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19.02.2015

16:52 Uhr

Arbeitsunfähigkeit und Detektive

Ohne Tatsachen keine Überwachung

VonKatharina Schneider

Arbeitgeber, die einen Detektiv auf ihre kranken Mitarbeiter ansetzen, machen sich strafbar, wenn ihr Verdacht nicht auf konkreten Tatsachen beruht. Dem Mitarbeiter winkt ein – kleines – Schmerzensgeld.

Zu diesem Mittel dürfen Arbeitgeber nicht ohne Grund greifen. Getty Images

Heimliches Fotografieren und Filmen

Zu diesem Mittel dürfen Arbeitgeber nicht ohne Grund greifen.

DüsseldorfKann aus einer anfänglichen Bronchialerkrankung ein Bandscheibenvorfall werden? Und ist es plausibel, dass die Krankmeldungen von verschiedenen Ärzten ausgestellt werden? Ein Arbeitgeber hatte daran Zweifel, glaubte an eine vorgetäuschte Arbeitsunfähigkeit und ließ die Sekretärin der Geschäftsleitung von einem Detektiv mit Videokamera überwachen.

Das Ergebnis: Der Detektiv beobachtete die Frau vor ihrem Haus und in einem Waschsalon. Sie beugte sich, um einen Hund zu streicheln und sie ging in die Hocke, um Wäsche in eine Waschmaschine zu laden. Was folgte, war die Kündigung. Das wollte sich die Dame aber nicht gefallen lassen, klagte und forderte zudem Schmerzensgeld, da sie sich durch die Videoaufnahmen in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt fühlte und die Beobachtung zu erheblichen psychischen Beeinträchtigungen geführt habe.

Was bei der Arbeit stresst

Verantwortung

Was sorgt im Büro für Stress? Der Personaldienstleister Robert Half hat im höheren Management nach den wichtigsten Gründen gefragt. Dabei gaben 18 Prozent der Befragten zu viel Verantwortung oder ständiges an die-Arbeit-denken auch in der Freizeit als Grund für Stress bei der Arbeit an. Nur in Tschechien können die Beschäftigten außerhalb des Arbeitsplatzes schwerer abschalten - dort gaben 28 Prozent an, dauernd an die Arbeit denken zu müssen. Auf der anderen Seite der Skala ist Luxemburg: nur fünf Prozent haben dort dieses Problem.

Stressfrei

Keinen Stress haben dagegen nur sieben Prozent der deutschen Befragten. Genauso niedrig ist der Anteil derer, die ihren aktuellen Job nicht mögen.

Druck von oben

Unangemessener Druck vom Chef nannten 27 Prozent der Befragten hierzulande als Stressgrund. In Brasilien sind es dagegen 44 Prozent.

Chefqualitäten

Wenn der Chef sich eher um sein Handicap kümmert, statt ordentlich zu führen: 28 Prozent der Befragten sind mit der Managementfähigkeit des Chefs unglücklich. Das Unvermögen des führenden Managers, das zu Stress führt, scheint in Luxemburg relativ unbekannt zu sein - nur 11 Prozent der Befragten sind dort mit den Befragten unglücklich, in Dubai sind es gar neun Prozent.

Büroklatsch

Dass unangenehme Kollegen oder fieser Büroklatsch zu Stress führen kann, ist allgemein bekannt. Dementsprechend führen auch 31 Prozent der Befragten das als Stressgrund an - der Anteil derer, die das ähnlich sehen, liegen in allen anderen Ländern fast gleich hoch - außer in Brasilien: 60 Prozent der Befragten geben unangenehme Kollegen und fiesen Büroklatsch als Stressgrund an.

Unterbesetzung

Ein weitere Stressgrund: personelle Unterbesetzung. 41 Prozent der Befragten sehen das als wichtigen Grund für Stress bei der Arbeit an - ein Wert, der fast in allen Ländern ähnlich ist.

