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30.06.2011

10:35 Uhr

Der Streitfall des Tages

Wie Versicherer Kunden in teure Tarife jagen

VonDörte Jochims

Wer in der privaten Krankenversicherung in einen günstigeren Tarif wechseln will, wird oft schlecht beraten. Die Folge sind überteuerte Beiträge und schlechte Leistungen. Was PKV-Versicherte wissen sollten.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.



Der Fall


Herr S. ist selbstständig und 55 Jahre alt. Seit 1994 ist Herr S. bei der Gothaer über den Tarif GS2 privat krankenversichert. Als jedoch sein Beitrag von 523 auf 667 Euro steigen soll, wird es dem Unternehmer zu teuer.

Der 54jährige fragt bei seinem Versicherer nach günstigeren Alternativen. Man bietet ihm dasselbe Paket für 511 Euro monatlich an. Dafür soll sein Selbstbehalt von 420 auf 912 Euro pro Jahr steigen.

Eine typische Lösung, die die Kosten langfristig steigen lässt. S. schaltet den unabhängigen Versicherungsberater Stefan Albers aus Montabaur ein.

Der Experte prüft zunächst, welche Leistungen dem Versicherten wirklich wichtig sind. Dann schlägt er den Wechsel in den neuen Tarif MediVita 500 sowie den Tarif Z90 vor.

Jetzt zahlt S. nur noch 356 Euro im Monat. Der Selbstbehalt liegt bei 500 Euro. Dafür macht er bewusst Abstriche: Hilfsmittel wie einen Rollstuhl muss er künftig von Vertragspartnern der Gothaer beziehen, damit sie komplett erstattet werden. Ähnliches gilt für Arzneimittel und Verbandszeug. Zudem muss er jedes Jahr zum Zahnarzt gehen, sonst sinkt sein Anspruch.

Ein echter Verzicht ist das Streichen von Leistungen durch Heilpraktiker. Zudem werden nur 80 Prozent der Kosten einer Psychotherapie übernommen. Zuletzt sind logopädische Dienste auf das Leistungsverzeichnis des Versicherers beschränkt.

Streitfall des Tages: Wenn der Krankenversicherer die Beiträge um 60 Prozent erhöht

Streitfall des Tages

Wenn der Krankenversicherer die Beiträge um 60 Prozent erhöht

Viele private Krankenversicherer erhöhen die Beiträge jedes Jahr im zweistelligem Prozentbereich - und das scheinbar willkürlich. Wann sich Kunden wehren können und ob der Tarifwechsel lohnt. VON ULRICH LOHRER

Die Gegenseite


Die Gothaer Versicherung bezog auf Anfrage von Handelsblatt Online zu dem anonymisierten Fall nicht Stellung.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Kommentare (3)

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peter65

30.06.2011, 15:14 Uhr

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30.06.2011, 15:26 Uhr

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30.06.2011, 15:42 Uhr

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