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09.04.2013

17:32 Uhr

Grundversorger

Stromanbieter nutzen Energiewende für Preiserhöhungen aus

VonKatharina Schneider

Viele Stromversorger haben die aktuellen Preiserhöhungen mit der Energiewende und der steigenden EEG-Umlage begründet. Doch jeder zweite Versorger kassiert bei den Verbrauchern mehr als er selbst zusätzlich zahlen muss.

Verbraucherschützer prangern überzogene Strompreiserhöhungen an. dpa

Verbraucherschützer prangern überzogene Strompreiserhöhungen an.

DüsseldorfJeder zweite Grundversorger wälzt seine Zusatzkosten komplett auf die Verbraucher ab oder greift ihnen sogar noch tiefer in die Tasche. Zu diesem Ergebnis kommt die Verbraucherzentrale NRW nach der Untersuchung der aktuellen Strompreiserhöhungen in Nordrhein-Westfalen.

„Mindestens die Hälfte der Grundversorger in NRW hat die öffentliche Diskussion über die Energiewende und die steigende Umlage nach dem EEG-Umlage instrumentalisiert, um unangemessen hohe Aufschläge zu fordern“, sagt Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW.

In den vergangenen Monaten hatten alle 113 Grundversorger in NRW die Strompreise erhöht. Die Verbraucherzentrale hat in einer Studie 3000 Briefe analysiert, mit denen Grundversorger die Preiserhöhungen angekündigt haben.

Kostenweitergabe der Stromanbieter

Wie sind die Daten zu verstehen?

Die Verbraucherzentrale NRW hat untersucht, wie viel Prozent ihrer zusätzlichen Kosten die Grundversorger in NRW auf die Kunden abwälzen. Ein Wert von 100 Prozent bedeutet, dass der Stromanbieter die Mehrkosten durch Umlagen und Netzentgelte komplett an den Kunden weitergibt. Jeder weitere Prozentpunkt bedeutet eine zusätzliche Preissteigerung über die gestiegenen Kosten hinaus. Zudem haben die Verbraucherschützer geprüft, ob der Tarifname klar benannt wurde, auf den sich die Preissteigerung bezieht. Nachfolgend die acht Grundversorger mit der höchsten Kostenweitergabe in Prozent.

Stadtwerke Ratingen

Name des Stromtarifs: Grund- und Ersatzversorgung

Kostenweitergabe an die Kunden: 127 Prozent

Tarifname klar benannt?: Ja

RWE Dortmund

Name des Stromtarifs: RWE Klassik Strom

Kostenweitergabe an die Kunden: 129 Prozent

Tarifname klar benannt: Ja

WVG Warstein

Name des Stromtarifs: WVG Strom klassik

Kostenweitergabe an die Kunden: 130 Prozent

Tarifname klar benannt?: Nein

Stadtwerke Unna

Name des Stromtarifs: Klassik-Watt

Kostenweitergabe an die Kunden: 130 Prozent

Tarifname klar benannt?: Nein

Stadtwerke Lengerich

Name des Stromtarifs: Grund- und Ersatzversorgung

Kostenweitergabe an die Kunden: 130 Prozent

Tarifname klar benannt?: k.A.

Elektrizitätsgesellschaft Levern

Name des Stromtarifs: Grund- und Ersatzversorgung

Kostenweitergabe an die Kunden: 151 Prozent

Tarifname klar benannt?: Ja

DEW21 Dortmund

Name des Stromtarifs: Unser Strom.standard

Kostenweitergabe an die Kunden: 156 Prozent

Tarifname klar benannt?: Ja

BEW Wipperfürth

Name des Stromtarifs: BEW basis

Kostenweitergabe an die Kunden: 178 Prozent

Tarifname klar benannt?: Nein

Zudem werteten die Verbraucherschützer für jeden einzelnen Anbieter aus, welche Kosten ihm durch die gestiegene Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und andere Umlagen sowie veränderte Netzentgelte in diesem Jahr entstehen. Diese Zusatzkosten wurden mit der Höhe des jeweiligen Preisaufschlags verglichen.

Laut Studie nimmt RWE als Grundversorger für 167 Kommunen gut ein Viertel mehr, als durch gestiegene Umlagen und Netzentgelte erklärbar wäre. Manche Versorger schlagen mehr als das Anderthalbfache ihrer Zusatzkosten auf den Strompreis.

