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25.06.2014

10:16 Uhr

Ex-Wölbern-Chef

Erst der Luxus, dann die U-Haft

VonKatharina Schneider, Michael Brächer

Heinrich Maria Schulte, der ehemalige Chef des Hamburger Fondshauses Wölbern, leistete sich einst teure Gemälde, Uhren und Wein. Doch für Anleger gibt es bei ihm wenig zu holen.

Heinrich Maria Schulte: Der ehemalige Wölbern-Chef dürfte pleite sein. dpa

Heinrich Maria Schulte: Der ehemalige Wölbern-Chef dürfte pleite sein.

Düsseldorf/FrankfurtKein Andy Warhol an der Wand, keine Weinsammlung im Keller und keine Kostbarkeiten im begehbaren Bankschließfach. Stattdessen: eine Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg. Heinrich Maria Schulte ist tief gefallen. Der Medizinprofessor und ehemalige Chef des Fondshauses Wölbern hatte einmal das, was Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin jetzt als „aufwendige Lebensführung“ bezeichnet. In seinem Gutachten zu Schultes Privatinsolvenz, das Handelsblatt Online vorliegt, listet der Anwalt genau auf, über welche Vermögen der Mediziner verfügte.

Rund 100 Gemälde soll er gesammelt haben, davon etwa 70 wertvolle, beispielsweise von Chagall und Kluge. Doch die hat Schulte lange nicht mehr gesehen, denn er ist bereits seit vergangenem September in Untersuchungshaft. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßige Untreue vor. Er habe unrechtmäßig rund 147 Millionen Euro aus den Wölbern-Fonds abgezweigt. Ihm drohen bis zu zehn Jahre im Gefängnis.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Schultes Anwalt wollte sich dazu gegenüber dem Handelsblatt nicht äußern. Im Prozess vor dem Hamburger Landgericht hatte Schulte selbst die Vorwürfe schon am zweiten Verhandlungstag zurückgewiesen. Die Entnahmen seien nur ein Teil eines größeren Gesamtbilds, es sei auch Geld an die Fonds zurückgeflossen. „Ich habe mich weder privat bereichern noch Anleger vorsätzlich schädigen wollen“, hatte der 60-Jährige damals gesagt. Am heutigen Mittwoch steht ein weiterer Verhandlungstag in dem Strafprozess an.

Was genau Schulte sein Eigen nannte, dürfte viele Anleger schockieren. Allein die Gemäldesammlung soll einen geschätzten Wiederbeschaffungs- beziehungsweise Versicherungswert von mehr als 1,12 Millionen Euro haben.

Die größten Wölbern-Fonds im Überblick.

Die größten Wölbern-Fonds im Überblick.

Für die sogenannte freie Masse, also das noch verfügbare Vermögen, veranschlagt Penzlin davon „aus Gründen kaufmännischer Vorsicht“ zunächst einmal die Hälfte. Außerdem hat wohl eine von Schultes drei Exfrauen Ansprüche an dem „Portrait of a Lady“ von Andy Warhol geltend gemacht.

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