Die zierliche Amerikanerin mit spanischen und französischen Vorfahren hatte beim Weg zu ihrem PhD, dem amerikanischen Doktortitel, zwei Nobelpreisträger als Mentoren: Joseph Stiglitz und Lawrence Klein. „Ich hatte großes Glück“, sagt sie. Vor allem Klein, der 2013 starb, hat ihren Weg geprägt. 17 Jahre lang hat sie nach ihrem Bachelor, den sie sich mit Aktienhandel finanzierte, von ihm gelernt und für ihn gearbeitet.

Klein war der Wegbereiter für die moderne ökonomische Prognose. Zusammen mit einem Kollegen hatte er nach dem Zweiten Weltkrieg den bekannten Michigan-Index für das Verbrauchervertrauen entwickelt. Später baute er ein ökonomisches Modell auf, das zum Kern der heute börsennotierten Beratungsgesellschaft IHS wurde.

Das sind die Wachstumsgaranten der deutschen Exporteure

USA

Die Vereinigten Staaten sind erstmals wichtigster deutscher Absatzmarkt und verdrängen damit Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert. Beflügelt vom schwachen Euro zogen die Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2015 um fast 24 Prozent auf 56 Milliarden Euro an. Ein weiterer Grund für diesen Boom ist das robuste Wachstum der US-Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2015 mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent und für 2016 mit 3,0 Prozent. Wegen geringerer Energiekosten werden zudem viele Fabriken und Produktionsstätten hochgezogen, für die Maschinen und Ausrüstungen aus Deutschland importiert benötigt werden.

Indien

Lange stand das Land im Schatten des benachbarten China. Doch sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürfte Indien deutlich schneller wachsen als die Volksrepublik. Der IWF sagt jeweils ein Plus von 7,5 Prozent voraus. Vom Aufschwung in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt profitiert Deutschland bereits: Die Ausfuhren dorthin zogen im ersten Halbjahr um fast ein Fünftel auf knapp fünf Milliarden Euro an.

Südafrika

Noch besser läuft es in der nach Nigeria zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas: Die deutschen Exporte dorthin nahmen in den ersten sechs Monaten gleich um 28 Prozent zu - auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Zwar ist die Konjunktur eher mau, doch der Staat investiert viel Geld in die Infrastruktur - von Energie über Wasser bis hin zu Straßen. Die deutsche Wirtschaft hat die dafür passenden Produkte im Angebot und profitiert davon ebenso wie von einer konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht.

Euro-Zone

Nach Jahren der Krise fasst die Währungsunion wieder Tritt. Bestes Beispiel dafür ist Spanien, das im zweiten Quartal so kräftig wuchs wie seit über acht Jahren nicht mehr. Der Appetit auf Waren "Made in Germany" nimmt entsprechend zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, die in die gesamte Euro-Zone um fast fünf Prozent auf rund 220 Milliarden Euro.

Großbritannien

Das Land ist bereits der drittgrößte deutsche Exportkunde. Dennoch legten die Ausfuhren dorthin im ersten Halbjahr um starke 9,4 Prozent auf 45 Milliarden Euro zu. Auch hier sorgt der schwache Euro für einen Extra-Schub, verbilligt er doch deutsche Waren auf der Insel. Außerdem befindet sich auch Großbritannien in einem Aufschwung: In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger wachsen als in der Euro-Zone mit 1,5 Prozent, wie der IWF erwartet.

Seine Schülerin verwirklicht jetzt einen Traum, den sie von ihm geerbt hat: Ihre 2012 gegründet Firma bietet seit einigen Wochen die Prognose von rund 4000 ökonomischen Daten mit Aktualisierung im Minutentakt an. Live-Wire heißt das neue Produkt ihrer Firma. „Vorher hatten wir nur einen wöchentlichen Takt, das war nicht perfekt“, sagte sie, und betont: „Ich wollte es perfekt haben. Wir sind die einzigen, die es in Echtzeit machen.“

Guzman arbeitet mit einem kleinen Team, „weniger als 15“, verrät sie nur. Aber ihr wichtigster Mitarbeiter heißt Xcalibur. Das ist die selbst lernende Software, die permanent Daten aus dem Internet absaugt und daraus Prognosen ableitet. Interessant ist zum Beispiel, worüber die Leute im Internet reden und wonach sie suchen. Diese Daten ergänzen traditionelle Quellen wie offizielle Statistiken, Umfragen oder Marktdaten. Jeder Prognosefehler wird nicht nur dokumentiert – auch für die Kunden sichtbar. Sondern er führt auch dazu, dass Xcalibur seinen Algorithmus anpasst. So kommt künstliche Intelligenz den etablierten Ökonomen an der Wall Street ins Gehege.

Denn Xcalibur denkt nicht nur schneller als die Ökonomen der großen Geldhäuser oder der US-Notenbank. Sondern vor allem ganz anders. „In der herkömmlichen Ökonomie trifft man bestimmte Annahmen über die Zusammenhänge von Variablen und baut darauf ein Modell auf“, sagt die Ökonomin. „Aber diese Zusammenhänge können sich ja laufend ändern.“

Xcalibur geht umgekehrt vor: „Er trifft vorab keine Annahmen, sondern vergleicht möglichst viele Daten und leitete daraus die Zusammenhänge ab – und passt sie ständig an.“ Schon länger gibt es Anbieter von ökonomischen Daten wie Oxford Economics, die sich auf dem Gebiet als Weltmarktführer bezeichnen. Aber sie arbeiten meist noch mit traditionellen Modellen.

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