Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.10.2015

06:26 Uhr

Privatanleger greifen trotz Kursrutsch zu

Das große Zocken mit der VW-Aktie

VonJessica Schwarzer

Der massive Kursrutsch der Volkswagen-Aktie lockt Schnäppchenjäger. Bei den großen Onlinebrokern haben Anleger in den vergangenen Wochen beherzt zugegriffen. Eine gute Strategie oder hochspekulative Spekulation?

Handelsblatt in 99 Sekunden

Finger weg von der VW-Aktie!

Handelsblatt in 99 Sekunden: Finger weg von der VW-Aktie!

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfGreife nie in ein fallendes Messer lautet eine alte Börsenweisheit. Sie warnt davon, eine Aktie zu kaufen, die zum Sink- oder gar Sturzflug angesetzt hat. Schließlich können Anleger nie wissen, wann das Messer am Boden liegt beziehungsweise die Aktie ihr Tief erreicht hat. Wer an der Börse in ein fallendes Messer greift, fährt hohe Verlust ein. Doch davor haben die Privatanleger derzeit keine Angst. Sie greifen beherzt bei der Volkswagen-Aktie zu.

Und das nicht erst, seit sie vor einigen Tagen zur Erholung angesetzt hat, sondern bereits seit zwei Wochen. Das zeigt eine exklusive Handelsblatt-Umfrage unter den großen Direktbanken – allen Hiobsbotschaften aus Wolfsburg zum Trotz.

Der VW-Abgasskandal - eine Chronik

Freitag, 18. September

Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

Samstag, 19. September

Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

Sonntag, 20. September

Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, teilte er mit und erklärt das Thema zur „höchsten Priorität“. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Montag, 21. September

Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind dort Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn: „Wir haben Mist gebaut.“

Dienstag, 22. September

Auch in Absatzmärkten außerhalb der USA gibt es Forderungen, Klarheit über das Ausmaß der Affäre zu schaffen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. In einem Video bittet Winterkorn um Entschuldigung.

Mittwoch, 23. September

Winterkorn tritt zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt. Der Aufsichtsrat kündigt eine Entscheidung über die Nachfolge an.

Donnerstag, 24. September

Die Affäre bringt die gesamte Industrie in Bedrängnis. Vorwürfe werden laut, auch andere Hersteller könnten manipuliert haben. Viele dementieren das. Daneben gibt es etliche Personalspekulationen rund um VW. Medien berichten, Porsche-Chef Matthias Müller habe die besten Chancen, Winterkorn zu beerben.

Freitag, 25. September

Der VW-Aufsichtsrat wählt Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

Montag, 28. September

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet Ermittlungen ein.

Dienstag, 29. September

Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

Mittwoch, 30. September

Das Präsidium des Aufsichtsrates tagt. Es schlägt vor, die im November geplante außerordentliche Aufsichtsratssitzung abzusagen. Trotz der Affäre soll der langjährige VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch weiterhin neuer Aufsichtsratsvorsitzender werden.

Die VW-Finanztochter verhängt einen Einstellungsstopp bis zum Jahresende, auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert.

Donnerstag, 1. Oktober

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

Freitag, 2. Oktober

Der US-Kongress teilt mit, dass sich VW-Landeschef Michael Horn am 8. Oktober den Abgeordneten in einer Befragung stellen muss. Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

Dienstag, 6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

Und davon gab es seit Mitte September bekanntlich jede Menge: Der Konzern hat die Abgastests seiner Dieselfahrzeuge manipuliert. Der Schaden geht in die Milliarden. Die Börse quittierte den Skandal prompt. Mehr als 40 Prozent haben die Volkswagen-Vorzüge im Dax verloren und stürzten deutlich unter die Marke von 100 Euro. Investoren ließen die Aktie fallen wie eine heiße Kartoffel.

Doch das gilt scheinbar nicht nur für deutsche Privatanleger. Denn die Kunden der großen Onlinebroker griffen seit Bekanntwerden des Skandals am 18. September beherzt zu und kauften deutlich mehr VW-Aktien als sie verkauften, wie eine Handelsblatt-Umfrage zeigt. Bei der Comdirect hat sich der Anteil der VW-Aktien in den Depots seit Mitte September sogar nahezu verdreifacht. „Die Anleger glauben offensichtlich an Volkswagen“, sagt Jan Enno Einfeld, Bereichsleiter Trading. „Sie nutzen die Kursverluste daher als Chance, um weitere Anteile am Unternehmen zu erwerben.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×