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21.11.2013

06:12 Uhr

Debeka-Skandal

Das Ende eines Musterknaben

VonThomas Schmitt

Bisher glänzte die Debeka durch niedrige Kosten und günstige Versicherungen. Wegen des Datenskandals könnte der Kostenvorteil sinken. Die Konkurrenz darf sich freuen. Doch für die Kunden wäre es schlecht.

Uwe Laue, Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Debeka-Versicherungen, hält in der Hauptverwaltung ein Schild mit dem Firmenschriftzug. Der Debeka-Gruppe wird Missbrauch von Beamtendaten vorgeworfen. dpa

Uwe Laue, Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Debeka-Versicherungen, hält in der Hauptverwaltung ein Schild mit dem Firmenschriftzug. Der Debeka-Gruppe wird Missbrauch von Beamtendaten vorgeworfen.

DüsseldorfDer Skandal rund um die Debeka hat eine besondere Tragik. Denn die Tricksereien mit den Adressen von Beamten treffen ein Unternehmen, das in vieler Hinsicht vorbildlich für seine Kunden gearbeitet hat. Der Konzern ist sparsam, er legt sein Geld langfristig und solide an – und vor allem: die Debeka hat gute Versicherungsprodukte.

Dieses Bild eines Musterknaben haben Branchenexperten in der Vergangenheit in vielen Vergleichen immer wieder bestätigt. Allen voran Manfred Poweleit, der Herausgeber des Branchendienstes „Map-Report“: „Die Versicherungsgenossenschaft ist der einzige Marktanbieter, der bei allen fünf Ratings von ‚Map-Report‘ die Spitzenbewertung ‚mmm‘ für langfristig hervorragende Leistungen erreicht.“

Der Versicherer aus Koblenz stellt seit Jahrzehnten die Kunden in den Mittelpunkt und richtet daran sein Handeln aus. Das ist in der Versicherungsbranche alles andere als selbstverständlich. Poweleit ist daher sicher: „Bessere Leistungen für die Kunden kann man schon kaum erreichen.“ Ein ähnlich gutes Zeugnis stellt auch der Ökonom Hermann Weinmann der Debeka aus.

Die Versicherungsvertreter der Debeka

Die Debeka

Der Versicherungskonzern Debeka hat seinen Sitz in Koblenz und beschäftigt 17.000 Mitarbeiter. Seit Ende Oktober gelten neue Verhaltensrichtlinien. Eine direkte Weisung in den Regelungen lautet: „Die Debeka toleriert keinerlei Form der Bestechung und Korruption.“

Quelle: Debeka

Ursprung

Die Debeka ist ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, also eine Versicherung mit genossenschaftlichem Gedanken. Sie wurde 1905 als Selbsthilfeeinrichtung für den öffentlichen Dienst von Beamten für Beamte gegründet. Bis 1923 gab es nur rein ehrenamtliche Vereinsmitglieder.

Vertreter

Die Debeka-Gruppe beschäftigt mehr als 9.000 Außendienstmitarbeiter. Diese sind fest angestellt und somit weisungsgebunden. Dies ist ungewöhnlich in der Versicherungswirtschaft. In der Regel sind Ausschließlichkeitsvertreter selbstständig, aber fest an einen Konzern gebunden.

Tippgeber

Die Vertreter der Debeka arbeiten mit Tippgebern zusammen. Etwa 15.800 Personen waren zuletzt aktiv. Sie gehören jeweils zur Hälfte dem öffentlichen Dienst und der freien Wirtschaft an. Insgesamt sind sogar etwa 36.300 Personen als Tippgeber bei der Debeka registriert.

Empfehlungsgeber

Auch wer kein offizieller Tippgeber ist, kann der Debeka Personen empfehlen, die an Versicherungen Interesse haben könnten. Dazu kann er Empfehlungskarten ausfüllen. Personen, die aufgrund dieser Hinweise angesprochen werden, erfahren im ersten Gespräch mit dem Debeka-Berater üblicherweise den Namen der Empfehlungsgeber. Die Empfehlungsgeber erhalten für diesen Hinweis im Erfolgsfall bis zu 15 Euro.

Rechtliche Grundlage

Bundesbeamte können im Einklang mit Paragraph 100 des Bundesbeamtengesetzes (BBG) als so genannte Tippgeber auf potenzielle Neumitglieder aufmerksam machen. Tippgeber sind nebenberufliche Mitarbeiter, die nicht selbst vermitteln bzw. an der Vermittlung mitwirken. Sie stellen nur für einen Interessenten den Kontakt zum Versicherungsunternehmen her.

Verdienst der Tippgeber

Die aktiven Tippgeber haben im Jahr 2012 mindestens einen Interessenten empfohlen, mit dem es zu einem Vertragsabschluss gekommen ist. Im Durchschnitt erhielt jeder Tippgeber im Jahr 2012 etwa 170 Euro.

Festgehalt der Vertreter

Das Mindesteinkommen für die Angestellten des Werbeaußendienstes beträgt für neue Mitarbeiter zurzeit zwischen 28.700 Euro und 32.000 Euro jährlich. Das tatsächliche Durchschnittseinkommen der Außendienstmitarbeiter ohne Leitungsaufgaben liegt bei 44.000 Euro pro Jahr.

Provisionen der Vertreter

Das Mindesteinkommen der Vertreter wird durch ein erfolgsbezogenes Entgelt ergänzt. Wenn geringe oder keine Provisionen angefallen sind, fließt das Geld trotzdem. In diesem Fall schießt die Debeka die Differenz zwischen dem Mindesteinkommen und den verdienten Provisionen plus Festbezügen zu. Diese Zuschüsse können dann in bestimmten Grenzen mit eventuellen Provisionsüberschüssen in den Folgemonaten verrechnet werden.

