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16.09.2011

07:05 Uhr

Anlageberatung

Banker verheimlichen ihre Provisionen

VonJens Hagen

Eine Studie der Verbraucherzentralen stellt den Banken ein vernichtendes Zeugnis aus. Bei Anfragen verschweigen sie Provisionen – und verstoßen damit gegen geltendes Recht. Wie die Berater Kunden abblitzen lassen.

Viele Anleger kennen die wahren Kosten ihrer Anlagen nicht. Auch weil viele Banken wenig auskunftsfreudig sind. gms

Viele Anleger kennen die wahren Kosten ihrer Anlagen nicht. Auch weil viele Banken wenig auskunftsfreudig sind.

DüsseldorfViele Bankkunden bemerken bei ihrem Beratungsgespräch ein erstaunliches Phänomen. Bei der Kaufempfehlung zeigt sich der Banker noch eloquent und wortgewandt. Auf die Frage nach seiner Provision zeigt sich der Berater jedoch verschlossen und abweisend.

Wie groß die Mängel bei der Transparenz der Geldhäuser bei ihren Kick-Backs, laufenden Vergütungen oder Vertriebsanreizen tatsächlich sind, belegt jetzt eine Untersuchung der Verbraucherzentralen. Zwei von drei Banken und Sparkassen missachten demnach gegenüber ihren Kunden die Pflicht zur Offenlegung von Provisionen.

Verbraucherschützer im Interview: „Das Ergebnis ist niederschmetternd“

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Gerd Billen, oberster Verbraucherschützer Deutschlands greift im Interview mit Handelsblatt Online die Banken frontal an, erwägt Musterklagen und fordert eine Sonderprüfung der Bankenaufsicht.

Laut Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) verweigert die Mehrzahl der Institute die Auskunft gänzlich oder informiert unzureichend. Nur in zwei Prozent der Antworten auf Kundenanfragen legten die Banken ihre Provisionen vollständig offen. „Die Argumentation der Banken, die Anfragen abweisen, ist oft fadenscheinig und juristisch haltlos“, sagt Gerd Billen, Vorsitzender des Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV).

Der Zentralen Kreditausschuss (ZKA) erklärt dagegen, dass Banken und Sparkassen bereits bei Geschäftsabschluss alle Zuwendungen offenlegen würden. Entgegen der Auffassung des VZBV könne nicht ohne weiteres von einem Auskunftsanspruch nach Geschäftsabschluss ausgegangen werden.

Das Provisionsgeschäft ist für die Banken durchaus einträglich. In der Untersuchung wurden pro Jahr und Kunde Provisionen in Höhe von durchschnittlich 667 Euro ausgewiesen.

Was der Banker verdient

Ausgabeaufschlag

Einmalige Vergütung für die Vermittlung, abhängig vom Volumen. Bei Aktienfonds oft fünf Prozent. Es folgen die wichtigsten Provisionen als Glossar. Quelle: Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Marge (Bonifikation)

Einmalige Vergütung für die Vermittlung, abhängig vom Volumen. Bei Zertifikaten oft zwei Prozent. Ob eine Offenlegungspflicht besteht ist strittig.

Vertriebsfolgeprovision

Laufende Vergütung auf den vermittelten Bestand, abhängig vom Volumen. Bei Aktienfonds oft zwischen 0,5 Prozent und 1,0 Prozent pro Jahr.

Vertriebserfolgsvergütung

Zusätzliche einmalige Vergütung, abhängig vom Gesamtjahresabsatz. Im Beispiel eines Zertifikats der LBBW (LB0G30) "0,10 Prozent bis 0,27 Prozent des Gesamtabsatzes". Im Versicherungsvertrieb gibt es ähnliche Zahlungen, einmalig als Abschlussprovision und laufend als Bestandsprovision.

Die Verbraucherzentralen werteten 280 Kundenanfragen an die Banken und 172 Antwortschreiben der Institute aus. Zuvor hatten sie mit der Initiative „Finanzmarktwächter“ Bankkunden dazu aufgerufen, von ihren Instituten eine Auflistung der Provisionen für ihre Wertpapiere zu verlangen.

