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14.11.2012

17:09 Uhr

Arbeitsrecht

Attest schon am ersten Krankheitstag fällig

Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden: Schon am ersten Krankheitstag müssen Beschäftigte ein ärztliches Attest vorlegen, wenn es der Chef will. Diese Pflicht könnte für Arbeitgeber aber nach hinten losgehen.

Arbeitgeber dürfen bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangen. dpa

Arbeitgeber dürfen bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangen.

ErfurtEs ist ein Urteil, das Arbeitnehmer aufhorchen lässt: Beschäftigte müssen bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen, wenn ihr Chef das von ihnen verlangt. Das war zwar auch bisher schon möglich, doch das Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom Mittwoch geht noch ein Stück weiter.

Nach dem Erfurter Richterspruch muss der Arbeitgeber nicht mehr begründen, warum er schon so früh auf einen Krankenschein pocht. „Ob eine Begründung vorliegen muss oder nicht, darüber gingen die Meinungen der Juristen bisher auseinander“, sagt der langjährige Arbeitsrechtler und einstige Vorsitzende Richter am Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Reinhard Vossen.

Wie man sich im In- und Ausland krank meldet

Deutschland

Gesetzlich sind Beschäftigte dazu verpflichtet, ihren Arbeitgeber unverzüglich zu informieren, wenn sie wegen Krankheit ausfallen. Spätestens am vierten Krankheitstag muss eine entsprechende Bescheinigung vorliegen. Arbeitgeber können aber auch schon am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest verlangen - nach einer Entscheidung des BGH neuerdings sogar ohne Begründung. Im Ausland sind die Reglungen sehr unterschiedlich...

Frankreich

Im größten Nachbarland Deutschlands müssen Arbeitnehmer im Krankheitsfall innerhalb von 48 Stunden ein ärztliches Attest vorlegen. Wer dies versäumt, hat keinen Anspruch auf volle Lohnfortzahlung.

Dänemark

In Dänemark gibt es grundsätzlich überhaupt keine Verpflichtung zu ärztlichen Krankschreibungen. Wenn ein Arbeitgeber diese trotzdem haben will, muss er dafür eine Gebühr von 1.500 Kronen (etwa 175 Euro) zahlen. Nach der Übernahme der Lohnfortzahlung durch die staatliche Krankenkasse nach sechs Wochen kann diese eine vertrauensärztliche Untersuchung anordnen.

Schweden

Kranke müssen acht Tage nach Beginn ihrer Abwesenheit ein ärztliches Attest vorlegen.

Österreich

In Österreich ist ein Arbeitnehmer dazu verpflichtet, den Arbeitgeber im Krankheitsfall sofort zu verständigen. Eine gesetzliche Regelung zur Vorlage eines ärztlichen Attests gibt es jedoch nicht. Jeder Arbeitgeber entscheidet individuell, ob und wann ein Mitarbeiter eine Krankenstandsbestätigung vorlegen muss. Meist sind entsprechende Vereinbarungen in Verträgen festgehalten.

Schweiz

In der Schweiz darf der Arbeitgeber vom ersten Tag an ein ärztliches Attest verlangen. Allerdings nur, wenn es dazu im Arbeitsvertrag keine andere Regelung gibt. In vielen Verträgen ist aber festgehalten, dass ein Krankenschein bei einer Abwesenheit von mehr als drei Tagen vorzulegen ist. Damit muss sich der Arbeitgeber dann zufriedengeben.

Großbritanien

In Großbritannien müssen Arbeitnehmer erst eine ärztliche Bescheinigung beim Arbeitgeber abgeben, wenn sie mehr als sieben Tage fehlen. Vorher können Arbeitgeber verlangen, dass der kranke Mitarbeiter eine Selbstbescheinigung ausstellt, in der er bestätigt, dass er wegen Krankheit vom Arbeitsplatz fernbleibt.

USA

In den USA kann ein Arbeitgeber ein ärztliches Attest verlangen. Die genauen Regelungen im Krankheitsfalls sind allerdings je nach Bundesstaat unterschiedlich. Nicht einmal jeder Angestellte hat überhaupt ein Anrecht auf bezahlte Krankheitstage. Oftmals müssen Beschäftigte ihren Urlaub opfern oder unbezahlt freinehmen. Mit dem „Healthy Families Act“ sollten landesweit bis zu sieben Krankheitstage pro Jahr festgeschrieben werden, es blieb jedoch beim Gesetzentwurf.

Mit dem Erfurter Urteil werde es für Mitarbeiter nun schwieriger, sich gegen derartige einseitige Anordnungen zu wehren. „Sie müssen diesen in aller Regel Folge leisten.“ Beschäftigte könnten im Streitfall höchstens bei dem Verdacht auf Willkür oder Diskriminierung dagegen vorgehen. „Das dürfte allerdings im Einzelnen schwer nachzuweisen sein, weil das Ausnahmetatbestände sind“, meint Vossen.

Auch in dem Fall der Redakteurin, die vor dem Bundesarbeitsgericht geklagt hatte, vermochten die obersten deutschen Arbeitsrichter keine Willkür erkennen. Die 59-Jährige hatte eigenen Angaben zufolge wegen der Verweigerung einer Dienstreise derart hohen Blutdruck bekommen, dass sie einen Tag zu Hause blieb. Daraufhin forderte sie der Westdeutsche Rundfunk in Köln auf, künftig immer gleich am ersten Tag der Krankmeldung ein Attest vom Arzt vorzulegen. Da das nicht von allen Mitarbeitern verlangt wurde, vermutete sie Schikane. „Ich weiß nicht, warum ich anders behandelt werde, als alle anderen“, sagte die erfolglose Klägerin nach der Verhandlung in Erfurt.

Kommentare (22)

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hiddenpeak

14.11.2012, 11:52 Uhr

Die gute alte Zeit des Vertrauens ist absolut zu Ende; die Schikane schreitet weiter und weiter voran. Seit "Agenda2010" mit immer weniger Putzarbeiterlohn/Std und nun die nächsten Schübe. Schub um Schub. Wer nicht mithält, fällt raus und krepiert am Straßenrand! Guten Morgen, ach-so-tolle Eurokratie!!!

Unternehmensberater

14.11.2012, 11:53 Uhr

tja, Arbeitgeber machen das nunmal mit Mitarbeitern, die auf der Abschussliste stehen

Account gelöscht!

14.11.2012, 12:04 Uhr

Wenn es dem kranken Arbeitnehmer möglich ist, zu seinem Hausarzt zu fahren oder gehen - ( ärztliche Hausbesuche gibt es nicht mehr) - sich ins Wartezimmer setzt, dort 1-2 Stunden auszuharren muss, kann er nicht derart erkrankt sein, um arbeitsunfähig zu sein.

Beispiel aus der Praxis. lol

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