Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.06.2014

15:47 Uhr

Arbeitsrecht

Erst das Unwetter, dann die Abmahnung?

VonTina Halberschmidt

Auch wenn die Bahn ausfällt oder ein schwerer Sturm das Auto beschädigt hat, dürfen Arbeitnehmer nicht einfach zu Hause bleiben. Wir sagen Ihnen, wofür Ihr Chef Sie abmahnen kann.

Kein Durchkommen auf der Straße? Arbeitnehmer müssen sich trotzdem bemühen, ins Büro zu kommen. dpa

Kein Durchkommen auf der Straße? Arbeitnehmer müssen sich trotzdem bemühen, ins Büro zu kommen.

DüsseldorfDie Bahn fährt nicht, mit dem Auto ist auch kein Durchkommen: Nach dem schweren Unwetter in Nordrhein-Westfalen sind viele Pendler heute Morgen auf halber Strecke umgekehrt oder haben sich gar nicht erst auf den Weg ins Büro gemacht. Ist das eigentlich rechtens? Oder dürfen Chefs nun reihenweise Abmahnungen an ihre Mitarbeiter verteilen?

Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es – wie so oft in solchen Fällen – nicht. Jens Niehl, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Düsseldorf, erklärt, warum: „Dem Arbeitnehmer muss ein Pflichtenverstoß vorzuwerfen sein.“ Heißt: Wer morgens aus dem Fenster schaut und sieht, dass sein Auto unter einem Baum begraben wurde, sollte nicht einfach faul ins Bett zurückkrabbeln. „Wenn die Möglichkeit besteht, zu Fuß, mit dem Rad oder dem Zug ins Büro zu fahren, darf man nicht ohne Weiteres zu Hause bleiben“, so Niehl.

Wichtige Urlaubsregeln

Geld statt Urlaub: Geht das?

Normalerweise nicht. In den allermeisten Fällen gilt: Wer seinen Urlaub nicht fristgerecht verbraucht, hat Pech gehabt und kann von seinem Chef auch keine Abgeltung verlangen. Eine Ausnahme gilt nur, wenn das Arbeitsverhältnis endet, bevor der Angestellte noch ausstehenden Urlaub vollständig nehmen konnte. Dabei ist allerdings zu beachten: Während der Kündigungsfrist muss der Mitarbeiter den restlichen Urlaub auf Weisung des Arbeitgebers möglichst umfassend abfeiern. Nur wenn die Zeit nicht reicht, um alle verbleibenden Ferientage abzubauen, ist der Arbeitgeber verpflichtet, nicht verbrauchten Urlaub auszuzahlen.

Krank in den Ferien: Was ist zu tun?

Wer mit einem ärztlichem Attest belegen kann, dass er in seinen Ferien das Bett hüten musste, muss nicht um seine freien Tage bangen. Grund: Er hat in der Zeit seiner Krankheit einen Anspruch auf Lohnfortzahlung und darf die entfallene Urlaubszeit später nachholen. Eine Frist für die Vorlage des Attests beim Chef gibt es zwar nicht. Um Ärger zu vermeiden, raten Experten aber, möglichst zeitnah zu agieren.

Urlaub in der Probezeit: Erlaubt oder verboten?

Die meisten Arbeitnehmer müssen, wenn sie einen neuen Job antreten, erst einmal ihr Können unter Beweis stellen und eine sechsmonatige Probezeit durchlaufen. In dieser Bewährungsphase gilt in der Regel auch eine - mehr oder minder strikte - Urlaubssperre. In der Praxis ist es allerdings durchaus üblich, auch neuen Mitarbeitern im ersten halben Beschäftigungsjahr den einen oder anderen freien Tag zu gewähren. Einen generellen Anspruch auf dieses Entgegenkommen des Unternehmens haben die Betroffenen aber nicht.

Abbruch der Reise: Kann der Chef das verlangen?

Nein – und zwar selbst dann nicht, wenn der Arbeitsvertrag die Möglichkeit einer solchen Rückrufaktion ausdrücklich vorsieht (BAG, Az.: 9 AZR 404/99). Wer, weil er seine Karriere nicht gefährden möchte, dennoch die Ferien abbricht, kann zumindest verlangen, dass der Arbeitgeber die Rückreisekosten übernimmt.

Termine: Darf die Firma die Urlaubsplanung übernehmen?

Ja und nein. Einerseits sind Arbeitgeber zwar angehalten, die Wünsche der Mitarbeiter so gut es geht zu berücksichtigen. Andererseits ist das nicht in jedem Team – und auch nicht in jedem Betrieb ohne Weiteres möglich. Gerade in saisonabhängigen Branchen, etwa der Hotellerie, ist es durchaus üblich, den Laden in umsatzschwachen Zeiten zuzusperren und Betriebsferien anzuordnen. Selbst wenn deren Lage nicht mit den Wunschvorstellungen jedes einzelnen Mitarbeiters übereinstimmt, muss die Belegschaft ihren Urlaub doch in dieser Zeit abfeiern.

Anders sieht es aus, wenn auch die Bahn ausfällt – und der Fußweg nicht zumutbar ist. „Zum Beispiel kann kein Chef erwarten, dass ich von Duisburg nach Düsseldorf laufe“, so Niehl. Alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit: „Natürlich muss ich keinen Helikopter chartern, um pünktlich auf der Arbeit zu sein.“

Wer allerdings morgens bemerkt, dass sein Auto unter einem Baum liegt, kann sich nicht generell für die Spätschicht abmelden. „Wenn ich es im Laufe des Tages noch ins Büro hätte schaffen können, riskiere ich tatsächlich eine Abmahnung“, so Niehl. Grundsätzlich sei nämlich weder Sturm noch Chaos ein Freibrief fürs Unpünktlich-Sein oder Fernbleiben.

„Das Wegerisiko trägt der Arbeitnehmer“, erläutert Jens Niehl. „Wenn die Anreise wegen der aktuellen Wetterlage vermutlich länger dauern wird und ich das rechtzeitig mitbekomme, muss ich eben eine Stunde eher aufstehen.“

Und was ist, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, stundenlang im Stau stehe und auf halber Strecke umkehren möchte, weil die Fahrt mir einfach zu lange dauert? „Wenn Sie merken, dass Sie nicht mehr ankommen können, zum Beispiel weil eine Brücke vom Wasser weggerissen wurde, können Sie nach Hause fahren.“ Vorher aber auf jeden Fall den Chef anrufen – dann gibt’s auch keine Abmahnung.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

10.06.2014, 16:26 Uhr

Alles ganz nett, aber mit fehlt mal der simple Hinweis, dass man sich eventuell auch telefonisch beim Arbeitgeber melden und die Situation besprechen kann. Wer einfach auf halbem Weg wieder umdreht, unter die Bettdecke krabbelt und sich nicht meldet ist m.E. selber schuld...

Account gelöscht!

11.06.2014, 08:25 Uhr

"Vorher aber auf jeden Fall den Chef anrufen – dann gibt’s auch keine Abmahnung..." Sie hätten den Artikel also bloß zu Ende lesen müssen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×