Die Auswertung zeigt: Bei Anfragen zu Provisionen wimmeln Banken ihre Kunden ab. In 79 der 172 Schreiben verweigerten die Banken explizit eine Offenlegung der Provisionen. In 15 Fällen gingen die Antworten an den Fragen der Verbraucher vorbei. Vier Sparkassen und Volksbanken wiesen die Anfragen ohne jede Begründung zurück. Andere Institute verlangen ohne rechtliche Grundlage eine Gebühr für die Beantwortung der Fragen.

Abgewimmelt: Warum Banker keine Auskunft geben

Mangelnde Transparenz

In einer Aktion der Verbraucherzentralen im Jahre 2011 haben Bankkunden ihre Institute darum gebeten, die Provisionen für Wertpapiergeschäfte öffentlich zu machen. In 16 von 172 ausgewerteten Antwortschreiben lehnten die Banken ohne Begründung ab. Und das obwohl die Kunden ihr Anliegen in jedem zweiten Fall mehrfach vortrugen.

Quelle: Verbraucherzentrale Initiative Finanzmarktwächter.

Antwort ohne Informationsgehalt

In 15 von 172 Fällen beantwortet die Bank in ihrem Antwortschreiben nicht konkret die Fragen zur Provision. Besonders ärgerlich: Einige Banken verlangen eine Liste der Wertpapiere im Depot. Wenn der Kunde die Liste geliefert hat, erhält er immer noch keine Auskunft. Das kam in elf Fällen vor. Bei diesem Punkt rügen die Verbraucherzentralen vor allem die Commerzbank.

Auskunft verweigert

In 79 der 179 Fällen verweigerten die Banken dien Auskunft vollständig, in 13 weiteren Fällen zumindest teilweise. Die Banken führen verschiedene Argumente an.

Festpreis statt Kommision

In 25 Prozent der Fälle erklären die Banken, dass es sich um ein Festpreisgeschäft gehandelt habe. Im Gegensatz zu Kommissionsgeschäften, bei denen laut BGH-Rechtssprechung Auskunftspflicht besteht (BGH XI ZR 56/05), besteht bei Festpreisgeschäften bislang keine Offenlegungspflicht. Bei diesem Punkt rügen die Verbraucherzentralen vor allem die Targobank.

Verjährung

Mit dem Argument der Verjährung lehnen in 17 von 179 Fällen eine Auskunft ab. Laut Verbraucherschützern ist dieses Argument juristisch fraglich, da die Verjährung erst mit dem erstmaligen Erbeten der Auskunft beginnt. Der Auskunftsanspruch könne erst dann verjährt sein, wenn die Auskunft vorvertraglich erteilt wurde.

Vorvertragliche Auskunft

In 17 von 179 Fällen verweisen die Banken darauf, dass sie die Informationen bereits vorn Vertragsschluss gegeben hätten. Eine weitere Auskunft lehnen sie ab. Den Beleg dafür können aber nur zwei Banken führen. Die Verbraucherschützer erwähnen in diesem Punkt die Commerzbank und die Sparkasse Witten.

Verweis auf Internetseite

Die Kunden sollen sich dien Informationen selbst zusammensuchen, finden die Banken in 26 der 179 Antwortschreiben. Das können sie etwa in Prospekten, Internetseiten oder den Bögen des Wertpapierhandelsgesetzes. Die Verbraucherschützer monieren aber, dass Kunden die Information in der Praxis kaum nachvollziehen können. Prozentangaben müssten etwa auf einzelne Wertpapieranlagen umgerechnet werden. Bei schwankenden Fondsvermögen wäre das kaum nachvollziehbar. Auch in diesem Punkt nennen die Verbraucherschützer die Targobank.

Keine Begründung

Die Berliner Sparkasse, Sparkasse Märkisches Sauerland, Kreissparkasse Heinsberg und Volksbank Ruhr Mitte verweigerten laut Verbraucherzentralen die Auskunft ohne Nennung von Gründen. "Im konkreten Fall, musste eine Auskunft nicht erfolgen", rechtfertigt sich die Volksbank Ruhr Mitte. In anderen Fällen sei das Institut gerne zur Auskunft bereit.

