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17.06.2014

12:43 Uhr

BGH-Urteil

Voller Schadenersatz auch ohne Helm

Wer als Fahrradfahrer ohne Helm unterwegs ist, muss sich bei einem unverschuldeten Unfall keine Sorgen um seinen Versicherungsschutz machen. Der Bundesgerichtshof hat der Helmpflicht eine Absage erteilt.

Fahrradhelme sind nicht gerade schick, können aber vor schweren Kopfverletzungen schützen. dpa

Fahrradhelme sind nicht gerade schick, können aber vor schweren Kopfverletzungen schützen.

KarlsruheAutofahrer wissen das: Anschnallen ist Pflicht. Wer ohne Gurt fährt und einen Unfall hat, riskiert nicht nur schlimmere Verletzungen, sondern auch geringere Versicherungsleistungen. Das gilt immer dann, wenn die Verletzungen mit dem Gurt geringer ausgefallen wären oder sogar hätten verhindert werden können. Nach Argumentation der Versicherung trägt der Autofahrer dann eine Mitschuld und bekommt womöglich weniger Ausgleich oder Schmerzensgeld. Für Fahrradfahrer gilt das aber nicht, sie bekommen auch dann vollen Schadenersatz, wenn sie ohne Fahrradhelm unterwegs waren.

Mit seiner Entscheidung vom Dienstag hat der Bundesgerichtshof (BGH) der Helmpflicht durch die Hintertür eine Absage erteilt (Az.: VI ZR 281/13). In dem Fall ging es um eine Physiotherapeutin, die im Frühjahr 2011 mit dem Fahrrad auf dem Weg zu ihrer Praxis in Glücksburg an der Flensburger Förde war. Plötzlich öffnete sich die Tür eines rechts am Fahrbahnrand parkenden BMW. Die damals 58-Jährige hatte keine Chance mehr auszuweichen. Sie fuhr gegen die Tür, stürzte und schlug mit ihrem Hinterkopf auf dem Boden auf. Zweifacher Schädelbruch, Blutungen und Hirnquetschungen waren die Folge.

Hilfeleistung bei einem Unfall

Erste Schritte

Die Polizei rät mit eingeschalteter Warnblinkanlage möglichst am rechten Fahrbahnrand zu parken, einen Sicherheitsabstand von mindestens zehn Metern zum Unfallgeschehen einzuhalten und ihre Mitfahrer in Sicherheit zu bringen, am besten hinter der Leitplanke. Danach sichert man die Unfallstelle und stellt ein Warndreieck auf.

Das Warndreieck

Beim Aufstellen des Warndreiecks sollte eine Warnweste übergezogen werden. Zusätzlicher Tipp: Das Warndreieck gut sichtbar vor sich hertragen. Auf Autobahnen muss das Dreieck in einem Abstand von 150 bis 400 Meter hinter der Unfallstelle aufgestellt sein, auf Landstraßen im Abstand von 100 Metern. An unübersichtlichen Stellen muss das Dreieck so platziert sein, dass es der nachfolgende Verkehr rechtzeitig sieht.

Polizei empfiehlt: Warnweste

Nach Ansicht der Fachleute gehört diese nur wenige Euro teure Schutzkleidung in jedes Auto, ist allerdings nur in gewerblichen Fahrzeugen vorgeschrieben. Sie macht den Helfer besser sichtbar und verhindert Folgeunfälle, weshalb auch Versicherungsexperten Privatleuten unbedingt empfehlen eine Weste in ihrem Fahrzeug zu deponieren.

Der Notruf

Beim Absetzen eines Notrufs sollte man auf die Fragen wie „Wo ist der Unfall passiert?“, „Was ist passiert?“, „Wie viele Personen sind verletzt und wie schwer?“ und „Wer meldet den Unfall?“ vorbereitet sein. Diese Informationen sind für die Rettungskräfte wichtig; eine genaue Standortbeschreibung bringt Sanitäter und Polizei schneller vor Ort.

Versicherung

Experten weisen extra darauf hin, dass Angst vor Fehlern bei der Unfallsicherung, vollkommen unbegründet ist. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs sind Autofahrer und Ersthelfer auch dann voll versichert, wenn sie nicht alles richtig gemacht haben.

Erste Hilfe Online

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Die Schuldfrage war schnell geklärt. Die BMW-Fahrerin hätte sorgfältig nach hinten schauen müssen, ehe sie die Autotür öffnete. Und dennoch: Für die Folgekosten des Unfalls will die Versicherung der Autofahrerin nur teilweise aufkommen. Weil sie keinen Schutzhelm getragen habe, treffe die Radfahrerin ein hälftiges Mitverschulden an ihren eigenen Kopfverletzungen.

Die Oberlandesgerichte waren dazu bundesweit unterschiedlicher Meinung gewesen. Im konkreten Fall hatte das Oberlandesgericht (OLG) Schleswig die Ansicht der Versicherung unterstützt (Az.: 7 U 11/12). Es kam zu dem Schluss, dass „das Nichttragen eines Schutzhelms“ ursächlich für das Ausmaß der Kopfverletzungen war. Nach heutiger Anschauung sei davon auszugehen, „dass ein ordentlicher und verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird“.

Das OLG setzte bei der Physiotherapeutin die Mitschuld auf immerhin 20 Prozent fest. Der Bundesgerichtshof folgte dieser Überzeugung allerdings nicht. „Das Nichttragen eines Fahrradhelms führt entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts nicht zu einer Anspruchskürzung wegen Mitverschuldens“, so der BGH. „Für Radfahrer ist das Tragen eines Schutzhelms nicht vorgeschrieben.“ Die Frau habe also Anspruch auf den vollen Schadenersatz.

Kommentare (13)

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17.06.2014, 12:37 Uhr

Ein unerwartet vernünftiges Urteil. Andernfalls wäre das ein Freibrief für die Versicherungen gewesen, sich um einen Teil des Schadenersatzes zu drücken.

Man könnte im Extremfall auch die Helmpflicht auf Fußgänger erweitern, denn im Falle eines Unfalles wird sicher ein Helm vor schweren Kopfverletzungen besser schützen.

Insofern hat der BGH die Kirche im Dorf gelassen.

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17.06.2014, 12:46 Uhr

Ein gutes Urteil für mündige Bürger.

Trotzdem werde ich auf dem Rad nur mit Helm fahren, denn er senkt die Wahrscheinlichkeit von schweren Verletzungen erheblich.

Account gelöscht!

17.06.2014, 12:46 Uhr

"Das gilt immer dann, wenn die Verletzungen mit dem Gurt geringer ausgefallen wären oder sogar hätten verhindert werden können. Nach Argumentation der Versicherung trägt der Autofahrer dann eine Mitschuld und bekommt womöglich weniger Ausgleich oder Schmerzensgeld. Für Fahrradfahrer gilt das aber nicht, sie bekommen auch dann vollen Schadenersatz, wenn sie ohne Fahrradhelm unterwegs waren."

Hmm... wo liegt denn der Unterschied? Ach genau: Das Tregen des Gurtes ist Pflicht, das Tragen des Helmes nicht. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, oder Gesetz mit kein Gesetz oder eben Autogurt mit Fahrradhelm...

Insofern die richtige Entscheidung des BGH, wenn gleich das Tragen eines Helmes sinnvoll ist.

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