Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.07.2014

16:33 Uhr

Grundsätzliche Einigung

Prokon soll weitergeführt werden

In einem der größten Insolvenzfälle in Deutschland zeichnen sich erste Lösungswege ab, die 75 000 Prokon-Anleger sollen verschiedene Optionen bekommen. Sie können auch im Unternehmen investiert bleiben.

Das insolvente Windenergie-Unternehmen Prokon, soll nach Möglichkeit durch eine Gruppe von Gläubigern und dem Insolvenzverwalter weitergeführt werden. dpa

Das insolvente Windenergie-Unternehmen Prokon, soll nach Möglichkeit durch eine Gruppe von Gläubigern und dem Insolvenzverwalter weitergeführt werden.

HamburgDas insolvente Windenergie-Unternehmen Prokon soll weitergeführt werden. Darauf haben sich im Grundsatz drei große Gruppen von Gläubigern und der Insolvenzverwalter in einer gemeinsamen Besprechung verständigt, teilten die Beteiligten am Donnerstag in Hamburg mit. Es sei nicht beabsichtigt, Prokon zu zerschlagen und die Windparks in Deutschland und Polen zu verkaufen. Das Unternehmen solle vielmehr durch einen Insolvenzplan saniert werden, den die Gläubigerversammlung am 22. Juli beschließen muss.

An der Besprechung hätten Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin, die „Freunde von Prokon“, die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) teilgenommen, heißt es in der Mitteilung. Sie seien zu dem Ergebnis gekommen, dass die Fortführung der Prokon Regenerative Energien GmbH für die Gläubiger von Vorteil sei. Das Unternehmen hatte im Januar einen Insolvenzantrag gestellt; das Verfahren ist seit zwei Monaten eröffnet.

Rund 75 000 Anleger haben Prokon rund 1,4 Milliarden Euro in Form von Genussrechtskapital zur Verfügung gestellt. In dem Insolvenzplan sollen nun verschiedene Optionen für die Anleger eröffnet werden. Das sei Konsens zwischen den Gläubigergruppen und dem Insolvenzverwalter. Als Eckpunkte seien vorgesehen:

- eine Eigenkapitalkomponente für Anleger, die ihre Genussrechte in Eigenkapital wandeln und so Gesellschafter von Prokon werden wollen;

- die Umwandlung eines Teils der Genussrechte in eine handelbare Anleihe, um denjenigen Anlegern, die nicht investiert bleiben wollen, eine Möglichkeit zum Ausstieg zu bieten;

- eine Barzahlung aus den Verkaufserlösen der Unternehmensteile und Beteiligungen, die nicht zum Kerngeschäft von Prokon gehören. Dabei sollen die Anleger auch die Möglichkeit erhalten, das Geld im Unternehmen zu belassen und so weiteres Eigenkapital zu erwerben.

Die Zukunft von Prokon

Ist die Insolvenzanmeldung das Ende von Prokon?

Nein, nicht zwangsläufig. Mit dem Gang zum Gericht ist zunächst das vorläufige Insolvenzverfahren angelaufen. Das Gericht bestellt einen vorläufigen Insolvenzverwalter, dessen Aufgabe es ist, das Unternehmen zu sanieren. So soll das für die Gläubiger beste Ergebnis erzielt werden. Im Fall des Fernsehherstellers Loewe konnte beispielsweise ein neuer Investor gefunden werden, der Teile des Unternehmens weiterführt. Für die Mitarbeiter setzt sich der Insolvenzverwalter für das staatlich gezahlte Insolvenzgeld ein. Damit könnte Prokon für drei Monate die Gehälter aus Staatsmitteln auszahlen. Der Betrieb geht zunächst erst einmal weiter. Erst später wird gerichtlich entschieden, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet wird.

Ist mein investiertes Geld verloren?

Nicht unbedingt. Prokon gibt zwar an, zahlungsunfähig zu sein, besitzt aber mit den Windparks auch große Sachwerte, die nun im vorläufigen Insolvenzverfahren verkauft werden könnten. Wie viel Geld die Genussrechteinhaber am Ende erwarten können, ist jedoch völlig unklar. Bedeutsam ist dabei, dass Genussrechte nur nachrangig gegenüber anderen Forderungen sind. Das heißt: Bevor die Inhaber von Genussrechten aus der Insolvenzmasse ausgezahlt werden, müssen andere Forderungen wie ausstehende Mitarbeitergehälter oder Mietzahlungen abgegolten sein.

Ich habe meine Genussrechte behalten. Was muss ich tun?

Durch die Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens bleibt Anlegern zunächst nur eins: abwarten. Vorerst brauchen sie ihre Forderungen noch nicht anzumelden. Dies wäre unwirksam. Erst nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können die Forderungen angemeldet werden. Der Insolvenzverwalter hat angekündigt, die Genussrechteinhaber über das weitere Vorgehen zu informieren. Eine Kündigung zum jetzigen Zeitpunkt dürfte keine Auswirkungen mehr haben.

