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18.11.2013

10:02 Uhr

Anwälte packen aus

So tricksen Banken ihre Anleger aus

VonBarbara Moormann

Immer öfter landen Banken vor Gericht. Sie müssen sich gegen unzufriedene Anleger wehren – und sind dabei nicht zimperlich. Anwälte haben sieben Abwehr-Maschen identifiziert, die besonders beliebt sind.

Der Münchner Anwalt Nikolaus Sochurek: "Die Banken lehnen Ansprüche im vorgerichtlichen Bereich grundsätzlich ab und lassen es auf Klagen ankommen." Bildquelle: Tom Zilker (tomzilker.de).

Der Münchner Anwalt Nikolaus Sochurek: "Die Banken lehnen Ansprüche im vorgerichtlichen Bereich grundsätzlich ab und lassen es auf Klagen ankommen." Bildquelle: Tom Zilker (tomzilker.de).

KemptenDie Finanzkrise fordert ihren Tribut. Immer mehr Beteiligungen an Unternehmen stellen sich als Fehlinvestition heraus. Die spektakulären Enthüllungen bei den Fondsgruppen S&K oder nun Infinus sind da nur die Spitze des Eisbergs. Anwälte schätzen, dass weit mehr als 100.000 Anleger ihr Geld in hochriskante Unternehmensbeteiligungen gesteckt haben.

Oft wurden solche Fondsanteile im grauen Kapitalmarkt von Banken verkauft. Wenn etwas schief läuft, stehen die Berater der Banken daher sofort im Kreuzfeuer. Anleger wollen ihr Geld zurück – und immer öfter landen solche Auseinandersetzungen vor Gericht. Das ist für alle Beteiligten ein zweifelhaftes Vergnügen, denn in der Regel entwickelt sich ein zähes Ringen.

Das Problem aus der Sicht der Anwälte: Nicht nur zweifelhafte Verkäufer wurden durch die hohen Provisionen auf dem unregulierten Markt für Unternehmensbeteiligungen angelockt. Auch viele Banken packte die Gier. Graumarktprodukte seien daher selbst Kleinsparern verkauft worden, sagt etwa der Rechtsanwalt Thomas Diler von der Kanzlei Sommerberg in Bremen.

Die Tricks der Berater

Verkaufstalent

Gute Vermittler kennen ihr Geschäft. Aus Schulungen und langjähriger Erfahrung wissen sie, wie sich der Kunde zum Abschluss bringen lässt. Die Verbraucherzentrale NRW nennt die wichtigsten Psychotricks der Verkäufer.

Der Ton macht die Musik

Verkaufstermine werden als „kostenlose Rentenberatung“ oder „objektive Finanzanalyse“ betitelt. Das soll nach Angaben der Verbraucherschützer Kunden Seriosität und Unverbindlichkeit suggerieren. In der Praxis geht es bei solchen Terminen jedoch weniger um eine echte Beratung, sondern um den Vertrieb vorgegebener Produkte.

Nicht abzuwimmeln

Verkäufer sind bei der Terminvergabe immer flexibel. Wenn der Kunde aus Höflichkeit wegen Zeitmangel, absagt, steht der Berater auch nach Feierabend parat. Wenn kein Interesse besteht, erwähnen Verkäufer gerne, dass der Kunde das doch erst nach einem Gespräch beurteilen könnte. Kunden erhalten so häufig Besuch den sie eigentlich gar nicht haben möchten. Bei guten Verkäufern liegt die Abschlussquote nach einem Gespräch bei mehr als 50 Prozent.

Einlullen

Kein Verkäufer fällt mit der Tür ins Haus. Vor dem Verkaufsgespräch gibt es immer einen Small Talk, der das Eis brechen oder wie es die Verbraucherschützer formulieren den „Kunden einlullen“ soll. Der Kunde soll sich wohlfühlen und dann ein Angebot erhalten, dass er auch wegen dem guten Verhältnis zum Berater nur schwer ablehnen kann. Viele Kunden empfinden es immer noch als unhöflich, wohlmeinende Angebote zurückzuweisen oder um die Konditionen zu feilschen.