Arbeitsbelastung

Doch am problematischsten, laut der Studie: die hohe Arbeitsbelastung. 51 Prozent der Befragten gaben dies als Stressgrund an. Deutschland liegt damit im Schnitt, auch in den anderen elf Ländern ist ein ähnlich hoher Anteil der gleichen Meinung.

Beinahe drei Jahre später gab das Bundesarbeitsgericht am Donnerstag der Arbeitnehmerin Recht (Az.: 8 AZR 1007/13): Ein Arbeitgeber, der wegen des Verdachts einer vorgetäuschten Arbeitsunfähigkeit einem Detektiv die Überwachung eines Arbeitnehmers überträgt, handele rechtswidrig, wenn sein Verdacht nicht auf konkreten Tatsachen beruhe. Dasselbe gelte für dabei heimlich hergestellte Abbildungen. Außerdem könne eine solche rechtswidrige Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts einen Anspruch auf Schmerzensgeld begründen.

Diesen hatte bereits die Vorinstanz, das Landesarbeitsgericht Hamm (Az.: 11 Sa 312/13), der Frau in Höhe von 1000 Euro zugesprochen. Die Arbeitnehmerin hatte auf eine noch höhere Zahlung gehofft und sogar 10.500 Euro für angemessen gehalten. Dieser Forderung folgten die Bundesarbeitsrichter jedoch nicht.

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Auch auf die Frage, ob Videoaufnahmen grundsätzlich zur Überwachung geeignet seien, gab das Gericht keine Antwort. Das LAG Hamm dagegen hatte in seinem Urteil grundsätzliche Zweifel daran anklingen lassen, dass Videoaufnahmen verhältnismäßig sind: „Die Observation war hier nicht zu präventiven Zwecken im Rahmen der Begründung, Durchführung oder Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses erforderlich“, so die Richter. Die Überwachung sei zu einem „repressiven Zweck“, nämlich der Aufdeckung eines vermuteten Fehlverhaltens erfolgt. Darauf ging das Bundesarbeitsgericht aber - soweit aus der heutigen Meldung ersichtlich ist - nicht ein.

Der Knackpunkt ihrer Argumentation: „Der Arbeitgeber hatte keinen berechtigten Anlass zur Überwachung“, so die Richter. Der Beweiswert der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sei weder dadurch erschüttert gewesen, dass sie von unterschiedlichen Ärzten stammten, noch durch eine Änderung im Krankheitsbild oder weil ein Bandscheibenvorfall zunächst hausärztlich behandelt worden war. Die vom Landesarbeitsgericht angenommene Höhe des Schmerzensgeldes sei revisionsrechtlich nicht zu korrigieren gewesen.

Kommentare (2)

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Herr Peter Krauss

19.02.2015, 17:42 Uhr

Bananenrepublik

Herr Ralf Rath

19.02.2015, 18:01 Uhr

Um als Arbeitnehmer unter unzulässiger Beobachtung vonseiten Dritter zu stehen, genügt es bereits, sich zur Behandlung in ein Krankenhaus zu begeben. Auf diese Weise tritt auch mehr über kurz als lang sozial der Tod ein, der, falls den dortigen Ärzten dadurch außerdem die Hände fälschlich gebunden sind, beschleunigt den körperlichen nach sich zieht. Entlässt eine Klinik die Vertreter solcher "Kreise" nicht umgehend und versucht sie stattdessen stationär sogar noch einer "Therapie" zu unterziehen, nimmt es nicht wunder, wenn der Einzelne sich eines immensen Risikos ausgesetzt sieht, weil deren Morbiditäts- bzw. Mortalitätsrate als Folge davon effektiv in von keinem mehr erreichbare Höhen schnellt. Hegt also ein Arbeitgeber den besagten Verdacht, dass sein erkrankter Mitarbeiter nicht mehr genesen wird, bleibt angezeigt, sich vertrauensvoll an die ausschließlich dafür zuständige Staatsanwaltschaft zu wenden und selbst eigene "Ermittlungen" tunlichst zu unterlassen.

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