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11.03.2012

11:35 Uhr

Der Erben-Report

Die Prasser, die Labilen und die Gierigen

VonJens Hagen, Jessica Schwarzer

Ein Blick hinter die Kulissen der sonst so verschwiegenen wohlhabenden Familien: Fünf spektakuläre Fälle zeigen, mit welchen Problemen Erben zu kämpfen haben, wenn der Nachlass nicht sorgfältig geregelt wurde.

Baren und Münzen in einem Tresor: Gold ist eine beliebte Anlageklasse und wird oft vererbt. dpa

Baren und Münzen in einem Tresor: Gold ist eine beliebte Anlageklasse und wird oft vererbt.

DüsseldorfWenn`s ums Erbe geht, ist es mit der Pietät schnell vorbei. „Manche Kinder aus vermögenden Familien scheinen ihre Tage vor allem damit zu verbringen, auf die Erbschaft zu warten“, klagt Heiko Löschen, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Packenius Mademann und Partner. Wenn es dann soweit ist, geht der Ärger los.

Bei jeder sechsten Erbschaft in Deutschland kommt es zum Streit. Das hat eine repräsentative Studie der Postbank ergeben. „Je größer der Nachlass, desto mehr wird gestritten“, sagt Jan Bittler, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV). Übersteigt der Wert des Nachlasses die Summe von 100.000 Euro, kommt es in jedem vierten Fall zu Streit. „Bei größeren Vermögen würde ich schätzen, dass es sogar bei jedem zweiten Fall Ärger gibt“, sagt Löschen.

Was Erben wissen sollten

Wer kann erben?

Erben können alle, die im Testament bedacht sind. Auch Minderjährige dürfen erben, dann springt aber ein gesetzlicher Vertreter ein. Das sind in der Regel die Eltern. Ohne Testament gilt das gesetzliche Erbrecht.

Was passiert, wenn die Erben unbekannt sind?

Ein Nachlassgericht sichert das Erbe nach pflichtgemäßen Ermessen. Gegenstände können versiegelt und Wertpapiere hinterlegt werden. Das Gericht bestellt einen Nachlasspfleger, der das Vermögen absichert und die Erben ermitteln soll. Der Verwalter haftet bei vorsätzlichen oder fahrlässigen Schäden.

Wer erbt, wenn kein Testament besteht?

In diesem Falle gilt das gesetzliche Erbrecht. Das Gesetz sieht fünf Ordnungen vor: 1. Direkte Abkömmlinge: Ehegatten, eingetragene Lebensgemeinschaften, Kinder, 2. Die Eltern des Verstorbenen, 3. Großeltern und deren Abkömmlinge, 4. Urgroßeltern und deren Abkömmlinge, 5. Ururgroßeltern und deren Abkömmlinge. Jeder Verwandte einer vorherigen Kategorie schließt einen Nachfolger aus. Beispiel: Wenn die Kinder noch leben, gehen die Eltern des Verstorbenen leer aus.

Was ist, wenn der rechtmäßige Erbe bereits verstorben ist?

An die Stelle des Verstorbenen treten seine Abkömmlinge. Beispiel: Ein Verstorbener hat zwei Kinder, von denen eines nicht mehr lebt. An die Stelle des verstorbenen Kindes treten dann seine oder ihre Kinder. 

Wie wird das Erbe aufgeteilt?

Das Erbe wird nach dem Verwandtschaftsgrad aufgeteilt. Beispiel: Wenn der Mann stirbt, erbt seine Frau 50 Prozent. Die beiden Kinder teilen die restlichen 50 Prozent unter sich auf. Bruder und Eltern des Verstorbenen gehen leer aus. Sonderfälle gelten bei einem Ehevertrag mit Gütertrennung.

Was regelt das Testament?

In vielen Fällen möchte der Erblasser von den gesetzlichen Regelungen abweichen. Ein Einvernehmen mit den Erben ist nicht nötig, die Verfügungen können jederzeit widerrufen werden. Eine Alternative ist ein Erbvertrag, der nicht widerrufen werden kann. Ein solcher Vertrag kann auch zwischen Erblasser und Erbe geschlossen werden.

Was ist bei einem Testament zu beachten?

Ein per Handschrift eigenhändig verfasstes, unterzeichnetes Testament bedarf keine Testierung durch den Notar. Der Text muss eigenhändig verfasst sein, ein Diktat reicht nicht: Die Handschrift muss erkennbar sein. Die Form muss gewahrt sein: Die Unterschrift muss in der Regel unter dem letzten Satz stehen und Vor- und Zunamen enthalten. Ort und Zeit sind anzugeben, machen das Testament bei Fehlen aber nicht ungültig. Nachträgliche Streichungen oder Radierungen sind wirksam. Wichtig: Der letzte Wille sollte keine Zweifel aufkommen lassen.

Was steht laut Testament Enterbten zu?

Jedem rechtmäßigem Erben steht unabhängig vom Inhalt des Testamentes ein Pflichtteil des Nachlasses zu. Anspruch haben die Familie sowie Kinder, Enkel, Eltern und Ehegatte. Entfernte Verwandte wie Geschwister, Onkel oder Neffen gehen leer aus. Die Erben haften für die Ansprüche der Pflichtteilberechtigten.

