Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.04.2012

13:28 Uhr

Anlageberatung

Die Sparkasse als Finanzcasino

VonFrank Matthias Drost, Peter Köhler, Thomas Bauer

Sparkassen geben sich gegenüber den Kunden gerne seriöser als andere Banken. Doch Anlegeranwälte berichten von Betrug, Nötigung und Untreue. Die Klagen häufen sich. Was einige Sparkassen ihren Kunden zumuten.

Das Sparkassen-Logo vor dem Hauptsitz der Sparkasse Köln/Bonn. picture-alliance/ dpa

Das Sparkassen-Logo vor dem Hauptsitz der Sparkasse Köln/Bonn.

Berlin/FrankfurtFür Sparkassenpräsident Heinrich Haasis sind Sparkassen die besseren Banken. Gern grenzt er die öffentlich-rechtlichen Institute von börsennotierten Banken ab, die ihre Gewinne maximieren müssen und nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sind. „Die Sparkassen sind eine unternehmerische Antwort auf die in der Finanzkrise deutlich gewordenen Mängel einer zügel- und grenzenlosen Finanzwirtschaft“, lautet das Credo des Präsidenten.

Doch so anders als andere Banken agieren Sparkassen gar nicht. Das zeigen zahlreiche juristische Auseinandersetzungen mit privaten Anlegern, die sich von ihren Sparkassen falsch beraten fühlen. Davon laufen derzeit Hunderte. Sie zeigen, dass auch Sparkassen nicht immer die Interessen ihrer Kunden im Auge haben.

Interview: „Sparkassen ignorieren die Gesetze“

Interview

„Sparkassen ignorieren die Gesetze“

Bei den Sparkassen wird in der Finanzberatung kräftig geschlampt, erklärt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Berater würden unter Provisionszwang und Vertriebsvorgaben leiden.

Besonders krass ging es anscheinend bei der Sparkasse Köln-Bonn zu. Der türkische Geschäftsmann Senol B. erstattete nach Informationen des Handelsblatts Ende Februar dieses Jahres Strafanzeige gegen vier Vorstände der Sparkasse wegen Betrug, Nötigung und Untreue im Fall verlustreicher Zinswetten. Mit diesen sogenannten Swaps will man beispielsweise von Zinsunterschieden zwischen verschiedenen Ländern profitieren. Die entsprechenden Zinsänderungs- und Währungsrisiken sind jedoch kaum zu kalkulieren. Es bestehe „ein fast unbegrenztes Verlustpotenzial“, wie es die Münchener Kanzlei Engelhard & Busch beschreibt.

B.s Düsseldorfer Anwalt Joerg Andres sagte dem Handelsblatt: „Mein Mandant wurde systematisch getäuscht.“ Die Staatsanwaltschaft Köln bestätigte den Eingang der Anzeige. „Der Vorgang wird geprüft“, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Die Sparkasse Köln-Bonn bestreitet die Vorwürfe.

Nach Angaben der Sparkasse sei die Darstellung grob falsch, erklärte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Die Finanzierung in Schweizer Franken sei auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden geschehen. Wie die Unterlagen belegten, sei dies nach umfassender Beratung und mit Hinweis auf die Risiken geschehen. Der Kunde habe an seiner Anlagestrategie auch dann noch festgehalten, als die Sparkasse ihn auf zunehmende Risiken aufgrund der Aufwertung des Franken hingewiesen habe. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft habe sich ein Anfangsverdacht gegen den Vorstand nicht bestätigt.

Die wichtigsten Urteile zur Falschberatung

Beratung ohne

Die Gerichte müssen sich immer wieder mit dem Thema fehlerhafte Anlageberatung beschäftigen. Die Fälle sind immer individuell. Eine Auswahl von richtungsweisenden Urteilen für verschiedene Lebenslagen zeigt, welche Chancen Opfer von falscher Beratung haben.

