Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2007

12:28 Uhr

Häufig kommt es unter Erben zu Streit

Der Widerwille, Testamente zu machen

VonMichael Streck

Nichts ist sicherer als der Tod. Trotzdem gibt es mehr Hausratversicherungen als letztwillige Verfügungen.

KÖLN. Ein Testament zu schreiben ist nichts Selbstverständliches. Frage an den Leser, an die Leserin dieses Artikels: Haben Sie eine letztwillige Verfügung getroffen? Ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz der Bürger hat kein Testament, obwohl nennenswertes Vermögen zu vererben wäre. Jeder hat eine Feuerversicherung für sein Haus. Und doch ist das Risiko, dass das Haus abbrennt, ungleich geringer als das Risiko, dass man stirbt. Letzteres ist sicher.

Man vertraut sich dem Gesetzgeber an, hofft auf die gesetzliche Erbfolge. Gerade diese ist aber oft untauglich. Der überlebende Ehepartner und die Kinder erben, wird nicht anders testiert, gemeinsam. Schon diese gesetzliche Erbengemeinschaft verträgt sich nicht. Die Erben haben nicht gleiche Interessen. Der überlebende Ehepartner will versorgt sein; laufende, sichere Einkünfte sind ihm wichtig. Die Kinder wollen "aktives Vermögen", um zu bauen oder unternehmerisch tätig zu sein.

Ehepartner betreiben gemeinsam ein Hotel. Der Mann stirbt. Gesetzliche Erben sind die Frau und das zweijährige Kind. Kann die Frau das Hotel mit der Last dieser Minderjährigkeit unternehmerisch weiterführen? Einer verheirateten Mitarbeiterin, die kein Kind, wohl aber ein Haus hat, sagte ich, dass dann, wenn der Mann stirbt, die Schwiegereltern das Haus miterben; in kürzester Zeit wurde ein Testament geschrieben ("Alleinerbe ist mein Mann").

Testament immer wieder verändern

Weitere Gründe, der Notwendigkeit, ein Testament zu schreiben, zu entgehen, kennt jeder Berater: Mit dem eigenen Tod befasst man sich ungern. Mit dem Testament, das für diesen Fall geschrieben wird, schiebt man den Tod hinaus. Für den Berater folgt hieraus: Gegensteuern: Das Testament muss jährlich angesehen werden. Es sollte immer wieder neu geschrieben werden. Testamentschreiben sollte zur Routine werden. Nur so bekommt man die nüchterne Distanz zu dieser "letztwilligen" Verfügung und kann eine vernünftige Regelung treffen. Dies ist einer der Gründe gegen notarielle Testamente; diese haben etwas endgültiges, unveränderbares an sich. Die gängige Überschrift "Mein letzter Wille" wird gefühlsmäßig ernst genommen. Ich schreibe das Testament; und nun muss ich sterben.

Eltern wollen gerecht sein. Die Kinder sollen gleich bedacht werden. Wie bewerte ich aber die Immobilie, wie bewerte ich ein Unternehmen, wie bewerte ich Kunstgegenstände? Die Suche nach der numerischen, centgenauen Gerechtigkeit verhindert letztwillige Verfügungen. Selbst 100 000 Euro lassen sich nicht genau durch drei teilen. Das Testament ist zwar der letzte Wille. Die Betonung liegt auf dem Willen. Es ist eine willentliche Entscheidung. Und Kinder akzeptieren jederzeit "Ungerechtigkeiten" im Testament, während sie sich um jede Wertdifferenz untereinander bei einer Erbauseinandersetzung streiten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×