Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.10.2013

07:53 Uhr

In die Irre geführt

Anleger klagen gegen Blackberry

VonAxel Postinett

Ein Investor hat am Wochenende eine Sammelklage gegen Blackberry eingereicht. Sein Vorwurf: Das IT-Unternehmen soll Anleger mit zu optimistischen Zukunftsaussichten in ein Aktieninvestment gelockt haben.

Das US-Unternehmen Blackberry wird von Anlegern verklagt. Reuters

Das US-Unternehmen Blackberry wird von Anlegern verklagt.

New YorkHat Blackberry-Chef Thorsten Heins Anleger mit zu optimistischen Versprechungen bewusst in die Irre geführt? Das jedenfalls glaubt ein Investor, der am Wochenende eine Sammelklage vor einem New Yorker Gericht eingereicht hat.

Marvin Pearlstein hat die Klage gegen Blackberry und zwei seiner Topmanager nach Informationen von Bloomberg vor einem Bundesgericht in New York eingereicht. Firmenchef Heins und Finanzchef Brian Bilduka hätten es besser wissen müssen, als sie in einer Reihe zu positiver Äußerungen im September 2012 ein rosiges Bild von der Zukunft zeichneten.

Unter anderem hätte er versprochen, dass der kanadische Konzern „ein starker, innovativer und relevanter Spieler in der Welt des mobilen Computing spielen werde“. Zu diesem Zeitpunkt war der Hoffnungsträger, das Betriebssystem Blackberry 10, nach mehreren Verzögerungen noch immer nicht im Markt und Heins hatte bereits massive Kostensenkungsmaßnahmen ergreifen müssen, um den Bestand des Unternehmens zu sichern.

Der Abstieg von Blackberry

Ein unterschätzter Konkurrent

Apple stellt im Januar 2007 das iPhone vor. Während Steve Jobs gewohnt großspurig von einer Revolution spricht, gibt sich Blackberry-Hersteller RIM konziliant: Nicht jeder könne auf Glas tippen, das Design der Blackberry-Geräte sei daher überlegen. Im neuen Segment der Smartphones ist RIM jedenfalls eine Bank.

Erstes Blackberry ohne Tasten

Gänzlich unbeeindruckt ist RIM aber nicht: Einige Monate nach dem iPhone-Start bringt das kanadische Unternehmen sein erstes Gerät mit Touchscreen heraus, das Blackberry Storm. Es soll die RIM-Smartphones auch unter normalen Verbrauchern zum Must have zu machen. Das Gerät ist pannenanfällig und bekommt allenfalls durchwachsene Rezensionen. Trotzdem steigert RIM seinen Marktanteil weiter.

Neues Betriebssystem

RIM übernimmt im April 2010 die Software-Schmiede QNX, deren Betriebssystem später die veraltete Blackberry-Software ersetzen und Smartphones, Tablets, aber auch Systeme wie Autoelektronik antreiben soll. Zu diesem Zeitpunkt steht Apple bereits kurz vor der Einführung des iPhone 4. RIM ist technologisch ins Hintertreffen geraten.

Ein Konkurrent fürs iPad?

RIM äußert sich öffentlich zwar skeptisch über Tablet-Computer, arbeitet aber selbst an einem solchen Gerät. Im April 2011 kommt das Playbook heraus. Es hat bereits das neue Betriebssystem QNX an Bord, enttäuscht aber trotzdem die Fachwelt, nicht zuletzt weil anfangs Programme für E-Mail, Kalender und Adressbuch fehlen. Der Absatz verfehlt die Erwartungen, bis der Preis deutlich sinkt.

Der Brain Drain beginnt

RIM kündigt im Juli 2011 an, 2000 Mitarbeiter zu entlassen – offiziell, um die „Kosten zu optimieren“. In den Vorjahren war die Belegschaft rasant gewachsen. Die Moral leidet unter den Einschnitten, viele Talente und auch etliche Führungskräfte verlassen von sich aus das Unternehmen im kanadischen Waterloo nahe der US-Grenze.

Serverausfall erschüttert Vertrauen

Im Oktober 2011 fallen die Server von RIM vier Tage lang aus, weltweit haben Nutzer Probleme, auf ihre Mails und Nachrichten zuzugreifen. Die Panne trifft RIM ins Mark: Sicherheit und Zuverlässigkeit sind bisher ein Markenzeichen der kanadischen Firma. Die schlechte Krisenkommunikation sorgt für zusätzlichen Frust.

Probleme mit dem neuen System

Auch das noch: RIM darf sein neues Betriebssystem aus markenrechtlichen Gründen nicht BBX nennen. Der neue Name lautet Blackberry 10, oder BB 10, wie RIM im Dezember 2011 erklärt. Zudem verschiebt die Firma den Start auf Ende 2012.

Die Chefs treten ab

Der Druck wird zu groß – die langjährigen Firmenchefs Mike Lazaridis und Jim Balsilie treten im Januar 2012 zurück, bleiben aber im Verwaltungsrat. Der bisherige Vorstand Thorsten Heins, 54, übernimmt.

Neue Geräte, neues Glück?

Nach mehreren Verzögerungen präsentiert RIM im Januar 2013 das neue Betriebssystem Blackberry 10 und sechs neue Smartphones. Sie sollen nicht nur Managern die Arbeit erleichtern, sondern auch Spaß machen – so wie das iPhone oder die zahlreichen Android-Geräte. Doch der Absatz bleibt hinter den Erwartungen zurück, der Marktanteil fällt immer weiter. Das Unternehmen benennt sich um und heißt nun wie sein wichtigstes Produkt.

Neuer Chef krempelt Blackberry um

2013 denkt das Blackberry-Management über einen Verkauf des Unternehmens nach. Am Ende stellt die kanadische Finanzfirma Fairfax mit anderen Investoren eine Milliarde Dollar frisches Geld zur Verfügung. Der deutsche Chef Thorsten Heins geht im November 2013, der frühere Sybase-Chef John Chen übernimmt. Er richtet das Unternehmen neu aus und stellt Software in den Mittelpunkt. Das Hardware-Geschäft lagert er aus - und beendet damit eine traditionsreiche Geschichte.

Am 20. September 2013 kam dann die ganze Wahrheit ans Licht, als fast eine Milliarde Dollar auf unverkaufte Blackberry-Smartphones mit Blackberry 10 abgeschrieben werden mussten. Heins wird zudem fast 40 Prozent der Belegschaft entlassen und ist mittlerweile in Übernahmeverhandlungen mit dem Großinvestor Fairfax eingetreten. Der will 4,7 Milliarden für die 90 Prozent der Aktien bezahlen, die er noch nicht besitzt. Allerdings gibt es bisher nur eine Absichtserklärung. Erst nach einer intensiven Prüfung der Bücher will der kanadische Investor ein endgültiges Gebot abgeben – vielleicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×