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13.10.2014

11:48 Uhr

Beratungsfehler bei Banken

„Die Banker haben nichts gelernt“

VonJens Hagen

Banker ziehen ihre Kunden immer noch über den Tisch, sagen Quirin-Chef Karl Matthäus Schmidt und Anlegeranwalt Julius Reiter. Sie fordern einen Systemwechsel - und warnen von Giftpapieren in den Depots der Kunden.

Wenn der Schein trügt: Viele Kunden wissen nicht, dass sie schlechte Produkte im Depot haben. Getty Images

Wenn der Schein trügt: Viele Kunden wissen nicht, dass sie schlechte Produkte im Depot haben.

Zwei Bankrebellen geben sich die Ehre. Der erste, Karl Matthäus Schmidt, gründete den Online Broker Cortal Consors und versucht jetzt mit der Quirin Bank Honorarberatung massentauglich zu machen. Der Spross einer alten Bankerdynastie gilt in der Branche als streitbarer Visionär. Als einer, der lieber drei Umwege macht, als einen ausgetreten Pfad zu betreten. Sein neuestes Projekt, die Online-Honoraranlageplattform Quirion, soll auch Kleinanleger von provisionsbasierten Finanzprodukten unabhängig machen.

Der zweite Rebell, Julius Reiter, ist Professor der FOM Hochschule. Vor wenigen Wochen hat er eine Studie vorgestellt. Das Ergebnis: Junge Akademiker mit überdurchschnittlichem Einkommen misstrauen ihren Bankern. Sie treffen ihre Anlageentscheidungen lieber auf eigen Faust. Reiter ist ein Anlegeranwalt, Partner von Bundesinnenminister a.D Gerhart Baum in der Kanzlei Baum Reiter & Collegen. Reiter gilt als scharfer Kritiker der Finanzbranche und hat beste Kontakte in die Politik. Schmidt und Reiter kennen sich lange, sie duzen sich. Im Interview rechnen sie mit dem traditionellen Bankgeschäft ab.

Herr Schmidt, Herr Reiter, sechs Jahre nach der Lehman-Pleite geben sich viele Banken geläutert. Was ist in der Beratung besser geworden?
Reiter: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Beratung besser geworden ist. Wir beobachten weiterhin massenhaft schlechte Beratung. Von einer Kurskorrektur kann keine Rede sein.
Schmidt: Innerhalb der provisionsorientierten Beratung hat sich nicht viel geändert und es wird sich auch nicht viel ändern. Die Banker haben nichts gelernt.

Die Banken sehen das anders. Fast jeder zweite Werbespot soll suggerieren: Wir haben unsere Lektion gelernt. Wir haben uns geändert.
Schmidt: Es ist richtig, dass wir im Fernsehen attraktive Filialleiterinnen sehen, die etwas ändern möchten. In der Praxis wissen sie aber nicht, wie sie das tun sollen. Der Rahmen lässt das auch nicht zu.

Karl Matthäus Schmidt, Vorstand der Quirin Bank.

Karl Matthäus Schmidt, Vorstand der Quirin Bank.

Herr Schmidt, was finden Sie in den Depots Ihrer neuen Kunden?
Schmidt: Wir sehen vor allem teure Produkte. Das ist für die Kunden in der aktuellen Situation sehr bitter. Denn die aktuelle risikoarme Rendite liegt knapp über null. Wo soll da eine Marge des Bankers von zwei bis drei Prozent für den Verkauf herkommen?

Reiter: Provisionen sind Renditekiller und sie sind nicht transparent. Nehmen wir nur einmal Mittelstandsanleihen. Hier berichtete mir ein Banker, dass vier Prozent der vom Kunden gezeichneten Anleihe als Kickback bei seinem Institut landen. Davon merkt der Kunde aber nichts, er denkt, dass er nur die ausgewiesenen Transaktionskosten bezahlt.

Wie lassen Sie sich in finanziellen Angelegenheiten beraten?

Banker, nein danke

Die Studie zeigt, wie junge High Potentials ihr Geld anlegen. Die Ergebnisse dürften klassische Hausbanker beunruhigen. Immerhin 62 Prozent der Umfrageteilnehmer treffen ihre Anlageentscheidungen ohne jede Beratung. Quelle: FOM Hochschule, Rechtsanwälte Baum, Reiter & Collegen.

Banker des Vertrauens

Nur 22 Prozent wenden sich in finanziellen Angelegenheiten an die Hausbank.

Hausbank

Immerhin acht Prozent vertrauen Freunden oder Verwandten in Geldfragen.

Ohne Provision

Sieben Prozent der Befragten nutzen die Dienste eines unabhängigen Finanzberaters.

Schmidt: Allein wegen der mangelnden Risikostreuung ist die Zeichnung von Mittelstandsanleihen für kaum einen Kunden empfehlenswert. Sie sind ein Beispiel für die Folgen schlechter Beratung: Es mangelt in den Depots der Kunden schlicht an einer Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Risikoklassen.

Kommentare (10)

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Herr Walter Drews

13.10.2014, 12:20 Uhr

Die Banker haben nichts gelernt?

Wirklich? Das glaube ich nicht. Die Banker wissen schon lange um die Fehler des ganzen Systems. Nur wollen sie daran eben nichts ändern, obwohl sie es besser wissen.
Denn nur in diesem fehlerhaften System sind sie mächtig und erzielen Gewinne aus ihrer Machtposition heraus.

Herr Bernhard Meyer

13.10.2014, 12:30 Uhr

Warum sollen die Banken nicht weiter betrügen und Geld scheffeln? Wenn niemand kommt und ihnen in den Arm fällt, ist es doch anscheinend erlaubt? Das Halten im Halteverbot ist erst dann wirksam verboten, wenn der Ordnungshüter den Abschleppwagen kommen lässt.

Herr J.-Fr. Pella

13.10.2014, 12:47 Uhr

Solange die Politiker, die Bafin weiter versagen und Boni verteilt werden wie Erdnüsse, und die Schulden der Südländer weiter bleiben dürfen, wieso sollten die Bankster nicht weiter lügen und betrügen?

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