Versteckte Kosten

Bankberater, die eine Anlageempfehlung aussprechen, müssen alle Provisionen offen legen, die sie erhalten. Dazu gehören sämtliche Rückvergütungen, der Ausgabeaufschlag, einmalige Provisionen oder zum Beispiel Bestandsprovisionen aus der laufenden Managementgebühr. Werden nicht sämtliche Provisionen offengelegt, kann der Anleger Schadensersatz geltend machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 56/05)

Provisionen offenlegen

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs müssen Banken über Provisionen aufklären, die sie beim Verkauf von Anlageprodukten erhalten. Wenn die Bank nicht ausreichend informiert hat, können Privatanleger auch nach Ablauf der Verjährungsfrist von drei Jahren das Geschäft rückgängig machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 586/07)

Mangelnde Auskunft

Will ein Kunde Anleihen kaufen, muss der Berater bei Auslandsanleihen über das Risiko des Zahlungsausfalls informieren. Wenn er dieser Pflicht nicht nachkommt oder Bedenken des Anlegers nicht ernst nimmt, ist die Bank schadensersatzpflichtig. Im behandelten Fall hatte das Geldhaus der Klägerin Argentinien-Anleihen empfohlen, obwohl diese auf eine sichere Geldanlage Wert gelegt hatte. Oberlandesgericht Bamberg (Aktenzeichen: 5 U 246/05)

Kritische Presseberichte

Berater müssen darüber informieren, wenn in der Presse Kritik an einem bestimmten Finanzprodukt laut wird. Die Bank muss ihre Geldhäuser darüber in Kenntnis setzen, wenn sich in der anerkannten Wirtschaftspresse derartige Berichte häufen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 89/07)

Begrenzte Einlagensicherung

Banken, die ihren Kunden nur eine begrenzte Absicherung der Einlagen bieten können, müssen darüber informieren. Der Bundesgerichtshof hat in diesem Fall die Rechte von Bankkunden gestärkt. Die Geldinstitute müssen ihre Kunden unmissverständlich darauf hinweisen, wenn ihre Spareinlagen nur bis zur Höhe der gesetzlichen Einlagensicherung geschützt sind. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen: XI ZR 152/08 und XI ZR 153/08)

Schadenersatzansprüche wegen Falschberatung

Die Deutsche Bank muss 540.000 Euro Schadenersatz an einen mittelständischen Unternehmer bezahlen, dem sie zum Kauf von hochspekulativen Zinswetten geraten hat, ohne vorher im notwendigen Umfang beraten und aufgeklärt zu haben. Der Kunde investierte in ein hochkomplexes Swap-Geschäft und die Zinsen entwickelten sich anders als erwartet. Das Gericht sah zudem einen Interessenkonflikt der Bank. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen XI ZR 33/10)

Haftung einer Direktbank

Wenn ein Anleger einen Depotvertrag mit einer Direktbank abschließt, entscheidet er sich bewusst gegen das klassische Angebot einer Filialbank. Gibt eine Direktbank eine Empfehlung, so muss diese transparent und richtig sein. Eine Verpflichtung zu einer umfassenden und vollständigen Anlageberatung ergibt sich daraus nicht. Amtsgericht München (Aktenzeichen 111 C 24503/09)

Vermittler haften

Anlagevermittler müssen Immobilienfonds auf Wirtschaftlichkeit überprüfen hinweisen. So müssen sie das Anlagekonzept zumindest auf Plausibilität hin prüfen. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen III ZR 144/10)

Aufklärungspflicht beachten

Das Landgericht Frankfurt bestätigt seine Rechtsprechung, wonach eine Aufklärungspflicht über die Vertriebsvergütung besteht und andernfalls eine Schadensersatzpflicht vorhanden ist.
Landgericht Frankfurt (Aktenzeichen 2-190 116/09)