„Das ist nicht akzeptabel – und wirkt fast schon anstößig angesichts der Tatsache, dass die Beschaffungspreise für Strom an der Börse massiv gesunken sind“, sagt Müller. „Verbraucher dürfen nicht einseitig nur an den Kosten beteiligt werden, sondern müssen ebenso von Entlastungen profitieren.“

Die komplette Übersicht der Preiserhöhungen und Kostenweitergaben haben die Verbraucherschützer im Internet veröffentlicht. Zwischenzeitlich wurde die Tabelle überarbeitet, weil laut Verbraucherzentrale ein externer Datenbankbetreiber falsche Daten geliefert hatte. Unter anderen mussten die Angaben zur Energieversorgung Beckum und zur Kölner Rhenag geändert werden.

Was ist ein fairer Stromtarif?

So bewerten die Tester

Nach Definition von Stiftung Warentest muss ein Tarif folgende Kriterien erfüllen, um als "fair" zu gelten.

Keine Pakettarife

Auf Pakettarife sollte sich der Kunde nicht einlassen, dabei kauft er eine feste Strommenge als Paket. Verbraucht er mehr, muss er den Strom meist teuer zukaufen, verbraucht er weniger, bekommt er kein Geld zurück.

Kein hoher Neukundenbonus

Ein Neukundenbonus ist verlockend, doch er verschleiert die tatsächlichen Kosten und ab dem zweiten Jahr werden die Tarife meist deutlich teurer.

Monatliche Zahlungsweise

Jeden Monat einen kleineren Betrag zu zahlen ist nach Ansicht der Tester fairer als hohe Vorauszahlungen.

Preisgarantie

Für möglichst viele Bestandteile des Strompreises sowie über mindestens zwölf Monate und mindestens über die Mindestvertragslaufzeit sollte es eine Preisgarantie geben, so die Tester.

Kurze Kündigungsfrist

Die Kündigungsfrist dürfe maximal sechs Wochen betragen.

Nach der Mindestvertragslaufzeit

Ist die Mindestvertragslaufzeit abgelaufen, müsse es eine monatliche Kündigungsmöglichkeit mit nicht mehr als vier Wochen Frist geben.

Von den sinkenden Beschaffungspreisen für den Strom sei jedoch in den Briefen der Grundversorger meist keine Rede gewesen. Besonders häufig sei jedoch mit der Energiewende und der steigenden EEG-Umlage argumentiert worden. Gerade mal die Hälfte der Grundversorger habe die Höhe ihrer Preisaufschläge stichhaltig zu begründet.

Mit der Informationspolitik der Versorger sind die Verbraucherschützer nicht zufrieden. Die meisten Kundenanschreiben sind ihrer Ansicht nach nicht transparent genug: So fehle manchmal schon der Name des betreffenden Stromtarifs. Oder es werde für die Verbraucher gar nicht deutlich, dass es in dem Schreiben um eine bevorstehende Preiserhöhung geht. Außerdem weise jeder dritte Grundversorger die Verbraucher nicht auf ihr Sonderkündigungsrecht bei einer Preiserhöhung hin.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

11.03.2013, 15:38 Uhr

Die Politik machts möglich....wir zahlen nicht umsonst die horrensten Strompreise in ganz Europa ohne zu wissen weshalb.

Huss

11.03.2013, 15:43 Uhr

Es bleibt völliges Versagen der Politik. Millionen Haushalte können den teuren Strom kaum noch bezahlen. Traurig, weil andere Investitionen fehlen. So geht die ganze Energiewende den Bach runter. Und auch die Stimmen für diese Regierung. Merkel dürfte abgelöst werden.

Steinkoetter

11.03.2013, 16:02 Uhr

Und mit die niedrigsten Industriestrompreise in ganz Europa! Selbst Frankreich mit seinem über 75% Atomstromanteil hat höhere Preise.
Bitte in Zukunft die (Konzern-)Gewinne auf jeder Rechnung mit ausweisen. Außerdem wundert es sehr, dass ausgerechnet dann wenn die Regenerativen preiswert sind, deren Ausbau gestoppt werden soll. Da hat wohl jemand richtig Angst sein Geschäft geht aus?! Energie gehört in Bürgerhand, nutzt dem ganzen Land und nicht nur Aktionären.
Wenn du willst, ist es kein Traum. 100% regenerativ technisch sowieso bis 2030 lösbar.

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