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12.02.2013

13:19 Uhr

Otte und Vorndran im Interview

„Der Dreck wird fleißig unter den Teppich gekehrt“

VonJörg Hackhausen

Die Krise ist lange noch nicht ausgestanden. Die Probleme werden nur auf die Zukunft verlagert. Da sind sich Max Otte und Philipp Vorndran einig. Im Interview erklären die Geldexperten, warum sich viele Immobilienbesitzer wundern werden und warum man Aktien kaufen sollte - und welche ihre Favoriten sind.

Max Otte, Wirtschaftsprofessor und Investor, und Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch - im Interview mit Handelsblatt Online raten die beiden zum Kauf von Aktien. Valery Kloubert für Handelsblatt

Max Otte, Wirtschaftsprofessor und Investor, und Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch - im Interview mit Handelsblatt Online raten die beiden zum Kauf von Aktien.

Herr Vorndran, Herr Otte, man hört immer öfter, die Euro-Krise sei überstanden. Was meinen Sie?

Vorndran: Die Politik und manche Vertreter der Notenbanken versuchen die Menschen in Sicherheit zu wiegen, wenn sie so etwas sagen - sicher auch um ihre Chancen bei den anstehenden Wahlen nicht zu gefährden. In Wahrheit ist die Krise aber noch lange nicht überstanden.

Otte: Die Hysterie, die ja auch völlig überzogen war, ist vorbei. Ich kann mir vorstellen, dass die Kapitalflucht erst einmal der Vergangenheit angehört. Aber die strukturellen Probleme sind natürlich nicht behoben worden.

Vorndran: Die Schulden wachsen in den meisten Ländern weiter, die Arbeitslosigkeit steigt ungebremst und die relative Wettbewerbsfähigkeit hat sich bislang nur unzureichend verschoben, all das deutet auf eine sehr lange Dauer des Strukturumbruchs hin. Es wird fleißig unter den Teppich gekehrt. Als gute Hausmänner wissen wir ja, dass das auf Dauer kein probates Mittel ist. Irgendwann ist so viel Dreck unter dem Teppich, dass er nicht mehr zu verbergen ist.

Otte: Das wird noch lange Zeit in Anspruch nehmen. Der Weg wird über Inflation im Norden und Depression im Süden führen.

Trotzdem geht es an den Märkten aufwärts.

Vorndran: Die Europäische Zentralbank hat sich verpflichtet, für die Finanzierung der Krisenstaaten zu sorgen. Im Moment hält der Markt das Versprechen für glaubwürdig.

Was 2012 aus 1.000 Euro wurde

Zypriotische Aktien (CSE)

407 Euro

Öl (WTI)

899 Euro

Spanische Aktien (Ibex)

968 Euro

Chinesische Aktien (Shanghai Composite)

989 Euro

Sparbuch (Durchschnitt)

1005 Euro

Tagesgeld (Durchschnitt)

1014 Euro

US-Staatsanleihen

1029 Euro

Gold

1034 Euro

Bundesanleihen

1038 Euro

Dow Jones

1049 Euro

Silber

1052 Euro

Nikkei 225

1069 Euro

EuroStoxx 50

1149 Euro

Schweizerische Aktien (SMI)

1167 Euro

Italienische Staatsanleihen

1203 Euro

Euro-Unternehmensanleihen (Non-Investment-Grade)

1242 Euro

Irische Staatsanleihen

1297 Euro

Dax

1299 Euro

Griechische Aktien (ASE)

1342 Euro

Griechische Staatsanleihen (inkl. Schuldenschnitt, ohne Rückkauf)

1452 Euro

Türkische Aktien (ISE 100)

1576 Euro

Venezolanische Aktien (IBC)

2882 Euro

Sie glauben das anscheinend auch – in den Fonds haben Sie spanische und italienische Anleihen.

Vorndran: Wir sind Investoren, die jeden Tag vor der Frage stehen, wo wir das Geld unserer Kunden anlegen. Manchmal müssen wir auch Positionen eingehen, bei denen wir uns aus unserer ökonomischen Weltanschauung ein anderes Vorgehen der Verantwortlichen erwünscht hätten. Dogmatismus ist hier ein schlechter Ratgeber, wir müssen jeden Tag aufs Neue versuchen für unsere Kunden mit einem guten Chance-Risiko-Verhältnis Geld zu verdienen.

Muss man ins Risiko gehen, um überhaupt noch Geld zu verdienen?

Otte: Eine risikolose Anlage gab es nie. Und die gibt es auch jetzt nicht.

Aber früher gab es noch gut verzinste Anleihen, die halbwegs sicher waren. Jetzt gibt es für eine zehnjährige Bundesanleihe gerade mal 1,6 Prozent.

Otte: Das kommt bei den Leuten erst langsam an. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Gleichzeitig sind sie unsicher, was sie machen sollen.

Vorndran: Der durchschnittliche deutsche Privatanleger schaut seinen Depotauszug an, sieht eine Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2017, und sagt: Ich habe doch kein Problem: Bis 2017 bekomme ich noch einen Zins von 4,25 Prozent. Dass man damit allerdings nur noch eine Rendite von unter 0,5 Prozent erzielt und spätestens mit dem Fälligwerden der Anleihe ein Problem haben wird, verstehen viele gar nicht. Das wird komplett verdrängt.

Otte: Da fehlt es schlicht und einfach an Kenntnis.

Kommentare (70)

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Leopold

12.02.2013, 13:52 Uhr

Euro-Krise überstanden? Warum? Es hat sich nichts geändert. Die Verschuldung wächst weiter. Zum Vorteil der Finanzwirtschaft und zum Nachteil des Steuerzahlers!Und mit unseren etablierten Parteien wird sich auch nichts ändern. Da werden weiter nur Märchen erzählt! Herr Otte sollte endlich konsequent sein und mit einer neuen Partei dem Wähler eine Chance geben, seine Stimme gegen diesen Irrsinn abzugeben!

kuac

12.02.2013, 13:58 Uhr

Die Aktienempfehlung kann man nicht ernst nehmen. Nestle ist auf einem 10 Jahres Hoch. Und jetzt soll man einsteigen?

Gerdi

12.02.2013, 14:00 Uhr

Der Steuerzahler kann sich im deutschen Parteiensystem nicht gegen diese Gelverschwendung der Eurokratie wehren. Weil alle Parteien am gleichen Strang ziehen. Eine nicht ganz so extreme Alternative wäre dringend notwendig.

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