Die Verpackung machtʼs (I)

Viele Verkäufer nennen ihre Produkte nicht beim Namen. Private Rentenpolicen auf Basis von Lebensversicherungen werden zum „Renten-Sorglos-Paket“ und gebührenträchtige Dachfonds zum „Rendite-Investment-Plan“. „Im Verkäuferdeutsch wimmelt es von Plänen, Investments und Paketen“, erklären die Verbraucherschützer. Kunden sollten aber immer wissen, welches Produkt sie abgeschlossen haben, und welche Vor- und Nachteile die Produktklasse hat.

Die Verpackung machtʼs (II)

Viele Fremdwörter verschleiern ebenfalls das Produkt. Laut Verbraucherzentrale verwirren vor allem Anglizismen die Kunden wie etwa „Performance“, „Securities“ oder „Top-down-Strategie“. Kunden sollten nur abschließen, was sie verstehen. Niemand sollte sich schämen nachzufragen.

Rechentricks

Auch wenn man kein Rechenkünstler sein muss, um diesen Trick zu durchscheuen: Oft wirkt er trotzdem. Versicherungen kosten, 9,90 und nicht 10,00 Euro. Abgerechnet wird im Monat und nicht pro Jahr, wenn die Gesamtrechnung 118,80 Euro betragen würde. Die Verbraucherzentrale entdeckte auch Rechnungsbeträge, die auf den Tag heruntergebrochen werden. Bei Guthabenzinsen werden dagegen gerne möglichst lange Zeiträume gewählt. Kunden sollten immer von den Kosten oder Renditen pro Jahr ausgehen.

Tempo

Wer aufs Tempo drückt, hat laut Verbraucherschützern „etwas zu verbergen“. Kein Kunde sollte sich deshalb unter Zeitdruck setzen lassen. Es ist durchaus üblich, das Produkt vor einem Abschluss einige Tage zu prüfen.

Der gute alte Geheimtipp

Noch immer fallen Kunden darauf herein: Angeblich unbekannte Geldanlageprodukte, die immense Renditen versprechen. Wer weiß, ob es sie jemals gegeben hat. Heutzutage gibt es solche Produkte jedenfalls nicht mehr. Finanznachrichten verbreiten sich live auf der ganzen Welt, Tausende Profis und Kleinanleger machen Jagd auf Profit. „Verborgenes Wissen existiert praktisch nicht“ schreiben die Verbraucherschützer. Und Insiderwissen ist strafbar.

Gier

Traumrenditen sind rar und nur durch hohe Risikobereitschaft zu erzielen. Der Mär von dem todsicheren Geschäft, das alle Beteiligten reich macht, sollte niemand mehr glauben.

Kontaktpflege

Gute Verkäufer leben von ihren Kontakten. Sie tummeln sich in den entsprechenden Vereinen oder Peer Groups. Damit nicht genug: Einige Vertriebe halten die Mitarbeiter an, auch Freunde und Familienangehörige zu werben. Kunden sollten privates und geschäftliches immer trennen.

Quelle: Schwarzbuch Banken von der Verbraucherzentrale NRW

Doch was passiert, wenn nun wie bei S&K oder Infinus etwas schief läuft? Schließt die Bank vielleicht schnell einen Vergleich? Das passiert, doch oft wird es von beiden Seiten geheim gehalten. Offiziell sind dagegen umso häufiger Statements zu hören, dass die Banken grundsätzlich vor Gericht nicht nachgeben wollen und Vergleiche kaum möglich sind.

„Grundsätzlich ist die Tendenz festzustellen, dass Banken einen Alles oder Nichts-Kurs fahren, jedwede Ansprüche im außergerichtlichen Bereich zurückweisen und es auf gerichtliche Auseinandersetzungen ankommen lassen“, stellt Rechtsanwalt Nikolaus Sochurek aus München fest.

