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20.06.2011

08:37 Uhr

Der Streitfall des Tages

Wenn Banker Tausende Euro an Zinsen einbehalten

VonDörte Jochims

Immer wieder tricksen Banken bei der Abrechnung von Kreditkonten. Der Schaden summiert sich leicht auf Beträge in fünf- bis sechsstelliger Höhe. Wer Anspruch auf Nachzahlung hat und wie sich Kunden wehren können.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall


Ein hochrangiger Polizeibeamter im Dienst des Landes NRW nimmt mehrere Darlehen zur Finanzierung von Immobilien auf. Als ein Objekt verkauft wird, verrechnet seine Bank einen Teil des Erlöses direkt mit einem Darlehenskonto, welches vollständig zurückgeführt werden kann.

Der Kunde bittet darum, statt des ursprünglichen ein anderes Konto auszugleichen. Die Bank lässt sich darauf ein. Es entsteht ein Streit. Der Kunde schaltet einen Anwalt ein und verpflichtet sich zunächst, alle Forderungen der Bank zu erfüllen, behält sich aber die Rückforderung von zu viel gezahlten Beträgen vor.

Bevor er die Summe an die Bank überweisen will, entdeckt der Mandant der Kanzlei Baum, Reiter & Collegen Fehler in der Abrechnung. Seine Anwältin lässt daraufhin sämtliche Belege systematisch prüfen. Ergebnis: Es seien teilweise Vorfälligkeitsentschädigungen für Darlehenskonten falsch berechnet worden.

Im Zusammenhang mit der Sondertilgung habe die Bank zudem die neuen Raten nicht korrekt kalkuliert. Außerdem hätte der variable Zinssatz während der gesamten Laufzeit nicht um mehr als 0,2 Prozentpunkte zum Nachteil des Kunden vom Referenzzins abweichen dürfen. Tatsächlich sei er zeitweise um 0,8 Prozentpunkte zu hoch angesetzt worden. Vor dem Landgericht Münster einigen sich die Parteien schließlich auf einen Vergleich.

Streitfall des Tages: Neun von zehn Bankern beraten schlecht

Streitfall des Tages

Neun von zehn Bankern beraten schlecht

Versicherungen, Wertpapiere oder Baufinanzierung: Neun von zehn Beratern orientieren sich laut Verbraucherschützer nicht am Bedarf der Kunden. Wie sich Betroffene wehren können und an gute Produkte gelangen.


Die Gegenseite


Auf Nachfrage von Handelsblatt Online gab das betreffende Finanzinstitut zu dem Fall keine Stellungnahme ab.

Teure Fallen in der Baufinanzierung

Lange Bearbeitungszeiten

Wenn eine Bank Top-Konditionen anbietet, stürzen sich die Kunden geradezu auf das Angebot. Vor allem Kreditvermittler leiten in einem solchen Falle die Kunden scharenweise an Banken mit Niedrigzins-Offerten weiter. Manche Banken können diesen Ansturm nicht bewältigen. In Einzelfällen können die Bearbeitungszeiten dann vier bis acht Wochen dauern. Branchenkenner berichten, dass sich einige Banken dann angesichts der hohen Antragszahl Kunden mit guten Risiken herauspicken und einen Rest pauschal ablehnen. Kunden, die schon kurz vor Baubeginn stehen oder Kaufpreiszahlung schon ansteht, sind dann gezwungen, auf die Schnelle eine andere Finanzierung zu finden oder einen höheren Zinssatz zu akzeptieren. Bei verspäteter Zahlung werden für den Käufer oder Bauherren Vertragsstrafen fällig.

