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19.02.2016

13:04 Uhr

Bargeld und Datenschutz

Wie gläsern bin ich?

VonJohannes Steger

Endet mit dem Aus für das Bargeld auch die Anonymität? Datenschutzexperte Jaro Krieger-Lamina über transparente Kunden, Datenhandel und warum man den Burger vielleicht bald nicht mehr mit EC-Karte zahlen sollte.

Was verrät meine Kreditkarte über mich? Michael Weber Imago

Datenschutz und Bargeld

Was verrät meine Kreditkarte über mich?

FrankfurtEine Woche lang habe ich ohne Bargeld gelebt. Hamburger, Taxifahrt oder Restaurantbesuch – alles habe ich elektronisch bezahlt. Wer nur noch mit Karte oder per App bezahlt, der verliert seine Anonymität und wird gläsern, meinen die Gegner einer bargeldlosen Gesellschaft. Haben die Kritiker recht, und was wissen der Supermarkt oder meine Bank jetzt über mich? Jaro Krieger-Lamina ist Experte für Datenschutz am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaft und setzt sich mit Informationssicherheit und Cyber-Security auseinander.

Jaro Krieger-Lamina ITA

Datenschutzexperte

Jaro Krieger-Lamina

In Deutschland wird über das Bargeld debattiert. Auch weil die Bundesregierung eine Obergrenze auf Bargeldzahlungen plant. Die Kritiker sehen die Anonymität in Gefahr. Bedeutet die Zahlung mit Karte wirklich das Ende der Anonymität?
Ja, schon alleine deswegen, weil man dadurch wiedererkennbar wird. Je nachdem, mit welcher Karte man bezahlt oder wo man einkauft. Zumindest die Karte ist wiedererkennbar, man gibt also im ersten Schritt vielleicht nicht seinen Namen preis, bekommt aber zum Beispiel eine Profilnummer. Über sie erfahren die entsprechenden Unternehmen dann trotzdem Details über mein Konsumverhalten und erkennen meine Karte wieder. Letztendlich lassen sich dann auch diese ganzen Daten einem Namen und einer Adresse zuordnen.

Was für das Bargeld spricht

Die Anonymität des Bargelds...

...ermöglicht es den Bürgern, auch den gesetzestreuen, einen Rest Privatsphäre zu bewahren, der nicht der vollständigen Überwachung oder Überwachbarkeit unterliegt.

Die Zinslosigkeit des Bargelds...

...ist der wichtigste Grund, warum die Notenbanken mit ihren Leitzinsen nicht beliebig weit in den negativen Bereich gehen können. Wer die jetzigen Niedrigzinsen der Notenbanken schon als gefährlich oder als eine Form der kalten Enteignung ansieht, wird froh sein, dass das Vorhandensein von Bargeld eine Zinsuntergrenze setzt.

Die gesellschaftlichen Kosten von Bargeld...

....als Zahlungsmittel, also die Kosten bei allen Beteiligten zusammengerechnet, sind nach einer Untersuchung der Europäischen Zentralbank in den meisten Ländern niedriger als die unbarer Bezahlformen.

Der Insolvenzschutz...

...den Bargeld genießt, weil die Notenbank, die es emittiert, nicht Pleite gehen kann, hebt es vom Buchgeld der Geschäftsbanken ab. Wenn eine Geschäftsbank  insolvent wird, können Buchgeld-Guthaben verloren gehen, oder sie werden, wie im Fall Zypern geschehen, im Zuge der Rettung der Banken zusammengestrichen.

Ich habe eine Woche lang auf Bargeld verzichtet und alles nur mit Karte bezahlt. Bin ich jetzt gläsern?
Sie könnten es sein. Aber ich würde jetzt nicht pauschal jedem Unternehmen unterstellen, dass sie sich bemühen, Ihre Daten zusammenzubekommen. Technisch machbar ist es natürlich und es passiert auch. In welchem Umfang ist jedoch schwer nachzuvollziehen. In jedem Fall sind Sie jetzt ein Stück bekannter.

Also wissen jetzt nicht nur meine Kreditkartenfirma und die Bank, wofür ich mein Geld ausgebe, sondern auch die Unternehmen, bei denen ich eingekauft habe?
So einfach ist das natürlich nicht und es lässt sich auch nicht für jedes Unternehmen sagen. Aber wenn ich zum Beispiel bei einem großen Handelsunternehmen mit Karte zahle, wird sehr oft geschaut, was bei der Kette im System gespeichert ist. Teilweise auch, um das mit einer Kundenkarte zu verbinden. Oder auch um zu schauen, ob man ein wiederkehrender Kunde ist und in welchen Filialen ich einkaufe.

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Und daraus wird dann ein Kundenprofil erstellt?
Das hängt auch damit zusammen, wie detailliert es einzelne Unternehmen haben wollen. Für viele Handelsunternehmen ist es ausreichend, wenn man die Kunden kategorisieren kann. Also zum Beispiel: Es gibt eine Anzahl von Kunden, die kaufen mindestens drei Mal die Woche ein, geben regelmäßig ein bestimmtes Budget aus oder kaufen eher hochpreisig ein. Das dient der Ermittlung von Faktoren, auf deren Grundlage man dann Angebote maßschneidern kann. Manche Unternehmen gehen aber auch einen Schritt weiter und wollen es auf die Person genau wissen. Und auch dort, wo Name und Adresse nicht im ersten Schritt erhoben werden, ist es trotzdem nicht schwer, dies nachzuholen.

Warum?
Weil es sich mit anderen Daten verknüpfen lässt. Zum Teil werden diese Profile auch im Internet gehandelt. Die Daten die nicht selbst vorliegen, können so zugekauft werden. Verknüpft man diese Daten miteinander, kann mit großer Wahrscheinlichkeit gesagt werden, wer die Person mit der jeweiligen Karte ist.

Kommentare (28)

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Herr Vinci Queri

19.02.2016, 13:21 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

19.02.2016, 13:25 Uhr

Das Bargeld ist das Ende der Selbstbestimmung und der Freiheit des Bürger. Ohne Bargeld wird der Bürger zum Sklaven von Banken, Staat und Lobbygruppen die den Bürger immer mehr ausnehmen wollen und nur noch zu einer arbeitenden Nummer verstehen.
Ich bin froh, dass die AfD dieses Thema in ihren Parteiprogramm hat und sich strikt gegen die Begrenzung von Bargeld einsetzt. Danke!

G. Nampf

19.02.2016, 13:32 Uhr

@Johannes Steger

Respekt!

Endlich jemand im HBO, der etwas ausprobiert (1 Woche bargeldlos) , Hintergründe recherchiert (Befragung eines Datenschutz-Experten) und gegen die Redaktions-Mehrheitsmeinung (=Anti-Bargeld) schreibt - und das bei so einem heiklen Thema wie dem Bargeld.

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