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15.03.2012

16:56 Uhr

Ratsmitglied Nowotny

EZB denkt über Ende der lockeren Geldpolitik nach

Nach der US-Immobilienkrise hatte die EZB relativ rasch die lockere Geldpolitik zurückgefahren und konnte den Kurs nicht beibehalten. Aber auch die jüngste Lockerung will EZB-Ratsmitglied Nowotny wieder bremsen.

Österreichs Zentralbank-Chef Ewald Nowotny ist Mitglied des EZB-Rats. Reuters

Österreichs Zentralbank-Chef Ewald Nowotny ist Mitglied des EZB-Rats.

Die EZB diskutiert laut Ratsmitglied Ewald Nowotny bereits über einen Ausstieg aus ihrem Hilfsprogramm zur Stabilisierung der Euro-Zone. „Dafür gibt es ein Arsenal von Möglichkeiten und welche zum Einsatz gelangen, muss entschieden werden, wenn die Zeit reif ist“, sagte Nowotny am Donnerstag. Ziel der Währungshüter sei, den Ausstieg sukzessive und wirtschaftsschonend über die Bühne zu bringen. Um den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden, achte die EZB neben ihrem primären Ziel der Preisstabilität auf ein effizientes Funktionieren der Kapital- und Geldmärkte.

„In dem Kontext sind das die Orientierungslinien, an die wir uns halten“, sagte Nowotny. Noch sei es aber zu früh für die Zentralbank, ihre Hilfen zu kappen. Um der europäischen Wirtschaft in der Schuldenkrise auf die Beine zu helfen, hatte die EZB den Banken mehr als eine Billion Euro an günstigen Krediten zur Verfügung gestellt, Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder gekauft und den Leitzins auf einen historischen Tiefstand von einem Prozent gesenkt. Weitere zusätzliche Aktionen seien vorerst nicht geplant, sagte Nowotny. „Wir müssen sehen, wie die verschiedenen Maßnahmen die Wirtschaft beeinflussen. Das wird einige Zeit dauern; in der Zwischenzeit sehe ich keine Notwendigkeit für weitere Schritte.“

Das Problem der „Target II“-Salden in der Euro-Zone

Schuldenkrise bedroht gesamtes Geldwesen

Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Bundesbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres gesamten Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die
sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens - also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen. Worin genau besteht das Problem und welche Lösungsansätze werden zurzeit diskutiert?

Was ist Target?

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Am einfachsten lässt sich seine Funktion an einem Beispiel erklären: Ein griechischer Lebensmittelhersteller kauft bei einem deutschen Unternehmen eine Verpackungsmaschine. Den Kaufpreis leitet der griechische Käufer (Importeur) über seine Geschäftsbank, die griechische Notenbank, die Bundesbank und eine deutsche Bank an den Verkäufer (Exporteur) weiter.

Wo liegt das Problem?

Eigentlich ist jetzt alles gut: Der griechische Importeur hat die Verpackungsmaschine, der deutsche Exporteur sein Geld. Das Problem entsteht hinter der Kulisse: Die Bundesbank hat den Betrag an die deutsche Geschäftsbank und damit letztlich an den Exporteur ausgezahlt und nun ihrerseits eine Forderung an die griechische Zentralbank. Aber was ist diese Forderung wert? Denn was wäre, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheiden würde?

In früheren Zeiten des Goldstandards hätte die griechische Seite der Bundesbank nun Gold gutgeschrieben - der Saldo wäre ausgeglichen. Heute besteht die Forderung nur auf dem Papier. In normalen Zeiten wäre das Problem nicht so gravierend, weil die Geschäfte in beide Richtungen liefen. Wegen ihrer tiefen Krise importieren die Problem-Länder aber mehr als sie exportieren.

Die Dimension

So lange die Euro-Zone existiert, sind die Unterschiede in der Zahlungsbilanz an sich kein großes Drama. Der denkbare Euro-Austritt Griechenlands oder gar ein Zerfall des gemeinsamen Währungsraums und die schieren Summen, um die es geht, stellen aber nach Meinung vieler Experten mittlerweile ein enormes Risiko dar: Die „Target“-Forderungen der Bundesbank haben sich bis Juni 2012 auf fast 727 Milliarden Euro summiert. Bei einem Zusammenbruch des Euro-Systems bliebe die Bundesbank auf diesen Forderungen sitzen - und damit letztlich die deutschen Steuerzahler.

Welche Lösungen gibt es?

Die USA haben ein ähnliches Zahlungsverkehrssystem namens Fedwire, in dem die Differenzen zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed ausgeglichen werden: Die Ungleichgewichte werden einmal im Jahr durch Wertpapiere korrigiert, die in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Das ließe sich auch in Europa so machen. Hier stellt sich aber die Frage nach der Güte der Wertpapiere, die in den Bilanzen der Zentralbanken stehen.

Denn mittlerweile akzeptieren die Euro-Notenbanken wegen der Schuldenkrise Papiere von fraglicher Qualität, die die Banken bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegen. So reicht derzeit sogar aus, wenn eine Bank im Gegenzug für Zentralbank-Geld, einzelne Unternehmenskredite an die Notenbank verpfändet.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fordert deshalb eine Rückkehr zu den höheren Qualitätsanforderungen der Zentralbanken an hinterlegte Papiere, die vor der Finanzkrise gegolten hatten.

Bei weiteren Staatsanleihenkäufen maroder Euro-Länder müsse die EZB Vorsicht walten lassen. „Es gibt die Übereinkunft, dass das ein vorübergehendes Instrument ist, um spezifische Marktungleichgewichte zu korrigieren. Solange wir diese speziellen Ungleichgewichte nicht sehen und die Aussichten normal sind, gibt es keinen Grund, es zu verwenden“, sagte Nowotny. Die EZB kauft seit 2010 Bonds von klammen Euro-Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland und hat dabei bislang Anleihengeschäfte im Wert von 218 Milliarden Euro abgewickelt.

Erst vergangene Woche hatte die Zentralbank nach mehrwöchiger Abstinenz wieder zugegriffen. Die Unterstützungsmaßnahmen sind höchst umstritten. Bundesbank-Chef Jens Weidmann etwa ist besorgt über die hohen Risiken, die den einzelnen Notenbanken dadurch aufgedrückt werden. Trotz unterschiedlicher Ansichten gebe es keinen Streit in der EZB, sagte Nowotny.

Kommentare (6)

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motte

15.03.2012, 18:47 Uhr

Inflation bedeutet: Geldmengenerweiterung und nichts anderes! Sobald mehr Geld als Waren im Umlauf sind, nennt man das Inflation und führt verzögert unweigerlich zu Preiserhöhungen.

Account gelöscht!

15.03.2012, 19:18 Uhr

Herr No, es geht um die Verluste der "Liquiditätsbereitstellung" durch Target 2 -Abflüsse und um die Refinanzierungsgeschäfte der nationalen Notenbanken mit den Geschäftsbanken und ihren SICHERHEITEN. Des Weiteren gehe ich zu meiner Bank und leihe unbegrenzt und ohne Dispozinsen Geld. Außerdem gebe ich meiner Bank keine Garantien und transportiere mein Schließfach ins Nicht- EU- Land. Oder?
Dass ein dritter Tender fällig wird, ist so sicher wie das Amen in Athen, Portugal und Spanien.

Wolf54321

15.03.2012, 19:32 Uhr

Wenn ich einen erhobenen Zeigefinger sehe, werde ich refelxartig skeptisch.

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