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15.03.2013

15:56 Uhr

Europa hat gewählt

Das sind die gefährlichsten Finanzprodukte

VonKatharina Schneider

Nach einer Online-Abstimmung stehen jetzt die „Gewinner“ fest. Den gefährlichsten Finanzprodukten in Europa drohen nun strengere Regulierungen oder sogar ein Verbot. Auch die Deutsche Bank steht am Pranger.

Viele Finanzprodukte können nicht nur für Anleger, sondern auch für die Gesellschaft gefährlich werden. Getty Images

Viele Finanzprodukte können nicht nur für Anleger, sondern auch für die Gesellschaft gefährlich werden.

DüsseldorfEigentlich werden bei Casting-Wettbewerben stets die besten Sänger, die größten Talente oder die schönsten Frauen gesucht. Ganz anders bei der Aktion „Europa sucht das gefährlichste Finanzprodukt“ des Grünen-Europaabgeordneten Sven Giegold. Hier standen Fonds, Zertifikate und andere umstrittene Produkte zur Wahl. Zu gewinnen gab es deshalb auch keine Platten- oder Modelverträge, sondern die zweifelhafte Ehre, künftig stärker reguliert oder sogar verboten zu werden.

Jetzt stehen die Gewinner fest: Platz eins in der Kategorie „Produkte, die Umwelt, die Armen oder Dritte schädigen“ belegten Nahrungsmittelfonds mit 71 Prozent der Stimmen. In der Kategorie „Produkte, die Verbraucher oder Investorinnen schädigen“ votierten knapp 47 Prozent der rund 2000 Teilnehmer für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf Staatsanleihen aus Schwellenländern.

Fallstricke bei geschlossenen Fonds

Vermögenslage

Anteile an geschlossenen Fonds oder Unternehmensbeteiligungen sind in der Regel nur etwas für Anleger, deren Vermögen im sechsstelligen Bereich liegt und die bereits Aktien, Anleihen, Festgeld und ein eigenes Häuschen besitzen. Der Anteil geschlossener Fonds sollte maximal 30 Prozent des Gesamtvermögens ausmachen.

Laufzeit

Die Beteiligungen laufen in der Regel zehn Jahre und länger. Der Anleger muss somit in der Lage sein, über viele Jahre auf dieses Geld zu verzichten. Ein vorzeitiger Verkauf ist zwar beispielsweise bei Schiffen über den Zweitmarkt möglich. Die Preise dort schwanken jedoch stark – insbesondere seit der Finanzkrise.

Steuern

Steuerliche Aspekte spielen im Gegensatz zu früheren Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle beim Kauf von geschlossenen Fonds. Viele populäre Anlagemodelle wie die in den 90er-Jahren – etwa Ost-Immobilien mit hohen Sonderabschreibungen – gibt es längst nicht mehr.

Trends

Wie viele andere Anlageklassen unterliegen auch die geschlossenen Fonds und Unternehmensbeteiligungen gewissen Modetrends. Beliebt sind aktuell Fonds im Bereich Flugzeugleasing. Zudem ist zu beobachten, dass die Anleger wieder risikofreudiger werden. Sogar Private-Equity- und Projektentwicklungsfonds finden wieder Käufer. Das war vor zwei Jahren noch nahezu undenkbar.


Für den Wettbewerb wurden zunächst sechs Wochen lang über die Internetseite des Projekts Nominierungen gesammelt. Giegold ging es insbesondere um Produkte, die intransparent oder unnötig komplex sind, die Risiken verschleiern oder anderen Schaden zufügen. Insgesamt wurden 150 Vorschläge eingereicht und 50 verschiedene Produkte genannt.

Eine Jury aus Finanzexperten bewertete die Vorschläge und wählte acht Produkte in die nächste Runde. Dort traten sie in zwei Kategorien an. Bis Donnerstagnacht haben etwa 2000 Personen online über die Produkte abgestimmt. „Die Gewinner sind so deutlich, dass ich glaube, dass das gleiche Ergebnis auch bei einer repräsentativen Umfrage herausgekommen wäre“, sagt Giegold.

Davor warnen Verbraucherschützer

Finger weg

Nicht nur Berater machen Fehler, einige Produkte sind per se nicht für alle Anleger geeignet. Vor welchen Produktklassen die Verbraucherschützer warnen.

