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18.11.2014

13:51 Uhr

Arbeitszeugnis vor Gericht

Note 3 ist eine durchschnittliche Leistung

VonKatharina Schneider

Eine Leistung „zur vollen Zufriedenheit“ entspricht im Arbeitszeugnis der Note 3. Und das ist laut Bundesarbeitsgericht noch immer der Durchschnitt. Von einem neuen Bewertungsschema wollen die Richter nichts wissen.

Um Arbeitszeugnisse wird häufig gestritten, meist einigen sich die Parteien aber außergerichtlich.

Um Arbeitszeugnisse wird häufig gestritten, meist einigen sich die Parteien aber außergerichtlich.

DüsseldorfWer eine durchschnittliche Arbeitsleistung erbracht hat, darf im Arbeitszeugnis mit der Note 3 bewertet werden. Im Zeugnisdeutsch heißt das „zur vollen Zufriedenheit“. Das hat am Dienstag der neunte Senat des Bundesarbeitsgerichts (BAG) entschieden (Az.: 9 AZR 584/13). Möchte der Arbeitnehmer eine bessere Note, muss er für seine überdurchschnittlichen Leistungen selbst Beweise vorlegen.

Für Frau S. aus Berlin dürfte das Urteil eine Enttäuschung sein. Die Bürokraft war ein Jahr lang in einer Zahnarztpraxis angestellt. Volle drei Jahre zog sich der Streit um ihr Arbeitszeugnis hin. Cornelius Krakau dagegen, der Anwalt ihrer ehemaligen Chefin, gibt sich nach der Entscheidungsverkündung zufrieden: „Die aktuelle Rechtslage bleibt bestehen. Das Gericht sah keinen Anlass, am bisherigen Bewertungsschema zu rütteln.“ Relevant ist diese Entscheidung aber nicht nur für die Zahnärztin und ihre ehemalige Angestellte, sondern für alle Arbeitnehmer und Personalentscheider in Deutschland.

In dem Streit ging es zuletzt nur noch um die Gesamtbewertung ihrer Leistung. Die Angestellte forderte ein „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ – was der Note „gut“, einer zwei, entspricht, da ihre Arbeit tadellos gewesen sei. Die ehemalige Chefin wollte ihr jedoch nur ein „zu unserer vollen Zufriedenheit“, also ein „befriedigend“ – Note 3, attestieren, da sie keine überdurchschnittliche Leistungen erbracht habe und es zu zahlreichen Fehlleistungen gekommen sei.

„Dass in einem solchen Fall überhaupt das BAG bemüht wurde, ist zunächst einmal ungewöhnlich“, sagt Marc Repey, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Berliner Kanzlei Abeln. „Aber hier hatten das Arbeitsgericht (Az.: 28 Ca 18230/11) und das Landesarbeitsgericht (Az.: 18 Sa 2133/12) der ständigen Rechtsprechung des BAG (Az.: 9 AZR 12/03) widersprochen.“ Deshalb war die Revision zum obersten Arbeitsgericht zugelassen.

Nun bleibt doch alles, wie es war: Möchte ein Arbeitnehmer im Zeugnis insgesamt mit einer besser als durchschnittlichen Note („befriedigend“) bewertet werden, muss er beweisen, dass er bessere Leistungen erbracht hat. Und umgekehrt: Will ein Arbeitgeber bei der Gesamtbewertung eine schlechter als durchschnittliche Note vergeben, muss er Verfehlungen des Mitarbeiters nachweisen.

Kennen Sie die Bedeutung folgender Floskeln?

Für die Belange der Belegschaft hat er stets Einfühlungsvermögen bewiesen.

Der Mitarbeiter suchte sexuelle Kontakte im Kollegenkreis.

Sie zeigte Verständnis für ihre Arbeit.

Mangelhafte Leistungsbeurteilung

Er hat mit seiner geselligen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen.

Der Mitarbeiter hat ein Alkoholproblem.

Sie hat sich im Rahmen ihrer Fähigkeiten eingesetzt.

Mangelhafte Leistung

Er ist tüchtig und weiß sich zu verkaufen.

Unangenehmer Mitarbeiter, Wichtigtuer

Er hat seine Aufgaben ordnungsgemäß erledigt.

Bürokrat, ohne Initiative

Sie erledigte ihre Aufgaben mit großem Fleiß und Interesse.

Mangelhafte Leistung

Wegen seiner Pünktlichkeit war er stets ein Vorbild.

In jeder Hinsicht eine Niete.

Sie war sehr tüchtig und in der Lage, ihre eigene Meinung zu vertreten.

