Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2014

18:49 Uhr

BGH stärkt Rechte von reisenden

Pauschalreiser müssen nur in Ausnahmefällen anzahlen

Erfolg für Verbraucherschützer: Der BGH folgte in einem Urteil zu Anzahlungen bei Pauschalreisen weitgehend der Verbraucherzentrale NRW. Auch bei Stornogebühren kassierten Touristikunternehmen eine Schlappe.

Verbraucherschützer haben mit ihrer Klage gegen zu hohe Anzahlungen bei Pauschalreisen einen Sieg vor dem BGH errungen. dpa

Verbraucherschützer haben mit ihrer Klage gegen zu hohe Anzahlungen bei Pauschalreisen einen Sieg vor dem BGH errungen.

KarlsruheReiseveranstalter dürfen nur in Ausnahmefällen mehr als 20 Prozent Anzahlung für Pauschalreisen verlangen. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) am Dienstag entschieden. (Az.: X ZR 85/12 u.a.)

Die Richter gaben damit Verbraucherschützern überwiegend recht. Diese waren in mehreren Klagen dagegen vorgegangen, dass Urlauber in bestimmten Fällen zwischen 25 und 40 Prozent auf den Gesamtpreis ihrer Pauschalreise anzahlen sollten.

Kläger sind die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Sie haben mehrere Touristikunternehmen verklagt.

Tipps für die Reisekasse

Die Mischung macht's

„Je länger und exotischer die Reise, desto sorgfältiger ausgewählt und gemischter sollte die Reisekasse sein“, sagt Uwe Döhler, Finanzexperte der Zeitschrift „Finanztest“. Bei einem Pauschalurlaub in Europa reiche die Bankkarte plus eventuell einer Kreditkarte. Bei Fernreisen seien versicherte Reiseschecks in Dollar eine gute Alternative. Der Deutsche Reiseverband (DRV) rät generell zu einer Mischung von Barmitteln, Karten und Reiseschecks.

Fernreisen

Eine Variante zu Bargeld und Bankkarten bieten noch immer Reiseschecks. „Für Touristenorte sind Schecks aber eigentlich nicht notwendig“, sagt die BdB-Sprecherin. Im außereuropäischen Ausland und bei längeren Fernreisen seien Schecks in Dollar dennoch eine sichere Alternative. Die Schecks werden an vielen Stellen wie Bargeld behandelt und können ansonsten gegen Unterschrift und Vorzeigen des Ausweises eingetauscht werden.

Ist die Kreditkarte besser als die EC-Karte?

„Sie wird in vielen Ländern häufiger akzeptiert“, sagt Döhler. Aus diesem Grund sei es gut, beides zur Auswahl zu haben. Auch sollte man beachten, dass das neue Bankkarten-System V-Pay des Kreditkartenunternehmens Visa Europe nach Informationen der Stiftung Warentest im außereuropäischen Ausland nicht und teilweise auch in Europa nicht überall akzeptiert wird.

Karte sperren

Sollte es allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz passieren, dass die Bank- oder Kreditkarte abhandenkommt, sollte die Karte schnellstmöglich gesperrt werden. Dazu kann die Bank direkt kontaktiert werden oder, wie der Deutsche Reiseverband empfiehlt, der Sperr-Notruf, der unter der Telefonnummer 0049 116 116 zu erreichen ist. Der BdB empfiehlt den SOS-Infopass, der eine Vielzahl möglicher Sperrnummern enthält und online verfügbar ist.

Limit am Automaten

Banken begrenzen vielfach aus Sicherheitsgründen für das Ausland das Abhebelimit. Bei vereinzelten Instituten, etwa der Deutschen Bank, ist das Limit außerhalb Europas sogar auf null gesetzt. Um nicht gleich zu Beginn des Urlaubs mit leeren Händen dazustehen, ist es ratsam, vor Reiseantritt bei der Bank anzurufen oder online zu überprüfen, wie hoch der Verfügungsrahmen angesetzt ist und ihn gegebenenfalls zu ändern. Bei der Deutschen Bank steht auf der Karte die 24-Stunden-Hotline, um die Karte mit sofortiger Wirkung freizuschalten.

Reiseschecks

Reiseschecks müssen vor Reiseantritt erworben werden und kosten bis zu zwei Prozent des Kaufwerts. Dafür sind sie über ihren vollen Wert versichert und werden bei Verlust meist innerhalb von 24 Stunden ersetzt. Auch hier sollten Verbraucher möglichst rasch nach Verlust eines Schecks das ausstellende Finanzinstitut anrufen. Wichtig: Vor der Reise müssen Kunden immer einmal auf dem Scheck unterschreiben. Die zweite Unterschrift erfolgt dann beim Tausch gegen Bargeld. Eine Alternative können Prepaid-Kreditkarten sein.

Sollte man Geld in Deutschland oder im jeweiligen Land umtauschen?

„Üblicherweise im Reiseland“, sagt Döhler. Auch hier empfiehlt der Ökonom, nicht das Bargeld zu tauschen, sondern Bargeld am Automaten abzuheben.