Geschlossene Fonds

Die Kundenvertreter warnen vor den Beteiligungsmodellen des grauen Kapitalmarktes, bei denen grundsätzlich ein „sehr hohes Verlustrisiko“ bestehe. Das betrifft etwa Beteiligungen an Immobilien, Schiffen oder unternehmerischen Aktivitäten. Eine staatliche Aufsicht sei kaum vorhanden, die Kosten wenig transparent und die Vertriebsprovisionen hoch. Das Fazit: „Generell sollten Sie von solchen Kapitalanlagen die Finger lassen“.

Zertifikate

Auch von dieser Produktklasse raten die Verbraucherzentralen pauschal ab: „Meist werden Zertifikate von Banken gestrickt, um schnell auf einen modischen Anlagetrend aufspringen und den Kunden entsprechende Anlageprodukte verkaufen zu können“. Die Komplexität sei von Laien vielfach nicht nachvollziehbar. Das Fazit: „Anlagezertifikate sind Modeerscheinungen, auf die Sie ohne Not verzichten können“.

Fondsgebundene Versicherungen

Diese Anlageform soll ausschließlich dem Verkäufer nützen der „in den komplizierten Konstruktionen hervorragend jede Menge Kosten verstecken kann“. Das Fazit: Lieber gleich einen Fonds kaufen.

Außerbörsliche Wertpapiere

Eine Warnung gibt es auch vor Spezialpapieren. „Wenn ein Wertpapier nicht von einem renommierten Herausgeber stammt und ganz offiziell an der Börse gehandelt wird, sollten Sie es auf gar keinen Fall Kaufen“, raten die Verbraucherschützer. Die Erfahrung hätte gezeigt, dass die Ausfallrisiken höher und die Renditechancen niedriger seien. Das Fazit: Finger weg.

Wettgeschäfte

Zocker müssen wissen was sie tun – oder es besser lassen. Derivate, Optionsscheine oder Termingeschäfte bergen das Risiko des Totalverlustes. Hier sei es wie im Lotto. „Die allermeisten verlieren Geld, und
nur ganz wenige sind auf der Gewinnerseite“. Fazit: Nur für vermögende Glücksritter.

Quelle: Schwarzbuch Banken von der Verbraucherzentrale NRW

Allein bei der Benennung der Sieger soll es aber nicht bleiben. In Kürze will Giegold mit der Europäischen Finanzaufsichtsbehörde ESMA über die Gewinnerprodukte diskutieren. Die ESMA könne dann der EU-Kommission eine strengere Regulierung oder ein Verbot vorschlagen.

Mit dabei sollen auch die Jury-Mitglieder sowie die Einreicher der Vorschläge sein. Die Nahrungsmittelfonds waren von dem Münchener Verein „Geld und Sinn“ vorgeschlagen worden, der sich für ethisch-ökologische Finanzbildung einsetzt. Der nominierte Fonds „DB Platinum Agriculture Euro“ der Deutschen Bank soll stellvertretend für die gesamte Produktgruppe stehen.

Kommentare (23)

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Leser

15.03.2013, 15:01 Uhr

Liebes Handelsblatt,

müsst ihr hier dem "Beissreflex" eines linken Pauschalisierers wie Hr. Giegold auch noch ein Forum bieten?
Der gute Mann ist doch weder inhaltlich noch fachlich in der Lage die Produkte zu beurteilen. Solche politischen Spielchen von Gerngross Giegold haben in einer seriösen Wirtschaftszeitung nichts verloren. Die vermeidlichen Experten der Jury waren doch allesamt Attac "Aktivisten" oder ähnliches. Eine solche unseriöse Berichterstattung hätte es zu Zeiten von Herrn Ziesemer nicht gegeben. Ihr solltet aufpassen, dass das Handelsblatt nicht langsam zu einer FTD 2 verkommt.... echt schade.

JFR

15.03.2013, 15:25 Uhr

"In der Kategorie „Produkte, die Verbraucher oder Investorinnen schädigen“ votierten knapp 47 Prozent der rund 2000 Teilnehmer für Kreditausfallversicherungen (CDS) auf Staatsanleihen aus Schwellenländern."
Investoren dürfen sich nun nicht mehr absichern und Schwellenländer keine Anleihen mehr aufnehmen! Vielleicht zahlen wir bald mit Steinen oder führen den Tauschhandel wieder ein!

Account gelöscht!

15.03.2013, 15:43 Uhr

Eigentlich gehörten auch die Subventionen für erneuerbare Energien auf diese Liste, denn sie schädigen per Stromrechnung alle Verbraucher, die nicht das Geld haben um sich beim großen Subventionsgelage einzukaufen.

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