Verrechnungsmechanismus

Sollten bei den Mitarbeitern des Außendienstes weniger Provisionen als angenommen anfallen, trägt das Unternehmen die Differenz. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass den Außendienstmitarbeitern keine dauerhaften Nachteile entstehen. Zudem werden im Urlaubs- und Krankheitsfall Ausgleichszahlungen gewährt.

Das Auffüllersystem

Die Kehrseite geht aus Berichten im Handelsblatt hervor: "Viele junge Versicherungsvertreter wählten die Debeka, weil diese im Gegensatz zu vielen Konkurrenten ihren Vertrieb nicht mit freien Handelsvertretern organisierte. "Die Debeka war mein erster Arbeitgeber, und für mich war es psychologisch sehr wichtig, fest angestellt zu sein", erzählte ein Mitarbeiter. "Das vermittelte mir ein Gefühl der Sicherheit." Dann der Schock: Von seinem Gehalt wurde ihm nur ein Teil vorbehaltlos ausgezahlt. Den Rest, erklärte ihm sein Chef, müsse er erst einmal "ins Verdienen bringen".
Und so machte der junge Mann Bekanntschaft mit dem wohl am meisten gefürchteten Begriff bei der Debeka: dem Auffüller. "Ich musste rund 2 000 Mark monatlich durch Provisionen ins Verdienen bringen", berichtet ein weiterer Debeka-Veteran. Wenn er nur Verträge für 1000 Mark abschloss, kam der Differenzbetrag in den Auffüller - eine Art Strafkonto. Machte der Vertreter dann im Folgemonat ein sehr gutes Geschäft, hatte er kaum etwas davon, weil die Debeka von den möglichen Provisionszahlungen erst den Betrag abzog, der noch im Auffüller stand. Gerade Anfänger warf dieses System immer wieder zurück."

Der Wissenschaftler der Hochschule Ludwigshafen hat die 17 größten Lebensversicherer untersucht. Seine Frage: Was machen sie mit dem Geld ihrer Kunden? Sein Fazit für den Vierjahreszeitraum 2009 bis 2012: Die Debeka zählt zu den sieben Topanbietern, die in der Branche nahe beieinander liegen. Dies sind Allianz, R+V, Volkswohl Bund, Bayern-Versicherung, Debeka, Cosmos und Alte Leipziger.

Diese Bewertung ändert sich allerdings im Lichte des möglichen Datenmissbrauchs. Denn wegen der öffentlichen Debatte könnten im Vertrieb der Debeka neue Zeiten anbrechen. Der Grund: Bisher besitzt die Debeka Leben im Vergleich zur Konkurrenz einen großen Kostenvorteil. So liegen ihre Abschlusskosten nur bei 3,4 Prozent der Beitragseinnahmen.

Das sei sehr günstig, urteilt Weinmann exklusiv für Handelsblatt Online. Nur der Direktversicherer Cosmos Leben liegt im Reigen der Großen besser. Was kein Wunder ist, denn hier gibt es keinen Außendienst. Weinmann glaubt aber nun: „Dass das Vertriebsmodell der Debeka beibehalten werden kann, ist aufgrund der öffentlichen Diskussion fast schon auszuschließen.“

 

Kommentare (26)

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strabani

21.11.2013, 07:59 Uhr

Debeka ist schlicht und einfach seinen Mitbewerbern immer wieder einen Schritt voraus. Das sorgt seitens der Mitbewerber anscheinend für Neid und Sticheleien. Solange sich aber Debeka an Recht & Gesetz hält geht deren Vorgehensweise aber völlig in Ordnung!

Dem Mitbewerbern empfehle ich sich einmal einmal auf dem Markt der arbeitssuchenden "Silberrücken" und dort im speziellen sich die arbeitssuchenden Vertriebler herauszupicken. Dort gibt es z.B. Profis die sauberes arbeiten gewöhnt sind und die Lösung- wie aber auch nutzen orientiert für alle Beteiligten (Kunde, Firma und sich selbst)arbeiten.

Also bitte kein Neid sondern versuchen es besser zu machen!

Olpenitz

21.11.2013, 08:18 Uhr

Ein großer Teil des "Erfolgs" der Debeka kommt von der miserablen Bezahlung des angeblich angestellten Außendienst.
Mehr als die Hälfte der Vertreter sind im Auffüller.
Der Druck das Fixum einzuarbeiten ist gewaltig.
Nur die Angestellten, die schon lange dabei sind oder halt Kontakte aus früheren Zeiten zum Netzwerk Beamter haben kommen über die Runden.
Mit massiven Neueinstellungen bei gleichzeitig höherer Fluktuation grast die Debeka neue Leute ab.
Die müssen im ersten Jahr 150 neue Verträge bringen, bei Freunden, Bekannten und Verwandten, sonst fliegen sie wieder raus.

Das ist ein toller Arbeitgeber

Fuchs

21.11.2013, 08:31 Uhr

Achja die Debeka ....
Kann meinem Vorschreiber nur Recht geben : Verkaufsdruck, Bekannten und "Hungerlohn" bzgl. des Fixgehaltes sind offene Geheimnisse...
An der Debeka darf man sich sicherlich kein Beispiel nehmen !!!
Neid ? Klar, wenn alles mit Rechten Dingen zugegangen wäre könnte man evtl. neidisch sein, sofern oben genannte offenen Geheimnisse nicht wären. Aber über Korruption muss man Ehrlich gesagt überhaupt nicht neidisch sein !

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