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15.05.2012

13:33 Uhr

„Finanztest“-Studie

Schwere Beratungsfehler bei Ratenkrediten

Die Zeitschrift „Finanztest“ hat die Kreditberatungen von Banken getestet – mit erschreckendem Ergebnis: Keine Bank erfüllte ihre Aufgabe. Oft wurden den Kunden sogar gesetzlich vorgeschriebenen Infos vorenthalten.

In der Kritik: Kreditberatungen bei Filialbanken. dpa

In der Kritik: Kreditberatungen bei Filialbanken.

BerlinDie Kreditberatung bei vielen Filialbanken ist laut einer Untersuchung der Stiftung Warentest katastrophal. Filialbanken behinderten Kunden beim Kreditvergleich und schädigten häufig ihre Kreditwürdigkeit, erklärten die Verbraucherexperten am Dienstag in Berlin. Keine der zwölf getesteten Filialbanken erfüllte demnach ihre Aufgabe. Zehn fielen komplett durch, zwei Filialbanken erhielten lediglich die Note „ausreichend“.

Für die Zeitschrift „Finanztest“ (Juni-Ausgabe) wurden insgesamt 85 Kreditangebote in Höhe von 4000 Euro bei zwölf Filial- und fünf Direktbanken getestet. Das Ergebnis ist nach Angaben der Tester „niederschmetternd“. Den Kreditangeboten der Filialbanken fehlten demnach oft die gesetzlich vorgeschriebenen Informationen, die dem Kunden einen Vergleich verschiedener Angebote ermöglichen. Stattdessen seien Tester im Einzelfall mit dem Hinweis abgefertigt worden, die neue Software könne die Angebote leider nicht ausdrucken oder die Ausdrucke seien gar verboten.

Außerdem beschädigten einige Bankberater laut Warentest die Kreditwürdigkeit der Kunden durch falsche Anfragen bei der Schufa, der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung. Als Folge davon wird es für den Betroffenen entweder deutlich teurer, Geld zu leihen oder er erhält gar kein Kreditangebot mehr.

Einige Banken im Test beharrten darüber hinaus auf dem Abschluss einer Restschuldversicherung, die bei der geringen Kreditsumme laut "Finanztest" allerdings verzichtbar ist. Durch eine solche Versicherung habe sich zum Beispiel in einem Fall der Zins von 9,99 Prozent auf satte 19,33 Prozent erhöht.

Ein Lichtblick sind laut Warentest dagegen die Direktbanken: Vier von fünf getesteten Instituten schnitten „sehr gut“ ab. Eines war „ausreichend“. Die Direktbanken haben das Erstellen von Kreditangeboten in der Regel automatisiert.

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„Finanztest“-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen bezeichnete das Testergebnis als „Katastrophe“. So hätten Filialbanken in vielen Fällen nicht nur Gesetze missachtet, unnötig Zinsen hochgeschraubt und die Kreditwürdigkeit von Kunden geschädigt. Die Banken hätten zugleich dokumentiert, „dass sie die Information ihrer Kunden nicht ernst nehmen“, erklärte Tenhagen.

Dies aber sei ein wesentlicher Eckpfeiler des Verbraucherschutzes auf den Finanzmärkten. Er warf den Banken vor, die politischen Bemühungen, durch mehr und bessere Informationen das Vertrauen der Kunden in das Finanzsystem wieder herzustellen, zu untergraben.

Die wichtigsten Urteile zur Falschberatung

Beratung ohne

Die Gerichte müssen sich immer wieder mit dem Thema fehlerhafte Anlageberatung beschäftigen. Die Fälle sind immer individuell. Eine Auswahl von richtungsweisenden Urteilen für verschiedene Lebenslagen zeigt, welche Chancen Opfer von falscher Beratung haben.