Laut UrteilLAG Hamm (Az 4Sa 630/98) unzulässig, da doppelbödig.

Ihm wurde die Gelegenheit zu Fortbildungsmaßnahmen geboten.

Mitarbeiter hat die Fortbildungsmaßnahmen nicht genutzt.

Den konkreten Fall haben die Bundearbeitsrichter an das Landesarbeitsgericht zurückverwiesen. Dieses muss nun prüfen, ob die von der Bürokraft vorgetragenen Leistungen eine Beurteilung im oberen Bereich der Zufriedenheitsskala rechtfertigen – oder ob die Zahnärztin hiergegen „beachtliche Einwände“ vorbringt.

Kommentare (7)

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Herr Andreas Glöckner

18.11.2014, 14:33 Uhr

Wie häufig muss man lesen, dass die Arbeitgeber gleich welcher Branche keine geeigneten Mitarbeiter bzw. Bewerber finden. Geht man nach den Arbeitszeugnissen, so muss man sich nicht wundern.

Arbeigeber, die ihre Mitarbeiter entlassen haben häufiger triftige Gründe dafür. Will man das glauben, so erlaubt sich hier durchaus die Frage von selbst, ob die bestehende Arbeitgeberkultur den in den Gesellschaft bestehenden Kanon über gute oder sehr gute Leistungen überhaupt noch trifft. Fast jeder Arbeitnehmer oder jeder Arbeitnehmerin ist zu teuer. In den Arbeitszeugnissen kommen die Arbeitnehmer über die Note "befriedigend" häufig nicht hinaus. Ein regelgerechtes Benotungssytem scheint nicht zu bestehen. So ist mein Eindruck. Natürlich gibt es solche und solche Arbeitnehmer. Aber grundsätzlich die Note 3 zu vergeben, verhindert allen Arbeitgebern oder entsprechenden Personalchefs den notwendigen Einblick in die Leistungen, die der Arbeitnehmer bislang erbracht hat. Man müsste schon fast sagen, dass sich diejenigen, die Arbeitnehmer einstellen, keinen Überblick verschaffen sollen dürfen.

Ich mache mir aus den Arbeitszeugnissen, die ich habe, herzlich wenig. Wenn der Arbeitgeber Mitarbeiter braucht, wird er mich einstellen. Wenn ich das Geld haben will, das ich haben will, wird der Arbeitgeber zahlen müssen. Nachverhandelt wird sowieso nicht, sage ich im Gespräch, und erfolgreicher Kläger bin ich auch. Ich sage das in den Vorgesprächen, in der Anbahnung des Arbeitsvertrages. Ich sichere mir dadurch die Ablehnung der Arbeitgeber, die sittenwidrig handeln wollen würden oder sogar Straftäter werden wollen. Und ich sichere mir die Arbeitgeber, die mich verstehen. So gewinnen die Richtigen und die Falschen gehen leer aus.In einer Zeit des Demographiewandels wird die Hackordnung zugunsten der Besonnenen geschwächt.

Was ich besonders interessant finde ist,dass mein Lebenslauf mit den letzten Arbeitgebern beginnen soll.Die Arbeitgeber müssten sowieso von oben nach unten lesen.

Herr Horst Hamacher

18.11.2014, 14:59 Uhr

Note 3 ist eine durchschnittliche Leistung
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Darauf wäre ich jetzt niemals nicht gekommen!
Die Drei liegt innerhalb eines Notenrahmens von 1 bis 6 genau in der Mitte, kennzeichnet also ein absolut "durchschnittliche Leistung". Das ist einfach Arithmetik, das fällt jedem Simpel sofort ein. Was gibt es da noch zu diskutieren?

Herr U. Lange

18.11.2014, 15:22 Uhr

Wir glauben schon lange nicht mehr an das Arbeitszeugnisse. Oft werden im Vergleich vor Gericht Arbeitszeugnisse von Note "3" auf Note "2" verbessert um die Abfindungssumme zu korrigieren und sind somit manipuliert. Schuld an dieser Verzerrung ist unser deutsches Kündigungsschutzgesetz! Jeder Arbeitnehmer, welcher einen guten Job macht, braucht sich nicht vom Kündigungsschutzgesetz schützen lassen. Es ist der Schutz derer, welche Ihre Firmen nicht loyal gegenüber stehen und mit Kündigung zu rechnen haben. Das Gesetz schützt somit Angestellte, welchen man nicht schützen sollte! Was ist das Ergebnis, Mobbing am Arbeitsplatz.

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