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05.11.2012

13:49 Uhr

Gerichtsurteil

S&P muss für falsches Rating zahlen

Die US-amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's hat Investoren mit einem falschen Rating in die Irre geführt. Das hat ein Gericht in Australien entschieden. Die Ratingagentur muss nun Schadenersatz zahlen.

Der Schriftzug von Standard & Poor's an der Unternehmenszentrale in New York. dpa

Der Schriftzug von Standard & Poor's an der Unternehmenszentrale in New York.

BerlinDie US-Ratingagentur Standard & Poor's muss eine Reihe von australischen Kleinstädten entschädigen, die durch den Wertverfall von Finanzprodukten mit Top-Bewertungen Millionen verloren hatten.

Die Bewertung der Papiere der Großbank ABN Amro mit der Bestnote AAA sei "irreführend und trügerisch" gewesen, erklärte das australische Bundesgericht - das höchste Gericht des Landes - am Montag. Es verurteilte Standard & Poor's, ABN Amro sowie die Firma LGFS, die den Gemeinden die Finanzprodukte verkauft hatte, zu einer Entschädigungszahlung von 30 Millionen australischen Dollar (24 Millionen Euro).

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Es sei das erste Mal, dass eine Ratingagentur auf diese Weise für die Folgen ihrer Beurteilung der Bonität eines Finanzprodukts zur Verantwortung gezogen werde, sagte Wirtschaftsprofessor Harald Scheule von der University of Technology (UTS) in Sydney der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Ende 2006 hatten 13 australische Kleinstädte, die vor allem vom Bergbau und der Landwirtschaft leben, die Finanzprodukte gekauft. Sie investierten damals zusammengerechnet 16 Millionen australische Dollar. Obwohl ihnen LGFS versichert hatte, dass das Verlustrisiko bei weniger als einem Prozent liege, verloren sie letztlich mehr als 90 Prozent ihres investierten Kapitals. Standard & Poor's, ABN Amro und LGFS müssen den Gemeinden das verlorene Geld nun zu je einem Drittel zurückzahlen und ihnen zusätzlich Zinsen auf die Summe zahlen.

Die Entscheidung des australischen Bundesgerichts dürfte weltweite Auswirkungen haben, am meisten womöglich in Europa und den USA, sagte der Anwalt der Gemeinden, Piper Alderman. Ratingagenturen könnten sich nicht länger hinter einem Haftungsausschluss verstecken. S&P zeigte sich dagegen "enttäuscht" und kündigte an, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen.

Kommentare (10)

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Sebastian

05.11.2012, 09:09 Uhr

Ein gerechtes Urteil ,wenn auch so vermutlich so nur außerhalb der USA möglich.Denn das zwischen den selbstherrlichen Agenturen und den USA ein stillschweigender Nichtangriffspakt besteht ,ist unverkennbar.
Probleme gibt es nur in Europa,das ist klar!Na ja wer´s glaubt....!
Übrigends,ist Ihnen aufgefallen das die FED jetzt in großem Stil hypothekengesicherte Wertpapiere den Banken abkauft.40 Mrd US-Dollar pro Monat.In etwa die Summe wurde vor der Finanzkrise "AAA" versehen an europäiche Banken verkauft,was später diesen Instituten Milliardenverluste bescherte.Da das Weiterverkaufen außerhalb der USA nun nicht mehr möglich ist,muss die eigene Zentralbank einspringen.Das Positive daran:platzt nun die nächste Immoblase-bleiben die USA nun selbst im großen Stil drauf sitzen.Eine Dollarentwertung und Inflation größerem Ausmaßes ist dann die Folge dieser expansiven Geldpolitik.

manaslu

05.11.2012, 09:31 Uhr

Guter Kommentar - sicherlich wäre das in den USA unmöglich.Zynisch könnte man "Sandy" als Hinweis/Beweis verwenden, dass es keine irdische Weltmacht gibt...

iwa-eam

05.11.2012, 09:49 Uhr

ihr bericht hat mir sehr gefallen. ich wünschte mir, dass mehr so nachdenken würden wie sie :-)

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