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06.11.2014

09:33 Uhr

Geldanlage

Prokon-Anleger müssen sich entscheiden

VonGertrud Hussla

Wer in Genussrechte von Prokon investiert hat, hat die Qual der Wahl. Die Anleger können bald Eigentümer von Prokon werden - oder sich auszahlen lassen. Die Entscheidung dürfte nicht leicht fallen.

Sanierungsfall: Der Windanlagenfinanzierer Prokon. dpa

Sanierungsfall: Der Windanlagenfinanzierer Prokon.

„Für ein solidarisches und offenes Miteinander“ stehe Prokon, heißt es im letzten Rundbrief des insolventen Windparkbetreibers an seine Anleger. Nun müssen die 75.000 Genussrechtsinhaber des Pleitekonzerns entscheiden, ob sie ihn kaufen wollen oder lieber möglichst viel Bares sehen möchten. Dann müssten die Privatanleger professionellen Investoren das Feld überlassen, der Konzern würde verkauft. Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin bereitet jetzt für beide Wege parallel jeweils einen Insolvenzplan vor, teilte er am Mittwoch mit.

„Die erste Variante sieht vor, das Genussrechteinhaber Eigentürmer von Prokon werden können“, heißt es in der Mitteilung für die Presse. „In Variante Zwei würden alternativ die Anteile an einen Investor veräußert“. Akuter Handlungsbedarf besteht noch nicht. „Ich werde die Anleger erstmals Ende 2014 anschreiben, um ihre – grundsätzliche – Bereitschaft abzufragen", erklärt Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin . "Wenn die Bereitschaft bei einer ausreichenden Zahl vorhanden ist, werde ich Anfang 2015 die Anleger erneut kontaktieren, um – dann rechtsverbindlich – deren Übernahmebereitschaft zu ermitteln.“

Recht + Steuern

Die Pressemitteilung für Prokon-Anleger

Rund 1,5 Milliarden Euro Schulden hat Prokon angehäuft. Der größte Teil davon, 1,4 Milliarden Euro, besteht aus Genussrechten der Sparer. Banken spielen bei Prokon kaum eine Rolle. Sicher ist den Anlegern jetzt schon eine Quote von rund 35 Prozent ihres Einsatzes. Denn die bestehenden Windparks von Prokon sind rund 560 Millionen Euro wert.

Die Genussrechte der Anleger sollen nach einem entsprechenden Schnitt in mit den Windparks besicherte Anleihen verwandelt werden. Ein Teil der Forderungen soll in beiden Varianten in eine handelbare Anleihe gewandelt werden. Zins und Tilgung sollen die Prokon-Windparks erwirtschaften. Anleger sollen die Option haben, die Anleihen an der Börse verkaufen zu können.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Zu erwarten sind zusätzlich aber auch Barausschüttungen. Sie sollen aus den Verkäufen von Unternehmensteilen kommen, die nicht zum Kerngeschäft von Prokon gehören. Darunter Wälder in Rumänien und eine Ölmühle in Magdeburg. Sollten genügend Anleger bereit sein, diese Barausschüttungen im Unternehmen zu lassen, könnten die privaten Sparer auf diese Weise potenzielle Investoren überbieten und den Konzern übernehmen. Penzlin strebt an, das Insolvenzverfahren in der ersten Hälfte 2015 abzuschließen.

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