Allenfalls im Verlauf solcher Verfahren, insbesondere während der mündlichen Verhandlung, seien die beklagten Institute eventuell bereit, über einen Vergleich zu reden. Anleger brauchen also nicht nur starke Nerven, um wieder an ihr Geld zu kommen. Sie sollten auch die gängigen Abwehrstrategien der Gegenseite kennen. Sonst halten sie einen jahrelangen Rechtsstreit womöglich gar nicht durch.

Kommentare (31)

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Aktionaer

18.11.2013, 10:29 Uhr

sorry, aber was soll das denn??

Geht ein Schwein etwa zum Metzer und fragt, wegen einer guten Anlage für die Altersvorsorge?
Oder fragt die Maus die Katze, wie man am besten investiert.

Seit Herrn Wulff und seiner Rede zu Lindau sollte doch auch dem letzten „bewussten und immer gut informierten“ Bürger klar sein, was Bankster wirklich sind. Sie reden zwar mit Engelszungen, wie eben auch der Papst,e s besten kann, doch sie sind hintertrieben und nur auf Abzocken aus.

Wer sein Geld den Banken anvertraut, hat nun mal verloren.


R.B.

18.11.2013, 11:06 Uhr

letztlich tun die Banken nichts anderes wie die Anleger. Sie verlassen sich bei Fehlinvestitionen die aus welchem Grund auch immer nicht gelungen sind auf ihre Anwälte.
Dabei sind die Anwälte auf beiden Seiten die Gewinner. Ich plädiere für mehr normalen Menschenverstand und weniger Gier auf beiden Seiten. Der alte Spruch Gier frisst Hirn stimmt leider immer noch.

Mazi

18.11.2013, 11:10 Uhr

""Die Banken lehnen Ansprüche im vorgerichtlichen Bereich grundsätzlich ab und lassen es auf Klagen ankommen.""

Was ist neu? Nichts! Die Versicherungen praktizieren diese Weise schon lange sehr erfolgreich.

Versicherungen haben erkannt, dass man die Schaltstellen, hier u.a. die BaFin und die Medien, mit Lobbyisten besetzen muss. Dann läuft's wie geschmiert.

In wie weit auch die Gerichte schon durchdrungen sind, wird noch zu klären sein. Aber eines ist klar, dass die Versicherungen das Lesegut der Richter ebenfalls schon sehr gut kontrollieren.

Diesem Vorbild folgend, sind also Beiträge der Banken in den "einschlägigen" Medien für die Juristen zu erwarten, die deren Urteil im Vorfeld ebenfalls manipulieren.

In welchen Schwachsinn ist eigentlich unser Rechtssystem gelandet.

Lassen Sie mich noch einmal auf die Lektüre der Richter zurück kommen.

Da gibt es einen Verlag: "Der medizinische Sachverständige" (MedSach). Er gehört zu einem Verlag, der selbst vorgibt, seine Kompetenz im Sanitärbereich zu haben.

Die Zeitschrift "der medizinische Sachverständige" hat einen Redaktionsrat. Dessen stellv. Leiter ist ein Arzt der Berufsgenossenschaft. Bei ihm sind die Beiträge einzureichen. Die Leitlinien für die Veröffentlichung von Beiträgen sind nicht nach dem Grundsatz für Veröffentlichungen in der Medizin verfasst. Im Kern heißt dies, dass der Autor eines Beitrags nicht angeben muss, in wessen Auftrag und auf wessen Kosten der Beitrag in der Zeitschrift gelandet ist. Er braucht auch nicht anzugeben, ob der Beitrag mit einem Interessenkonflikt behaftet ist.

Lassen Sie mich zum Punkt der Kritik zurück kommen.

Wenn wir uns auf eine unabhängige Justiz verlassen wollten, dann müsste die Judikativ sich zuerst neutral und unabhängig informieren. Dies ist wie vorgenanntes Beispiel zum eigenen recherchieren aufzeigt, nicht gegeben und m.E. der Justiz nicht einmal bewusst. Es fehlt bereits die kritische Einstellung zur Sache, die eine Manipulation verhindern könnte.

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