Bausparverträge

Viele Banken bieten bei der Finanzierung neben dem Kredit einen Bausparvertrag an, vor allem Sparkassen und Volksbanken neigen dazu. Entweder es wird der Bausparvertrag gleich als Tilgungsersatz eingearbeitet, zur späteren Zinssicherung separat abgeschlossen oder für eine spätere Renovierung vorgesehen. Während die Vorsorge für eine Renovierungsvorsorge bis zu einem Volumen von 20.000 Euro noch akzeptabel ist, haben die anderen Varianten Nachteile. Die Finanzberatung FMH berechnete den Grenzzins, ab wann die Finanzierung mit Bausparverträgen lohnt. Erst wenn der Bankzins beim Anschlussdarlehen bei mehr als 7,5 Prozent, im Einzelfall sogar bei mehr als 11,5 Prozent liege, würde sich das Bausparmodell lohnen. Einen derartigen Zinsanstieg erwarten aber nur Pessimisten.

Kreditverhandlungen I

Fast jeder Bauherr denkt, dass sein Bankberater über seine Finanzierung entscheiden könnte. Doch heutzutage werden Kredite nicht mehr in der Filiale abgewickelt, sondern zentral bearbeitet. Wenn sich der Banker mit seiner Zusage zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, hat der Kunde keine Verhandlungsbasis, weil sich der Berater auf die Entscheidung der Kreditabteilung rausredet und er selber keine Befugnis hat, den Kredit doch zu vergeben. Kulanz und gute Kundenbeziehungen nützen in solchen Fällen in der Regel nichts.

Kreditverhandlungen II

Ebenfalls unangenehm kann es werden, wenn der Zahlungstermin ansteht und die Kreditvergabe plötzlich mit Zinsaufschlägen versehen wird, von denen bei der Antragstellung nicht die Rede war. Aus Zeitgründen wird dann oft auf ein Angebot bei einer anderen Bank verzichtet. Unfair ist es auch, wenn die Kreditzusage an die Besparung eines Bausparvertrages gekoppelt wird. So maximiert der Banker Ertrag und Provision. Kunden sollten solche Offerten ablehnen und zu einem anderen Institut wechseln.

Kreditvermittler

Viele Baugeld-Vermittler setzen ihre Kunden unter Druck und verlangen beispielsweise die Annahme eines Angebots binnen einer kurzen Frist. Andernfalls würde die Offerte wieder zurückgenommen. Ein reiner Vertriebstrick, wie etwa Max Herbst von der Finanzberatung FMH meint. Denn das Angebot des Vermittlers ist sowohl für die Bank wie auch für die Kunden immer unverbindlich. Erst wenn die Bank ihre Offerte schickt, gibt es ein konkretes Angebot. Da die Annahme des Vermittlerangebotes nicht rechtsverbindlich ist, ist auch eine Unterschrift nicht tragisch. Man sollte sich durch derartiges Vermittlerverhalten nicht abschrecken lassen und getrost weitere Angebote einholen.

Zinsverhandlungen

Viele Hausbanken präsentieren ihren Kunden zunächst ein Angebot zu einem durchschnittlichen Zins. Der Banker ist auch gar nicht traurig, wenn sich der Bauherr bei Vermittlern und Direktbanken ein besseres Angebot einholen wird. Auf Anraten seines Beraters solle er aber vor einem Abschluss dort das Angebot ihm nochmals vorlegen, denn es sei nicht ausgeschlossen, dass er nochmals nachbessern könne. Ein solches Vorgehen zeugt nicht gerade von einer guten Geschäftsbeziehung. So handeln vor allem Banken, die ihren Kunden auch in Zukunft tendenziell immer zuerst zweitklassige Produkte anbieten. In einem solchen Fall sollten die Kunden das Institut lieber wechseln und bei einer anderen Bank nachverhandeln. Prinzipiell gilt: Kunden sollten immer das bestmögliche Angebot erwarten dürfen.

Kommentare (1)

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Brendel

27.06.2011, 09:03 Uhr

Richtig ist, dass Banken und Sparkassen gerne verkehrt - überhöht abrechnen. Die Frage der Verjährung ist vielsichtig, z.B. beginnt die Verjährung aus Kontokorrentkonten erst mit Schliessung des Kontos lt. BGH.
Ralph Hans Brendel, 1. Vorstand des BVKK.
Bundesverband Kreditsachverständige & Kontenprüfer e. V.

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