Versteckte Kosten

Bankberater, die eine Anlageempfehlung aussprechen, müssen alle Provisionen offen legen, die sie erhalten. Dazu gehören sämtliche Rückvergütungen, der Ausgabeaufschlag, einmalige Provisionen oder zum Beispiel Bestandsprovisionen aus der laufenden Managementgebühr. Werden nicht sämtliche Provisionen offengelegt, kann der Anleger Schadensersatz geltend machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 56/05)

Provisionen offenlegen

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs müssen Banken über Provisionen aufklären, die sie beim Verkauf von Anlageprodukten erhalten. Wenn die Bank nicht ausreichend informiert hat, können Privatanleger auch nach Ablauf der Verjährungsfrist von drei Jahren das Geschäft rückgängig machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 586/07)

Mangelnde Auskunft

Will ein Kunde Anleihen kaufen, muss der Berater bei Auslandsanleihen über das Risiko des Zahlungsausfalls informieren. Wenn er dieser Pflicht nicht nachkommt oder Bedenken des Anlegers nicht ernst nimmt, ist die Bank schadensersatzpflichtig. Im behandelten Fall hatte das Geldhaus der Klägerin Argentinien-Anleihen empfohlen, obwohl diese auf eine sichere Geldanlage Wert gelegt hatte. Oberlandesgericht Bamberg (Aktenzeichen: 5 U 246/05)

Kritische Presseberichte

Berater müssen darüber informieren, wenn in der Presse Kritik an einem bestimmten Finanzprodukt laut wird. Die Bank muss ihre Geldhäuser darüber in Kenntnis setzen, wenn sich in der anerkannten Wirtschaftspresse derartige Berichte häufen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 89/07)

Begrenzte Einlagensicherung

Banken, die ihren Kunden nur eine begrenzte Absicherung der Einlagen bieten können, müssen darüber informieren. Der Bundesgerichtshof hat in diesem Fall die Rechte von Bankkunden gestärkt. Die Geldinstitute müssen ihre Kunden unmissverständlich darauf hinweisen, wenn ihre Spareinlagen nur bis zur Höhe der gesetzlichen Einlagensicherung geschützt sind. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen: XI ZR 152/08 und XI ZR 153/08)

Schadenersatzansprüche wegen Falschberatung

Die Deutsche Bank muss 540.000 Euro Schadenersatz an einen mittelständischen Unternehmer bezahlen, dem sie zum Kauf von hochspekulativen Zinswetten geraten hat, ohne vorher im notwendigen Umfang beraten und aufgeklärt zu haben. Der Kunde investierte in ein hochkomplexes Swap-Geschäft und die Zinsen entwickelten sich anders als erwartet. Das Gericht sah zudem einen Interessenkonflikt der Bank. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen XI ZR 33/10)

Haftung einer Direktbank

Wenn ein Anleger einen Depotvertrag mit einer Direktbank abschließt, entscheidet er sich bewusst gegen das klassische Angebot einer Filialbank. Gibt eine Direktbank eine Empfehlung, so muss diese transparent und richtig sein. Eine Verpflichtung zu einer umfassenden und vollständigen Anlageberatung ergibt sich daraus nicht. Amtsgericht München (Aktenzeichen 111 C 24503/09)

Vermittler haften

Anlagevermittler müssen Immobilienfonds auf Wirtschaftlichkeit überprüfen hinweisen. So müssen sie das Anlagekonzept zumindest auf Plausibilität hin prüfen. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen III ZR 144/10)

Aufklärungspflicht beachten

Das Landgericht Frankfurt bestätigt seine Rechtsprechung, wonach eine Aufklärungspflicht über die Vertriebsvergütung besteht und andernfalls eine Schadensersatzpflicht vorhanden ist.
Landgericht Frankfurt (Aktenzeichen 2-190 116/09)