Auskunft gegen Rechnung

Drei Institute wollten nur Auskünfte geben, wenn sie die Kunden die Kosten dafür erstatten. Laut Verbraucherschützern sind solche Ansprüche bei gesetzlich garantierten Auskunftsrechten unangemessen. Die Verbraucherzentralen nennen in diesem Punkt die Badische Beamtenbank, Volksbank-Raiffeinsenbank Passau, Volksbank Bautzen.

Juristische Spitzfindigkeiten

Sie hätten die Provision nicht „aus einem Auftrag“ sondern „bei Gelegenheit“ erlangt - das erklären die Deutsche Apotheker und Ärztebank, die Kreis- und Stadtsparkasse Kaufbeuren sowie die Volksbank Eisingen. Daher bestehe keine Auskunftspflicht. Die Apobank verweist auf ein Rechtsgutachten in einer Fachzeitschrift.

Verweis auf MIFID

Die Commerzbank, Norddeutsche Landesbank sowie Hannoversche Volksbank Mellendorf verweisen laut Verbraucherschützern auf die europäische Finanzmarktrichtlinie MIFID. Die sei erst seit Ende 2011 in Kraft, davor gebe es keinen Auskunftsanspruch. Die Verbraucherschützer halten die Argumentation für fragwürdig, da es schon früher eine entsprechende BGH-Rechtssprechung gab.

Faulheit

Die Commerzbank und Donner & Reuschel verwiesen darauf, dass der Aufwand nicht gerechtfertigt sei.

Juristische Hilfskonstruktion

Da kein Anspruch auf Regress bestünde, lehnten laut Studie die Volksbank Stein Eisingen und die Raiffeisenbank Frechen-Hürth den Kundenwunsch ab. Laut Verbraucherschützer besteht aber ein Anspruch auf Auskunft unabhängig von einer möglichen Auskehrung.

Abwegige Begründungen

Einige Institute verhaspeln sich mit der Juristerei. Die Sparkasse Südwest beruft sich laut Verbraucherschützern auf Verjährung und nennt eine Norm im Wertpapierhandelsgesetz, die es nicht mehr gibt. Die Nord LB erklärt, dass ein Anspruch nur bestehe, wenn die Gefahr bestünde, dass die Bank in einen Interessenkonflikt geraten könne. Die Verbraucherschützer weisen die Argumentation mit Hinweis auf BGH-Rechtsprechung zurück. Laut Verbraucherschützer ignoriert auch die Antwort des Sparkassenverbandes Lippe höchstrichterliche Urteile. Dien Kreissparkasse Ostalb verweist auf eine Aufbewahrungspflicht von drei Jahren. Tatsächlich beträgt die Frist für Banken aber zehn Jahre.

Kommentare (40)

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Account gelöscht!

14.09.2011, 10:44 Uhr

So sieht also bewahrenswerte Systemrelevanz aus!?

Gast

14.09.2011, 10:46 Uhr

Reißerischer Artikel. Die Verbraucherverbände sind offensichtlich auf der Suche nach einem Arbeitsauftrag. Warum die Fragen z.B. NACH der Beratung und nicht IN der Beratungs gestellt wurden, bleibt ein Geheimnis der Verbände. In den meisten Instituten werden Angaben zu den Provisionen automatisch im Beratungsgespräch erstellt und ausgehändigt. Eine nachträgliche manuelle Berechnung führt natürlich zu einem Zusatzaufwand. Warum eine Bank dafür gerügt wird, dass sie im Einklang mit der BGH-Rechtsprechung ihre Verkaufsmargen nicht aufdeckt, ist ebenso völlig unklar. Das Thema wird zu Tode geritten. Viel wichtiger als die Provisionsfrage ist die Qualität der Anlageberatung, da liegt tatsächlich noch vieles im Argen, aber leider sind die Verbraucherverbände da auch kenie Hilfe, da sie die falschen Fragen stellen und einseitig die (für den Kleinanleger unerschwingliche) Honorarberatung glorifizieren.

poolliter

14.09.2011, 10:57 Uhr

2 von 3 haben sich Ihre neue Bezeichnung als Bankster wahrlich verdient, auch im Kleinkundengeschäft.

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