Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.08.2014

13:45 Uhr

Ratssitzung

EZB belässt den Leitzins bei 0,15 Prozent

Die Inflation im Euroraum ist auf ein Fünf-Jahres-Tief gefallen. Dennoch tastet die EZB den Leitzins nicht an. Die Märkte warten nun, ob sich Draghi in der Pressekonferenz zu weiteren Maßnahmen äußert.

Das Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank (EZB). dpa

Das Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die Europäische Zentralbank (EZB) macht trotz Mini-Inflation das Geld im Euroraum nicht noch billiger. Der Leitzins bleibt auf dem Rekordtief von 0,15 Prozent, der Strafzins für Bankeinlagen bei der EZB bei minus 0,10 Prozent. Das entschied der EZB-Rat nach Angaben der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt.

Die meisten Volkswirte hatten mit einer abwartenden Haltung der EZB gerechnet, auch wenn die jüngsten Inflationsdaten neue Sorgen schürten: Sinkende Energiepreise drückten die Teuerung in den 18 Euroländern im Juli auf 0,4 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Auch in Deutschland war das Niveau der Verbraucherpreise mit 0,8 Prozent im Juli weit entfernt vom EZB-Ziel stabiler Preise bei Inflationsraten knapp unter 2,0 Prozent.

Fragen an EZB-Chef Mario Draghi

Sind weitere Maßnahmen jetzt wahrscheinlich?

Nicht nach Einschätzung von Ökonomen. Draghi hatte zwar die Tür für geringfügige Anpassungen offengelassen, nachdem er im Juni den Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent und den Einlagensatz in den negativen Bereich gesenkt hatte. Doch alle Teilnehmer an einer Umfrage von Bloomberg News gehen davon aus, dass die drei Leitzinssätze unverändert bei der heutigen Sitzung bleiben werden. In einer anderen Umfrage wurde vorausgesagt, dass eine Zinserhöhung nicht vor 2016 zu erwarten ist - und nur einer von 28 Analysten erwartete eine weitere Senkung des Einlagensatzes.

Welche Auswirkungen der bereits beschlossenen Schritte sind denkbar?

Ein Kernstück des Maßnahmenpakets vom Juni ist noch nicht in Kraft getreten. Das EZB-Programm für langfristige Kredite an die Banken, mit dem bis zu eine Billion Euro in die Wirtschaft des Euroraums gepumpt werden soll, startet erst im September. Die Währungshüter haben signalisiert, dass sie von weiteren Maßnahmen absehen werden, bis sich die Auswirkungen der bereits beschlossenen Schritte abzeichnen. Draghi sagte zwar, dass die Arbeiten an einem ABS-Kaufprogramm intensiviert würden, doch Analysten rechnen nicht mit einer bevorstehenden Ankündigung.

Welchen Spielraum hat Draghi?

Im Juli hatte Draghi vor möglichen Auswirkungen von „geopolitischen Risiken” auf die „sehr graduelle Erholung” im Euroraum gewarnt. Heute könnte Draghi hier mehr ins Detail gehen, nachdem die Feindseligkeiten in der Ukraine angehalten und die USA und EU Sanktionen gegen Russland verhängt haben.

Wie stark ist die wirtschaftliche Erholung?

Konjunkturdaten und Stimmungsumfragen haben im letzten Quartal ein gemischtes Bild ergeben. So glitt Italien in die Rezession ab, während Spaniens Wirtschaft um 0,6 Prozent wuchs. In Deutschland, der größten Volkswirtschaft des Euroraums, fiel der Auftragseingang der Industrie im Juni so stark wie seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht mehr. Gleichzeitig bewegte sich ein Sammel-Indikator für die Aktivität im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor der Euro-Region nahezu auf dem höchsten Stand in diesem Konjunkturzyklus.

Wie sieht der Inflationsausblick aus?

Die Inflation liegt seit Oktober unter einem Prozent und schwächte sich im Juli auf 0,4 Prozent ab. Das war die niedrigste Teuerungsrate seit fast fünf Jahren. Die EZB geht derzeit davon aus, dass der Preisauftrieb im Laufe der nächsten zweieinhalb Jahre an Dynamik gewinnen wird und von 0,7 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 Prozent im kommenden Jahr steigt, bevor im letzten Jahresviertel 2016 eine Inflation von 1,5 Prozent erreicht wird. Sollte es zu einer Abwärtsrevision komme, dürften die Rufe nach geldpolitischen Lockerung lauter werden. Die Währungshüter dürften sich damit trösten, dass die volatilen Energiepreise einen starken Beitrag zum Rückgang der Jahresteuerung geliefert haben.

Wie entwickelt sich die Bilanzprüfung durch die EZB?

Portugal hatte in der vergangenen Woche Banco Espirito Santo SA, die nach Marktwert größten Bank des Landes, mit einem 4,9 Mrd. Euro schweren Rettungspaket unter die Arme greifen müssen. Das hat Erinnerungen an die Krise im Euroraum wachgerufen, auch wenn die Auswirkungen auf die Staatsanleihen des Landes bislang begrenzt blieben und Analysten die Ansteckungsgefahr für gering halten. Draghi dürfte sich jedoch Fragen über die Auswirkungen der Rettungsaktion auf die umfassende Prüfung der Bankbilanzen durch die EZB stellen müssen.

Was steht sonst noch auf der Agenda?

Die eigene Rolle der EZB bei den Sanktionen dürfte die Notenbanker beschäftigen. Die Zentralbank hat nach Aussage einer informierten Person eine Klarstellung darüber verlangt, ob die in der Eurozone tätigen Töchter russischer Banken auch nach den neuen Sanktionen Zugang zu EZB-Finanzierungen haben sollen, wie Bloomberg News am ersten August berichtete. Zuvor hatten die EU- Regierungschefs unter anderem den Zugang zu Banken- Finanzierungen eingeschränkt und damit ihre Sanktionen verschärft.

Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und können so die Wirtschaft ankurbeln. Das stärkt in der Regel auch den Preisauftrieb. Erst Anfang Juni hatte die EZB ein beispielloses Paket im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturflaute aufgelegt: Der Leitzins wurde von 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent verringert, zudem führte die EZB einen Strafzins für Banken ein, die Geld bei der Notenbank parken, statt Unternehmen und Verbraucher Kredite zu geben. Ab September gilt darüber hinaus ein neues Programm mit Langfristkrediten für Banken.

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass sich die EZB mit weiteren Schritten zunächst zurückhalten wird. EZB-Präsident Mario Draghi selbst hatte bei der letzten Ratssitzung Anfang Juli zwar die Bereitschaft der Notenbank bekräftigt, notfalls mit zusätzlichen Sondermaßnahmen auf eine für die Konjunktur gefährliche „zu lange Periode niedriger Inflationsraten“ zu reagieren. Draghi hatte aber zugleich betont: „Wir wollen die Wirkung der Maßnahmen abwarten - und die Auswirkung wird substanziell sein.“

Im Köcher haben die Währungshüter noch den Kauf von Kreditpaketen (Asset Backed Securities/ABS), um so Geschäftsbanken Freiräume für neue Kredite zu verschaffen. Möglich wären zudem breit angelegte Wertpapierkäufe (Quantitative Easing/QE). Ökonomen sind überzeugt, dass sich Draghi ein solches Kaufprogramm ausdrücklich offenhalten wird, diese Option aber frühestens dann ziehen wird, wenn die Kreditvergabe nicht wie gewünscht in Schwung kommen und/oder die Inflation unter die Nulllinie rutschen sollte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×