Vorsicht beim Geldabheben

Beim Abheben oder Zahlen mit der EC-Karte im Ausland gelten die gleichen Sicherheitshinweise wie in Deutschland. Am Geldautomaten sollte die PIN verdeckt eingegeben werde, damit niemand von der Seite oder von hinten die Geheimnummer ausspähen kann. Das Gleiche gilt beim Bezahlen beim Einzelhändler. „Vor allem sollte man sich seine PIN nirgends notieren“, sagt eine Sprecherin des BdB. Wenn der Kunde seine Pin leichtfertig verwendet, zahlt die Bank den entstandenen Schaden nicht. Die Beweislast kann dann beim Kunden liegen.

Was sollte man bei Reisen in Nicht-Euro-Länder beachten?

Der Urlauber sollte sich vor Reiseantritt über die aktuellen Wechselkurse informieren, die Bargeldverfügungsprovisionen seiner Bezahlkarten kennen und die Auslandseinsatzprovision. Darüber hinaus ist es nach Einschätzung des „Finanztest“-Experten auch hier ratsam, den Großteil der Reisekasse erst vor Ort abzuheben.

Welche Währungen kann man in Deutschland nicht tauschen?

Bei exotischen Währungen müsse man davon ausgehen, dass die Bank das Bargeld erst bestellen muss, sagt eine Sprecherin des Bankenverbands. Der „Finanztest“-Experte Döhler nennt die Reisebank als gute Anlaufstelle für exotische Währungen.

Wie viel Bargeld sollte in der Reisekasse vorhanden sein?

Der DRV empfiehlt, nur eine überschaubare Menge Bargeld mit sich zu führen. Da Bares nicht versichert wird, gilt: „Was weg ist, ist weg.“ Der Bundesverband deutscher Banken nennt als Richtlinie, maximal ein Drittel des Budgets in bar mitzunehmen. „Nur soviel, dass es für den ersten Tag reicht“, sagt Döhler. Dabei sei zu beachten, dass bei Fremdwährungen der Tausch in Deutschland oft teurer ist als das Abheben im Ausland.

Wo gibt es beim Zahlen im Ausland versteckte Kosten?

Manche Händler nehmen nach Aussage des „Finanztest“-Experten einen Preisaufschlag, wenn man mit der Karte bezahlen will. Am Geldautomaten kostet es die Abhebegebühr der eigenen Bank, manchmal ist noch ein Aufschlag für das Institut fällig, das den Automaten betreibt. Dies muss aber vor dem Abheben angekündigt werden. Wem das zu teuer ist, kann einen anderen Automaten suchen.

Die Verbraucherschützer gingen außerdem erfolgreich gegen Kosten vor, die die Veranstalter ihren Kunden bei einer Stornierung der Reise in Rechnung stellen. Die Kosten sind gestaffelt und richten sich nach der Anzahl der Tage bis Reisebeginn. Die Veranstalter müssen dem Urteil zufolge genaue Gründe für die Höhe der Stornogebühren angeben. Bereits die Vorinstanzen hatten den Verbraucherschützern recht gegeben.

Von

dpa

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Jochen Bauer

10.12.2014, 11:42 Uhr

Der BGH hat ein klares Signal gegen "das Abzocken" gesetzt!

Anmerkungen zu BGH X ZR 85,12 / 147,13 und 13,14
In drei Verfahren hat sich der BGH mit der Wirksamkeit von Klauseln in Reisebedingungen zu 1. Anzahlungen auf den Reisepreis, zu 2. dem Zeitpunkt der Fälligkeit des Gesamtpreises und 3. zu Rücktrittspauschalen befasst.
Auch wenn die schriftlichen Urteilsgründe noch nicht vorliegen kann schon jetzt festgehalten werden:
1. Regelmäßig dürfen nur noch 20 % des Gesamtreisepreises als Vorauszahlung verlangt werden.
2. Der restliche Gesamtreisepreis ist spätestens 30 Tage vor Reisebeginn zu bezahlen.
3. Im Falle eines Rücktritts vor Reisebeginn sind entsprechend vereinbarte Stornoklauseln unwirksam, wenn nicht der VA darlegt und unter Beweis stellt welche ersparten Aufwendungen und anderweitigen Erlöse i.S. des § 651i II S. 3 BGB oder § 651i III BGB er gehabt hat.
Dies gilt auch grundsätzlich für das “Dynamic Packaging”: Bündelung von Leistungen der Einzelleistungsträger aus unterschiedlichen Quellen in Echtzeit zu einem Gesamtangebot und -preis.

Begründet wird oben Ziff.1 unter Verweis auf die §§ 307 I und 307 II Nr. 1 BGB hinsichtlich des regelmäßig noch angemessenen %- Satz und oben Ziff. 2 hinsichtlich der i.S. des § 307 II Nr. 1 BGB noch zulässigen Frist - jeweils auf den § 320 BGB bezogen. Nur so ist von dem gesetzlichen Leitbild einer Äquivalenz von Leistung und dafür bezahlter Gegenleistung auszugehen.
Zu oben Ziff. 3 hat der BGH endlich - da insoweit die seither verklagten VA es bislang nie auf ein höchstrichterliches Urteil haben ankommen lassen - zunächst mündlich ausführen können, daß die Klauseln betreffend der Rücktrittspauschalen unwirksam sind, da die beklagten Reiseveranstalter nicht ausreichend dargelegt haben (wie seither ebenso auch unterinstanzlich fast nie!), daß gewöhnlich Stornierungskosten in der behaupteten Höhe angefallen seien.
VA die jetzt noch auf die als unzulässig erkannte Klauseln pochen, müßen daher als unseriös betrachtet werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×