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28.08.2013

06:25 Uhr

Arbeitsrecht

Der heilige Trinker

VonCatrin Gesellensetter

Alkoholiker, Drogensüchtige und Raucher kosten Unternehmen Jahr für Jahr Milliardensummen. Immer mehr Betriebe erklären sich daher zur rauschfreien Zone. Doch was passiert, wenn Mitarbeiter diese Vorgaben missachten?

Oktoberfest: Der Himmel der Bayern, die Hölle für Trinker. Reuters

Oktoberfest: Der Himmel der Bayern, die Hölle für Trinker.

Wir schreiben das Jahr 2013. Der Nichtraucherschutz in Deutschland hat ein neues Allzeithoch erreicht. Und auch was den Genuss diverser Alkoholika angeht, war man im Land der Dichter und Denker schon deutlich toleranter.

Mag der ehemalige Trainer des FC Bayern München, Felix Magath, im Fernsehen auch noch so vollmundig verkünden, er habe seinen Spieler nie das Rauchen verboten und betonen: „Wenn einer zu mir sagt, ich brauch zehn Bier, dann schieße ich morgen zwei Tore, dann kriegt der von mir zehn Bier!“: In den meisten Beschäftigungsverhältnissen ist der Umgang mit Suchtstoffen heutzutage doch deutlich restriktiver.

„Jeder nor einen wönzigen Schlock“

Zwar besteht für deutsche Betriebe kein generelles, gesetzliches Alkoholverbot. Wenn besondere Sicherheitsauflagen fehlen oder eine Null-Promille-Grenze nicht ausnahmsweise per Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag festgeschrieben ist, spricht erst einmal nichts dagegen, den Geburtstag der Lieblingskollegen mit einem Gläschen Schaumwein zu begießen. Auch eine schnelle Kippe in der Mittagspause ist normalerweise nicht ehrenrührig - zumindest, wenn sie unter freiem Himmel genossen wird.

Voraussetzungen für eine betriebsbedingte Kündigung

Unternehmerische Entscheidung

Für eine betriebsbedingte Kündigung muss es eine unternehmerische Entscheidung geben, beispielsweise einen Vorstandsbeschluss.

Wegfall von Arbeitsplätzen

Die unternehmerische Entscheidung muss zum Wegfall von Arbeitsplätzen führen, es darf keine anderen, milderen Maßnahmen geben – etwa Teilzeit oder Umstrukturierungen – die einen Wegfall der Arbeitsplätze verhindern könnten.

Sozialauswahl

Der Arbeitgeber muss eine Sozialauswahl durchführen und je nach Alter, Betriebszugehörigkeit, Unterhaltsverpflichtungen und Schwerbehinderung entscheiden, welche Arbeitnehmer sozial am schutzbedürftigsten sind.

Weniger Schutzbedürftige

Die weniger schutzbedürftigen Arbeitnehmer können gekündigt werden.

Keine alternativen Jobs

Es darf keine alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten im Unternehmen geben, ansonsten ist die betriebsbedingte Kündigung nicht möglich.

Doch was passiert, wenn ein Kollege regelmäßig während der Arbeit trinkt – womöglich deutlich mehr, als ihm gut tut? Welche Konsequenzen drohen Arbeitnehmern, die während der normalen Bürozeiten „auf eine Zigarettenlänge“ in den Hof verschwinden – und das gleich mehrfach pro Tag?

Aus Sicht des Arbeitgebers werden solche Mitarbeiter schnell zum wirtschaftlichen Risiko. Vor allem, weil es nicht gerade wenige gibt: Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums rauchen in Deutschland etwa 16 Millionen Menschen, 1,3 Millionen Menschen sind alkohol- und 1,4 Millionen von Medikamenten abhängig – damit hat, statistisch betrachtet, fast jeder achte Arbeitnehmer ein Suchtproblem.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

28.08.2013, 08:28 Uhr

Hier beschäftigen wir uns mit den Symptomen, nicht mit den Ursachen.
Sinnvollerweise beklagen die Verantwortlichen der rein gewinnorientierten Wirtschaft die Symptome des mit verursachten Problems als Grund für nicht schnell genug weiter steigende Produktivität und Gewinnverlust durch soziale Verantwortung für Mitarbeiter.
Wie lästig?!
Da helfen 400,- €-Jobs. In den kurzen Arbeitszeiten fällt es kaum auf, wenn ein Beschäftigter sein Leben nicht mehr erträgt.

WFriedrich

28.08.2013, 09:06 Uhr

@ UStein
Ich pflichte Ihrer Meinung bei, dass Alkoholismus und Drogenkonsum oft Folgen der (subjektiven) Überforderung im Beruf und insbesondere auch der Familien sind. Aber meinen Sie wirklich, dass solche Gründe ungezügeltes Saufen rechtfertigt? Wer trägt das Risiko und die Folgekosten, wenn Angetrunken oder mit Restalkohol vollgepumpte Beschäftigte vom Gerüst stürzen. Ohne konkreten Anhalt frage ich, wollen wir wirklich angesoffenes Personal in Flugleitstellen, Kraftwerksleitstellen mit Hinweis auf unbewältigte Lebensumstände tolerieren? Würden Sie akzeptieren wenn ein unter Alkohol stehender Gasinstallateur ihre Gasheizungsanlage wartet oder repariert? Nein, wir müssen trotz des Verständnisses für einige Ursachen des individuellen Scheiterns trotz klare Kante zeigen: persönliches Scheitern darf - ungeachtet seiner Ursachen - niemals zur Gefährdung oder wirtschaftlichen Schädigung Dritter führen (auch nicht der Steuerzahlergemeinschaft). So gilt es, mit harter Hand durchzugreifen, anstatt durch falsch verstandenes Mitleid in Mitschuld für das weitere Abgleiten - bis in die Asozialität - zu geraten. Kritisch sollten wir die Rechtspraxis werten, die Straftaten unter Alkohol und Drogen als minderschwer einstuft, denn niemand muss Saufen und Kiffen. Im Wissen um diese Rechtspraxis sollten sich Täter kräftig betrinken, bevor sie ihren Nachbarn, ihre Ehefrauen und Kinder halb totschlagen.

Beobachter

28.08.2013, 09:15 Uhr

Syrien?
Krieg?
Giftgaseinsätze? UN-Menschenrechtsverletzungen?
Ölpreis schießt in die Höhe?
Märkte gehen talwärts?

Ah, Handelsblatt...
"Der heilige Trinker"
Wohl bekommt's!

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