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06.11.2014

15:47 Uhr

Insolventer Windparkbetreiber

Bei Prokon ist ein Plan B denkbar

Das Unternehmen muss nicht zwingend an die bisherigen Genussrechtsinhaber gehen – wenn zu wenige der Prokongläubiger den Windparkbetreiber kaufen wollen, könnte es laut Insolvenzverwalter auch einen anderen Weg geben.

Er analysiert aufmerksam alle Optionen: Prokon-Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin auf einer Gläubigerversammlung im Sommer. dpa

Er analysiert aufmerksam alle Optionen: Prokon-Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin auf einer Gläubigerversammlung im Sommer.

FrankfurtInsolvenzverwalter Dietmar Penzlin hat für den Windparkbetreiber Prokon einen „Plan B“ in der Tasche: Sollten sich nicht genügend Genussrechtsinhaber finden, die sich an der insolventen Firma beteiligen wollen, könne das Unternehmen auch an einen Investor verkauft werden, erklärte Penzlin am Donnerstag in Hamburg. Die Hamburger Privatbank M.M. Warburg soll mögliche Investoren ausfindig machen und den Verkaufsprozess organisieren. Viele der 75.000 Genussrechts-Inhaber von Prokon und Anlegervereine hatten in einem Gespräch mit Penzlin signalisiert, sie wollten ihre Ansprüche in Eigenkapital umwandeln, um der Firma das Überleben zu sichern und eine Zerschlagung zu verhindern.

Die Zeichner der 1,4 Milliarden Euro schweren Genussrechte sind die größten Gläubiger von Prokon, die Anfang des Jahres in die Insolvenz gerutscht war. Der ehemalige Firmenchef Carsten Rodbertus hatte großzügige Ausschüttungen auf die Genussrechte in Aussicht gestellt, die sich aber nicht aus dem operativen Geschäft erwirtschaften ließen, sondern nur durch den Verkauf weiterer Anteile. Als zu viele Käufer der Genussrechte aussteigen wollte, brach das Kartenhaus zusammen. Banken hatte Rodbertus stets gemieden.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Nach dem Insolvenzplan sollen die Inhaber der Genussrechte neben den Anteilen auch Anleihen erhalten, die an der Börse gehandelt werden. Auf Barzahlungen müssten sie dann verzichten. Zins und Tilgung für die Anleihe sollen nach Penzlins Vorstellungen aus den Erlösen der Windparks in Deutschland und Polen gezahlt werden, die bereits in Betrieb sind. Bei einem Verkauf an einen Investor winkt den Genussrechts-Inhabern auch eine Beteiligung am Verkaufserlös.

Anfang des Jahres will Penzlin Klarheit haben, welche der Alternativen weiterverfolgt werde. Bis dahin würden beide Varianten parallel vorangetrieben, sagte Penzlin. „Wichtig ist, dass Prokon in beiden Varianten (...) saniert und dauerhaft fortgeführt werden wird“, erklärte der Insolvenzverwalter. Die Sanierung könne in jedem Fall im ersten Halbjahr abgeschlossen werden. In der Insolvenz seien sogar zwei Windparks in Betrieb genommen worden.

Die Beteiligungen außerhalb des Kerngeschäfts will Penzlin bis zum Frühjahr verkaufen: ein Biodiesel-Werk in Magdeburg, Wälder in Rumänien und eine eigene Windenergieanlage. Ein Holzpaletten-Werk in Torgau soll saniert werden.

Von

rtr

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