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07.03.2012

15:04 Uhr

Finanzaufsicht

Verbraucherschützer attackieren Finanz-Tüv

Die Stiftung Warentest soll nach dem Willen der Bundesregierung Geldanlageprodukte zertifizieren. Die Verbraucherschützer laufen Sturm gegen diese Regelung. Obwohl sie die Stiftung selbst kontrollieren.

Gerd Billen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, wettert gegen den "Finanz-Tüv". dapd

Gerd Billen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, wettert gegen den "Finanz-Tüv".

Die wichtigsten Verbraucherschützer Deutschlands fahren schweres Geschütz auf. Nachdem die Bundesregierung am Dienstag in einem Spitzengespräch der Koalitionsspitzen vereinbarte, nun 1,5 Millionen Euro für eine Art „Finanz-Tüv“ bei der Stiftung Warentest zur Verfügung zu stellen, reagierte der Vorstand der Deutschen Verbraucherzentralen harsch.

„Das ist eher ein Gesetzentwurf zur Schwächung der Finanzaufsicht aus Verbrauchersicht“, kritisierte Gerd Billen. „Er gehört in die Tonne.“ Die privaten Kunden von Banken und Versicherungen würden von der Regierung weiterhin alleingelassen. Der oberste Verbraucherschützer forderte prompt „eine Finanzaufsicht mit Biss“ und einen starken Finanzmarktwächter. Der bisherige Plan der Regierung genüge Verbraucherinteressen nicht und sei mangelhaft. Auch für eine bessere unabhängige Finanzberatung privater Kunden tue die Koalition zu wenig. Die seit 2010 geforderten Protokolle in der Anlageberatung schützten eher die Anbieter von Produkten vor Haftung als die Verbraucher.

Gerd Billen fordert mehr Geld: Für eine auch nur ansatzweise angemessene Beratung und Marktbeobachtung seien zehn Millionen Euro nötig. So könnten die Verbraucherverbände nicht die Rolle eines effizienten Finanzmarktwächters übernehmen. Billen sitzt im Verwaltungsrat der Stiftung Warentest, ernennt und kontrolliert den Vorstand der unter Kanzler Konrad Adenauer gegründeten Organisation.

Das Problem: Selbst mit dieser Summe dürfte die Stiftung Warentest bei der Bewertung der Geldanlage- und Versicherungsprodukten überfordert sein. Deutsche Privatanleger können aktuell unter knapp einer Millionen Zertifikaten wählen. Dazu kämen zehntausende Fonds, Versicherungsverträge, Bausparverträge und verklausulierte Tagesgeldkonten um nur einige Beispiele zu nennen.

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Kunden sollen Fehler ihrer Banken melden. Das fordert Deutschlands erster Verbraucherschützer Gerd Billen. Wie er gegen die Institute vorgehen möchte und was für die Kunden rausspringen soll verrät er im Interview.

Für viele Bereiche gibt es spezialisierte Analysehäuser, wie beispielsweise Morningstar bei den Fonds, Morgen & Morgen bei den Versicherern oder die FMH-Finanzberatung bei Zinsprodukten. Bis die Stiftung aus eigener Kraft in allen Anlageklassen aussagekräftige Bewertungen abliefern könnte, dürften Jahre vergehen. Die bisherigen Tests dürften dafür kaum ausreichen.

Noch gravierender dürfte aber eine andere Tatsache sein. Die Stiftung Warentest hat keinerlei Handhabe gegen die schwarzen Schafe der Geldanlage. Noch wichtiger als mehr Geld sind Billen deshalb zunächst neue Strukturen. Die Bundesregierung würde an die „wirklichen Dinge“ nicht herangehen. „Die angekündigte Reform der Finanzaufsicht fällt ins Wasser“, kritisierte Billen. Bei der obersten Finanzaufsicht Bafin gebe es keinen Verbraucherschutz. Der Finanzminister könne sich einfach um diese Aufgabe herumdrücken. Nur die Aufsicht könnte schmerzliche Sanktionen verhängen.

Kommentare (6)

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Klare_Kante

07.03.2012, 15:39 Uhr

Es wird Zeit, daß endlich die Interessen der Bevölkerung oberste Priorität haben und nicht das Renditestreben von Finanzjongleuren. Einfache Lösung: Alle Anlageprodukte die ein Ausfallrisiko von 10-20% des eingezahlten Kapitals haben müssen im Beratungsprotokoll mit einem riesigen roten Punkt versehen werden. Anlagen mit höherem Risiko mit einem schwarzen Totenkopf. Wer dann noch so dumm ist in solchen Anlagen zu investieren, selbst Schuld. Verkäufer, die sich an diese Regelung nicht halten müssen im Schadensfall den 100.000-fachen Wert des Schadens als Schaderersatz zahlen. Dann haben die schwarzen Schafe der Branche endlich mal etwas Feuer unterm Hintern.

Marion

07.03.2012, 16:37 Uhr

@Anonymer Benutzer

Und du meinst, dann nehmen alle die Anlageprodukte mit dem großen grünen Punkt. Die mit der 90%igen Sicherheit und dem 0,50%igen Zins? Sogar Gretl und Pletl wissen, dass je höher der Zins desto größer das Risiko ist. Ob ein großer roter Punkt oder ein Totenkopf das Verhalten ändern wird?

Account gelöscht!

07.03.2012, 16:48 Uhr

Um einen platten Reifen herum montiert man keinen, der den Platten stützt oder kontrolliert. Man tauscht ihn aus.

Nicht Finanztest ist Lösung sondern das Verbot für Hinterlistige Produkte.

Finanzprodukte, die ihren wahren Inhalt verschleiern haben auf dem Markt nichts zu suchen. Einfachheit und Klarheit sind gefragt. Produktergonomie für die jeweilige Zielgruppe muß gegeben sein.

Es darf nicht als Leistung gelten, wenn man Produkte so verpakt und juristisch einkleidet, dass sie keiner versteht. Das eher Betrug als eine Leistung.

Leider kristallisiert sich an manchen Schaltstellen der Wirtschaft eine Elite heraus, die nichts reales leisten will, da sie sich auf Verschleierung besser versteht und nach dem Motto lebt: Jeden Tag steht ein Dummer auf, man muß ihn nur finden. Die Einstellung ist nicht einmal bei Autohändlern akzeptabel und schon garnicht bei Bankern.

Wer macht die Regeln im Markt. Die Regierung - wer sonst. Die Verlagerung der Verantwortung in die Wirtschaft über eine Selbstkontrolle oder Zertifikategesellschaften ist Schwachsinn! Das funktioniert ja auch nicht bei Geschwindigkeitsbegrenzungen.

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