Telefonisch beraten

Wenn bei einer Anlageberatung Twin-Win-Zertifikate empfohlen werden, muss über das Rückzahlungsszenario bei Berühren oder Unterschreiten der Sicherheitsschwelle unterrichtet werden. Zudem muss die Bank auch über ein vorzeitiges Kündigungsrecht des Emittenten aufklären. Die Beratung erfolgte telefonisch. Über das komplexe Produkt muss aber auch mit schriftlichem Material aufgeklärt werden, so das Gericht. Oberlandesgericht Frankfurt (Aktenzeichen 17 U 207/09)

Doch die Klage des Geschäftsmanns ist kein Einzelfall. „Ich vertrete mehrere Kunden, die bei spekulativen Zinswetten mit der Sparkasse Köln-Bonn Schiffbruch erlitten haben“, erklärt Michael Leipold, Anwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Auch wenn andere Banken die gleichen riskanten Geschäfte angeboten haben, ist dieses Gebaren aus Leipolds Sicht für eine Sparkasse besonders verwerflich. Denn deren Kunden, so der Anwalt, dürften davon ausgehen, „dass ihnen bei ihrer Sparkasse keine riskanten Geschäfte angeboten werden“.

Dabei wollen die Sparkassen doch anders sein. In der „Stuttgarter Erklärung“ von 2010 heißt es zum Selbstverständnis der Sparkassen: „Im Mittelpunkt der Beratung stehen die Ziele und Bedürfnisse des Kunden. Ein reiner Produktverkauf ohne Rücksicht auf die Bedürfnislage des Kunden ist mit der Philosophie der Sparkassen nicht vereinbar.“

Beratung: Warum Sparkassenkunden vor Gericht ziehen

Beratung

Warum Sparkassenkunden vor Gericht ziehen

Zweifelhafte Tipps, Verluste in sechsstelliger Höhe, teure Fremdwährungskredite: Die Falschberatung vieler Sparkassen kostet die Kunden viel Geld. Drei beispielhafte Fälle zeigen gravierende Schwächen der Banker.

Manchen Kunden muss das wie Hohn vorkommen. Sie werfen den Sparkassen beispielsweise vor, ihnen Zertifikate zu verkaufen, ohne immer über den möglichen Totalverlust bei einer Pleite des Emittenten aufzuklären. Nach dem Crash der Investmentbank Lehman Brothers verloren auch Sparkassen-Kunden viel Geld. In anderen Fällen klärten Sparkassen ihre Kunden nicht über Rückvergütungen beim Vertrieb von offenen Immobilienfonds auf. Wieder andere versäumten es, ihren Kunden die Funktionsweise von Bonus-Zertifikaten zu erklären.

Kommentare (42)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

aberglaube

27.04.2012, 13:39 Uhr

wer auch immer in fremdwährungsimmobiliendarlehen unterwegs ist ,sollte vorsichtshalber schon mal 30 % der darlehenssumme bar rumliegen haben.

ansonsten is schnell:game over

wenn ein mensch gleich mehrere immobilien zu finanzieren hat und diese variante wählt,weiß er genau,daß er in einem zock unterwegs ist.

daß die sparkassen so ein mist anbieten is der skandeal,aber zwischenzeitlich finanzieren die auch die religionsgemeinschaft AXEL SPRINGER AG

Chris

27.04.2012, 13:51 Uhr

Hm..., gibt es heute keine schlechten Nachrichten über Banken? Naja, damit das Soll erfüllt wird machen wir heute mal die Sparkassen schlecht.... Danke fürs Gespräch!

Chris

27.04.2012, 14:04 Uhr

Achso und dann werd ich heute gleich noch meinen Autohändler verklagen! Er hat mir nie gesagt, was er für eine Provision bekommt, als er mir das Auto verkauft hat und was verdient dann eigentlich der Konzern??? Achso und dass es bei einer anderen Automarke das bessere Preis/Leistungsverhältnis gibt...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×