Wann müssen Enterbte auf ihren Pflichtteil verzichten?

In einigen Fällen von Kriminalität, etwa bei einer Freiheitsstrafe von einem Jahr oder Bedrohung des Lebens der Abkömmlinge. Auch eine Verletzung der Unterhaltspflicht kann zum Verlust des Pflichtteils führen.

Die Zahl der reichen Erben nimmt seit Jahren zu. Mehr als 800.000 Millionäre gibt es in Deutschland und mehr als hundert Milliardäre. Insgesamt liegt das jährlich vererbte Vermögen in Deutschland laut Postbank bei 233 Milliarden Euro, zehn Milliarden mehr als noch im Vorjahr. Im Jahr 2020 dürfte die vererbte Summe bei 330 Milliarden Euro liegen. 

Wenn nach dem letzten Willen die Fetzen fliegen, kostet das viel Geld. Die Kosten für Anwälte, Gerichte, Steuern sowie Notare, Gutachter und Grundbuchämter können bei großen Vermächtnissen schnell im sechsstelligen Bereich liegen.

Nicht nur bei gerichtlichen Auseinandersetzungen gefährdet Uneinigkeit das Erbe. Die wenigsten Vermögen sind liquide. Besteht ein Begünstigter auf schnelle Auszahlung, müssen Wertpapiere, Kunstsammlungen und Immobilien kurzfristig und weit unter Marktwert verkauft werden. Dann steht nicht nur das Lebenswerk zur Disposition – sondern der Wohlstand der nachfolgenden Generationen. „Ein Hauptrisiko für Familienvermögen ist die Übertragung in die nächste Generation“, sagt Reinhard Berger, Präsident der Investmentgesellschaft Valluga AG. Vor allem wenn ein Großteil des Vermächtnisses in einem Unternehmen steckt, drohen Probleme. „Auch eine mangelhafte Streuung in verschiedene Anlageklassen birgt Risiken“. Die Erfolgsformel sei eine rechtzeitige und strategisch geplante Aufteilung des Nachlasses.

Trotzdem schlampen viele Erblasser bei ihrem letzten Willen. Nach einer Umfrage von Packenius Mademann unter tausend Teilnehmer hat nur jeder fünfte seinen Nachlass „zu seiner Zufriedenheit geregelt“. Jeder Dritte hat das Thema Erbschaft noch nie in der Familie angesprochen. Und jeder Fünfte befürchtet in seiner Familie einen Streit ums Erbe.

Handelsblatt Online hat hinter die Kulissen der sonst so verschwiegenen wohlhabenden Familien geschaut. Fünf spektakuläre Echtfälle zeigen, mit welchen Problemen Erblasser und Begünstigte zu kämpfen haben, wenn der Nachlass nicht sorgfältig geregelt wurde. Das Dossier schildert Gier und Prasserei, aber auch seelische Krisen und persönliche Überforderung.

Kommentare (8)

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el_condor_pasa

09.03.2012, 14:17 Uhr

Jeder 6. Erbschaftsfall = rdbt 16,7%
Gleichwohl, die im Beitrag aufgemachten topoi entsprechen ungefähr Lavaters "Charakterologie", wie man sie aus Führungsseminaren der siebziger Jahres des vergangenen Jahrhunderts in jedem Diplomkaufmann-Aufwertungslehrgang kennenlernen durfte.

Nicht schlimm.
Allerdings auch nicht besonders originell, lediglich gewohnt.
Und doch, diese Erbratten gibt es immer noch: ein nachwievor sich immer wieder für besonders modern haltendes Leitbild für Erben aller Zeiten, wie es auszusehen scheint.

Was viele beim Erben indes zu vergessen scheinen: die mit dem Erben untrennbar verbundene Verpflichtung des Erben dem Erblasser gegenüber.

FAERBRECHT

09.03.2012, 19:56 Uhr

Berechnung des Pflichtteils - so schwer zu verstehen!

In dem Artikel heißt es:
... Beispiel: Bei drei Erben und einem Enterbten erhalten die drei im Testament bedachten jeweils ein Drittel. Der Pflichtteil des Enterbten beträgt dann ein sechstel, also die Hälfte des gesetzlichen Erbteils von einem Drittel.

Wenn mit drei Erben und einem Enterbten vier grundsätzlich pflichtteilsberechtigte Personen gemeint sind, dann würde der gesetzliche ( nicht testamentarische) Erbteil bei z.B. vier Kindern bei einem Viertel liegen. Der Pflichtteil wäre dann ein Achtel!
Möglicherweise ist es anders gemeint, aber schlecht beschrieben.

Ludwig500

29.07.2012, 19:50 Uhr

Der Artikel liesst sich wie ein Werbeprospekt von Anwälten und Vermögensverwaltern.

Es wird in zwei Fällen eine Dauertestamentsvollstreckung empfohlen. Aber was passiert, wenn der Erbe früh stirbt und keine Nachkommen hat? Freut sich dann der Dauertestamentsvollstrecker?

Es gibt eine Berufsgruppe, der man mehr misstrauen sollte als den widerlichsten Verwandten. Und das sind Anwälte und Vermögensverwalter.

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