Telefonisch beraten

Wenn bei einer Anlageberatung Twin-Win-Zertifikate empfohlen werden, muss über das Rückzahlungsszenario bei Berühren oder Unterschreiten der Sicherheitsschwelle unterrichtet werden. Zudem muss die Bank auch über ein vorzeitiges Kündigungsrecht des Emittenten aufklären. Die Beratung erfolgte telefonisch. Über das komplexe Produkt muss aber auch mit schriftlichem Material aufgeklärt werden, so das Gericht. Oberlandesgericht Frankfurt (Aktenzeichen 17 U 207/09)

Der Verbraucherzentrale Bundesverband meldet sich ebenfalls zu Wort. „Die Banken setzen darauf, dass keiner hinschaut. Die Regierung muss die Finanzaufsicht in die Lage versetzen, den Unternehmen auf die Finger zu hauen“, fordert vzbv-Vorstand Gerd Billen. Seit Sommer 2010 hätten Verbraucher einen Anspruch darauf, vor einem Vertragsschluss über das potenzielle Kreditprodukt individuell informiert zu werden, um Angebote vergleichen zu können. Die Bundesregierung müssen dafür endlich Sorge tragen. Der Verband plant, die EU-Kommission über Mängel in diesem Bereich offiziell informieren.

Die ersten Banken kündigen Konsequenzen an. Ein Sprecher der ING-Diba teilte mit: „Wir sind von dem schlechten Ergebnis überrascht. Unsere Prozesse sind klar strukturiert. Wir werden kurzfristig prüfen, wo es gehakt hat und den Fehler beseitigen.“ In dem Test erhielt die Kreditberatung der ING-Diba nur die Note „ausreichend“. Die vier anderen Internetbanken im Test schnitten mit der Bestnote „sehr gut“ ab. Die ING-Diba geht nach
einer ersten Prüfung von einem individuellen Fehler aus: Angeblich wurde der Kredit bei der Kreditauskunftei Schufa gemeldet, obwohl er nicht ausgezahlt worden war.

Von

afp

Kommentare (18)

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RamonGaluptra

15.05.2012, 13:20 Uhr

Die Banken lügen, betrügen und zocken ihre Kunden ab? Echt jetzt? Hätte ich nicht für möglich gehalten...

Account gelöscht!

15.05.2012, 13:44 Uhr

VOGELFREIE MARKTWIRTSCHAFT

führt zu solchen Ergebnissen.

Der ständige Konkurrenzdruck, ausgelöst durch überbesetzte Märkte und über die besseren Möglichkeiten Preise zu vergleichen, lässt die Unternehmen irgendwann zu unseriösen Mitteln greifen. Ich kenne das zu Hauf aus der Praxis. Jeder kämpft um seine Einkunftsquelle mit allen legalen und früher oder später wenn nötig eben auch illegalen Mitteln.

Unabhängige Politiker (ausgestorben) müssen die Wirtschafts klug zügeln um Exzesse zu vermeiden.

Es muss ein vernüftiger Mittelweg gefunden werden.

Nur scheint es dafür zu spät zu sein.

Account gelöscht!

15.05.2012, 13:58 Uhr

Zumindest das Thema falsche Schufa-Einträge wäre ganz einfach zu lösen (und das betrifft nicht nur Banken, sondern auch Telekommunikationsunternehmen, Einzelhandel, etc.):

- Kreditanfrage statt bloße Bonitätsanfrage gestellt (siehe Artikel): Pauschal-Entschädigung 200 Euro an den Betroffenen

- Eintrag eines fällig gestellten Betrages, obwohl dieser strittig ist (oft durch Inkasso-Büros etc. fehlerhaft veranlasst): Pauschal-Entschädigung 1.000 Euro an den Betroffenen

- Vergessen, einen bereits getilgten Kredit, ein bereits abgemeldetes Girokonto oder einen nichht mehr existierenden Handy-Vertrag als nicht mehr existent anzugeben: Pauschal-Entschädigung 100 Euro an den Betroffenen

u.s.w.

Also ein Bußgeldkatalog, bei dem der Betroffene pauschal entschädigt wird.

Dann hört diese Schlamperei ganz schnell auf.

Es gibt einfache Lösungen!!!

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