Ich habe meine Genussrechte schon gekündigt. Bekomme ich mein Geld?

Das Unternehmen wird auch die gekündigten Genussrechte zunächst nicht auszahlen. Laut Prokon werden diese gleichrangig zu den nicht gekündigten Genussrechten im Falle der Insolvenz behandelt. Somit werden die Anleger nicht früher aus der Insolvenzmasse bedient, nur weil sie gekündigt haben. Verbraucherschützer sehen dies genauso.

Kann ich mich juristisch wehren?

Mahnbescheide oder eine per Klage erwirkte Zwangsvollstreckung sind fast aussichtslos. Der Insolvenzverwalter hat das Recht, solche Zwangsvollstreckungen größtenteils zu untersagen. Eine Möglichkeit, sich eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen, ist eine Klage zur Beseitigung des Nachrangs der Genussrechte. Im Erfolgsfall würde der Kläger vor den anderen Genussrechteinhabern und gleichrangig mit anderen Gläubigern entschädigt. Die Erfolgsaussichten sind laut Verbraucherschützern aber unsicher. Bei einer Niederlage müsste der Kläger dann auch noch Anwalts- und Gerichtskosten tragen.

Wann kann ich damit rechnen, mein Geld zurück zu bekommen?

Durch das vorläufige Insolvenzverfahren genießt das insolvente Unternehmen besonderen rechtlichen Schutz. Sollte es zum eigentlichen Insolvenzverfahren kommen, kann dieses Jahre dauern. Bis die Gläubiger Geld sehen, müssen sie also wahrscheinlich lange warten.

Kann ich Prokon mit mehr Geld helfen?

Nein, der Insolvenzverwalter hat klar gemacht, dass derzeit keine neuen Genussrechte gezeichnet werden können. Er bat darum, keine Zahlungen mehr auf Prokon-Konten vorzunehmen.

Bekomme ich weiterhin Strom von Prokon?

Die Stromkunden haben wenig zu befürchten. Der Insolvenzverwalter hat mitgeteilt, dass der Geschäftsbetrieb von Prokon vollständig fortgeführt wird. Zudem würden Kunden in die sogenannte Ersatzversorgung fallen, wenn Prokon keinen Strom mehr liefern könnte. Dann würde der örtliche Stromerzeuger die Versorgung übernehmen. Sollte das Insolvenzverfahren eröffnet werden, könnten Kunden dann zu viel gezahlte Monatsabschläge anmelden und würden aus der Insolvenzmasse, soweit möglich, entschädigt.

Was macht ein vorläufiger Insolvenzverwalter?

Stellt ein Unternehmen Insolvenzantrag, übernimmt wie im Fall von Prokon meistens ein vorläufiger Insolvenzverwalter das Ruder. Die Geschäftsführung wird entmachtet. Während dieses „vorläufigen Insolvenzverfahrens“, also dem Zeitraum zwischen Antrag auf Insolvenz und Insolvenzeröffnung, wird von einem vom Gericht bestimmten Sachverständigen geprüft, ob tatsächlich ein Insolvenzgrund vorliegt. Dieser Experte ist oft zugleich der vorläufige Insolvenzverwalter. Er muss laut Insolvenzordnung prüfen, ob Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vorliegt.

Was bedeutet Eigenverwaltung?

Das Insolvenzverfahren kann aber auch in Eigenverwaltung ablaufen. Die Geschäftsführung bleibt dann im Amt, der bestellte Insolvenzverwalter tritt nur als beratender Sachwalter auf. Unter dessen Aufsicht kann die Geschäftsführung einen Sanierungsplan ausarbeiten. Ist die Sanierung nicht erfolgreich, wird das Insolvenzverfahren nach den üblichen Regeln fortgesetzt.

Was ist ein Schutzschirmverfahren?

Seit März 2012 ist auch ein sogenanntes Schutzschirmverfahren möglich. Dabei wird die Eigenverwaltung mit einem Vollstreckungsstopp kombiniert: Gläubiger können ihre Forderungen an das insolvente Unternehmen maximal drei Monate lang nicht durchsetzen.

Prokon hatte vor allem Windparks geplant und gebaut, ist aber als Eigentümer oder Kreditgeber auch an verschiedenen anderen Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien beteiligt. Prokon-Gründer Carsten Rodbertus hatte viele Anleger mit dem Versprechen auf hohe Renditen und Investitionen in eine umweltgerechte Energieversorgung für sich gewonnen. Die versprochenen Renditen konnte Prokon aber nicht erwirtschaften; das Unternehmen ist zahlungsunfähig und überschuldet. Rodbertus sammelt unterdessen selbst Vollmachten von Anlegern für die Gläubigerversammlung und wirft Penzlin vor, das Unternehmen zerschlagen zu wollen.

Penzlin hatte Anfang Mai eine Insolvenzquote von 30 bis 60 Prozent angekündigt. Andersherum gesagt: Die Anleger verlieren 40 bis 70 Prozent ihres Kapitals. Bei Prokon sollen rund 300 Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×