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03.07.2014

07:33 Uhr

Finanzbildung

„Ein Haushalt ist keine Bagatelle“

VonKatharina Schneider

Hier ein Handyvertrag, da ein Kredit – schnell können auch junge Erwachsene in die Miesen geraten. Zwei Haushalts- und Verschuldungsexperten erklären, warum Wirtschaft jeden betrifft und wie man Haushalten lernt.

Man kann Geld nur einmal ausgeben - weiß der Volksmund. Doch durch Kredite ändert sich der Verhältnis zum sparsamen Wirtschaften. dapd

Man kann Geld nur einmal ausgeben - weiß der Volksmund. Doch durch Kredite ändert sich der Verhältnis zum sparsamen Wirtschaften.

Konten eröffnen, Kredite beantragen und Verträge abschließen. Wann immer Verbraucher in Deutschland auf diese Art am Finanzsystem teilnehmen, landen Sie in der Datenbank der Schufa. Das gilt auch für junge Erwachsene. Mit ihrem Informationsmaterial „Schufa macht Schule“, will die Wirtschaftsauskunftei Finanzwissen vermitteln. Mitverantwortlich für die Hefte ist Michael-Burkhard Piorkowsky, Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn. Gemeinsam mit Serena Holm von der Schufa erklärt er, wie gute Finanzbildung aussehen muss.

Heute kaufen, später zahlen – Kredite nutzen auch junge Erwachsene gerne. Bei der Rückzahlung schneiden sie jedoch etwas schlechter ab als der Durchschnitt der Kreditnehmer. Droht hier ein Überschuldungsproblem?
Holm: Wir haben auf keinen Fall ein Problem mit überschuldeten Jugendlichen. Ihre durchschnittliche Rückzahlungsquote ist nicht mal einen Prozentpunkt schlechter als die Quote insgesamt – 96,6 zu 97,5 Prozent. Junge Erwachsene können sehr gut mit Geld und den neuen kreditbasierten Geschäften wie Mobilfunk und E-Commerce umgehen. Zudem zeigt eine aktuelle Umfrage, dass für Jugendliche Sparen noch immer einen hohen Stellenwert hat.

Ablauf der Privatinsolvenz

Außergerichtlicher Einigungsversuch

Bevor die Privatinsolvenz beantragt werden kann, müssen Schuldner versuchen, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen. Dabei können sie auch Unterstützung der Schuldnerberater erhalten.

Antragstellung beim Insolvenzgericht

Ist der außergerichtliche Einigungsversuch gescheitert, kann der Verbraucher einen Insolvenzantrag stellen. Diesem muss er die Bescheinigung einer geeigneten Stelle oder Person beilegen, die bestätigt, dass sein außergerichtlicher Einigungsversuch tatsächlich gescheitert ist.

Schuldenbereinigungsverfahren

Unter Umständen kann mit Unterstützung des Gerichts ein weiterer Versuch einer Einigung mit den Gläubigern unternommen werden.

Insolvenzverfahren

Das eigentliche Insolvenzverfahren beginnt mit der Feststellung der Vermögens- und Schuldensituation und gegebenenfalls der Verwertung vorhandenen pfändbaren Vermögens.

Insolvenzplanverfahren

Eventuell kann sich ein Insolvenzplanverfahren anbieten. Dabei können Verbraucher eine Art Sanierungsfahrplan aufstellen und darin individuell festlegen, welche Quote sie an die Gläubiger zahlen und wie viel Zeit sie dafür benötigen. Gericht und Gläubiger müssen dem Plan zustimmen.

Wohlverhaltensphase

Während dieser Phase muss der Schuldner sein pfändbares Einkommen an den Insolvenzverwalter abtreten. Er ist verpflichtet, jede zumutbare Arbeit anzunehmen und muss dem Gericht und Insolvenzverwalter wesentliche Veränderungen mitteilen. Die Wohlverhaltensphase beginnt mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens und dauert sechs Jahre. Unter bestimmten Umständen kann sie auf fünf oder drei Jahre reduziert werden.

Dennoch setzen Sie sich für eine bessere Finanzbildung ein. Wo genau liegt das Problem?
Piorkowsky: Die Herausforderungen an die jungen Erwachsenen sind gestiegen. Früher war das Leben stärker vorbestimmt, wer einen Studienabschluss gemacht hat, konnte sicher sein, einen dauerhaften Job zu finden. Heute ist das nicht mehr so. Es gibt viele neue Möglichkeiten, zugleich fehlt es aber an Erfahrungswerten, so dass sogar die Eltern häufig keinen Rat geben können.

Was meinen Sie konkret?
Piorkowsky: Die Menschen müssen heute schon früher wichtige Entscheidungen treffen: Wie finde ich eine Wohnung, wie teile ich mein Geld ein, was muss ich beim Abschluss von Verträgen beachten, wie sorge ich für das Alter vor? Viele dieser Entscheidungen müssen immer wieder überprüft und an die veränderte persönliche Situation angepasst werden. Ein Haushalt ist keine Bagatelle.

Michael-Burkhard Piorkowsky ist Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn.

Michael-Burkhard Piorkowsky ist Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn.

Selbst entscheiden zu können, ist aber auch etwas Positives.
Piorkowsky: Ja, und genau das muss man den jungen Leuten klarmachen. Es gibt zwar einige Dinge, um die sie sich kümmern müssen, aber zugleich sollten sie sich selbst als wichtigste Akteure bei der Gestaltung ihres Lebens verstehen – und als Teil der Wirtschaft. Wirtschaft hat nicht nur etwas mit Unternehmen zu tun, sondern mit jedem Einzelnen. ‚Wirtschaft, das bin ich‘ sollte ihr Credo lauten.

Kommentare (7)

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Herr Ylander Ylander

03.07.2014, 08:11 Uhr

Niemals Verbraucherkredite aufnehmen das ist eine elementare ökonomische Weisheit.

Account gelöscht!

03.07.2014, 08:48 Uhr

Buchführung, Wirtschaftlichkeit, Marktwirtschaft, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung spielt doch im sozialistischen Deutschland keine Rolle mehr.
Die soziale Hängematte fängt doch jeden in Deutschland auf...NOCH AUF!
Mit dem ESM und dem EEG wird bereits am Industrie- und Wirtschaftsstandort Deutschland gesägt. Und dies immer schneller. Und wo keine Industrie und Wirtschaft, da kein Sozialstaat bzw. soziale Hängematte mehr. So einfach ist das!

Herr Markus Bullowski

03.07.2014, 08:55 Uhr

Wenn es möglich ist, sollte man versuchen, die monatlichen Basisbelastungen (Miete, Heizen, Strom, Mobilität, Handyvertrag...) niedrig zu halten. Das gibt einem mehr Sicherheit, weil man notfalls eben nicht soviel braucht - und man fühlt sich "reicher", weil man mehr Geld zur freien Verfügung hat. Dann lieber eine kleinere Wohnung und der Verzicht auf ein Auto.

Ein Tipp ist auch, die Kosten für Mobilität und Wohnung gemeinsam zu betrachten und die Kosten eines Autos realistisch zu sehen (inkl. Benzin, Versicherung, Wertverlust und Reparaturen). Wenn man dafür kein Auto benötigt, ist es oft besser, näher am Arbeitsplatz zu wohnen, selbst wenn man dann für die Wohnung ein bisschen mehr zahlen muss.

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