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19.08.2014

16:29 Uhr

Insolvenzbericht

Wölbern Invest war schon 2010 in Zahlungsnot

ExklusivNeue Details zu Wölbern Invest: Das Hamburger Fondshaus soll schon vor vier Jahren reif für die Insolvenz gewesen sein. Aus den von Anlegern finanzierten Fonds seien 176 Millionen Euro gezogen worden.

Der ehemalige Wölbern Invest-Geschäftsführer Heinrich Maria Schulte mit seinen seinen Anwälten. dpa

Der ehemalige Wölbern Invest-Geschäftsführer Heinrich Maria Schulte mit seinen seinen Anwälten.

DüsseldorfDas Fondshaus Wölbern Invest war schon 2010 reif für eine Insolvenz und konnte nur durch stete Zuführung frischer Mittel über Wasser gehalten werden. Das geht aus dem Insolvenzbericht zur Wölbern Invest B.V. hervor, den der Hamburger Insolvenzverwalter Tjark Thies vorgelegt hat. Die Wölbern Invest B.V. war eine eigenständige Gesellschaft innerhalb des Wölbern Konglomerats. Ihr einziger Zweck sei es gewesen, immer neues Geld aus den Fonds zu ziehen und damit ständig neue Löcher innerhalb des Fondshauses zu stopfen, berichtet das Handelsblatt (Mittwochausgabe), dem der Insolvenzbericht vorliegt.

Insgesamt seien aus den von Anlegern finanzierten Fonds 176 Millionen Euro gezogen worden. Davon seien 36 Millionen Euro wieder zurückgeführt worden, geht aus dem Bericht hervor. Gegen den Geschäftsführer des Fondshauses, Heinrich Maria Schulte, läuft seit Mai ein Strafverfahren. Die Staatsanwaltschaft war bislang von einer entnommenen Summe von 146 Millionen Euro ausgegangen, von denen 102 Millionen Euro nicht wieder zurückgeflossen seien.

Die Wölbern Invest KG ist seit Ende Oktober 2013 insolvent. Die Gruppe verwaltete insgesamt rund 30 geschlossene Fonds. Dort hatten 40.000 Anleger mehr als 700 Millionen Euro investiert. Unter der Geschäftsführung des Mediziners Heinrich Maria Schulte geriet das Fondshaus in Schieflage. Schulte hat bislang alle Vorwürfe, Geld veruntreut zu haben, bestritten.

Zuletzt hatte Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin Details zu Schultes Privatinsolenz veröffentlicht. Der Medizinprofessor und ehemalige Chef des Fondshauses Wölbern habe eine „aufwendige Lebensführung“ gehabt. In einem Gutachten listet Penzlin genau auf, über welche Vermögen der Mediziner verfügte.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Er soll unter anderem rund 100 Gemälde gesammelt haben, davon etwa 70 wertvolle, beispielsweise von Chagall und Kluge. Doch die hat Schulte lange nicht mehr gesehen, denn er ist bereits seit vergangenem September in Untersuchungshaft. Die Hamburger Staatsanwaltschaft wirft ihm gewerbsmäßige Untreue vor. Ihm drohen bis zu zehn Jahre im Gefängnis.

Von

hus

Kommentare (3)

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Herr peter gramm

19.08.2014, 19:06 Uhr

wo ist die verantwortlichkeit der kontrolleure und überwacher, die sich sonst so wichtig nehmen und üppigst honorare einstecken. alles nur schöner schein und volksverdummung. jeder, der in dieser branche tätig ist muß sich kontrollieren und überwachen lassen. braucht eine vermögensschadenshaftpflichtversicherung usw usf.. da kann ein mediziner (was für eine qualifikation für geschlossene fonds) millionen hin und her schieben und niemand hat angeblich etwas bemerkt. schönes theater. deutschland deine überwachungsneurotiker haben fertig.

Herr Manfred Zimmer

20.08.2014, 09:36 Uhr

"Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden."

Die BAFin versteht sich nicht als Verbraucherschützer und dies ist auch politisch so gewollt.

Das hat aber nichts damit zu tun, dass bei entsprechender Befähigung der Behörde der Vorgang hätte auffallen müssen.

Will man politisch an der Institution BAFin festhalten, kommt man an einer Reform der BAFin nicht herum. Dazu wird man von oben nach unten alle Mitarbeiter austauschen und die Institution wieder direkt an ein verantwortliches Ministerium anschließen müssen. Diese Leistung zu erbringen, war das Bundesfinanzministerium in der Vergangenheit jedenfalls nicht in der Lage.

Die Zerschlagung des Lobbyismus in diesem Zusammenhang, die Bekämpfung der Korruption sind zwei weitere Herausforderungen.

- Ich hatte an früherer Stelle die Hilfsdienste für die Versicherungswirtschaft von Frau König im Zustandekommen des Lebensversicherungsreformgesetzes schon mehrfach kritisiert. Solche kriminellen Machenschaften muss man unterbinden. -

Es überlegt doch wirklich niemand zweimal weshalb Peer Steinbrück ausgerechnet von den Banken die horrenden Vortragshonorare in die Taschen gesteckt bekam.

Was kann mit den Mitarbeitern geschehen? Die Mitarbeiter sollten nach ihren Befähigungen weiter im öffentlichen Dienst, in öffentlichen Verwaltungen leistungsnah weiter eingesetzt werden. Folgt man den Medien, dann sind sie besonders geschickt in der Kontenabfrage von Privatkonten. Solche Auskünfte werden bevorzugt von Gerichtsvollziehern, Finanzämtern und Arbeitsämtern eingefordert. Also könnten sie dort für Hilfsdienste ausbildungsnah eingesetzt werden.

Herr Helmut Schmoelz

20.08.2014, 12:06 Uhr

Die BAFIN wurde frühzeitig auf die Verhältnisse bei Wölbern aufmerksam gemacht, sie fühlte sich als nicht zuständig. Nachdem kein Jahresabschluss mehr erstellt bzw. nicht rechtzeitig erstellt worden ist, wurde auch die Wirtschaftskammer unterrichtet, die sich ebenfalls nicht als zuständig erklärte. Dies unter dem Hintergrund dass im laufenden Prozess gegen den Inhaber Prof. Dr. med. Heinrich Maria Schulte festgestellt wurde, dass die Steuerberatungsgesellschaft bereits seit 2010 wusste, dass die Wölbern Invest Insolvenz anmelden müsste. Es stellte sich weiterhin heraus, dass der Inhaber der Steuerberatungsgesellschaft in einer persönliche Beziehung zu Herrn Schulte stand. Das war ebenfalls bei der Buchhaltungsfirma der Fall.
Eine entsprechende Anzeige bei der Staatsanwaltschaft führte erst nach mehreren Ansätzen zur Aufnahme des Verfahrens.
Der Anlegerschutz wird auch in der neuen Regelung nicht wesentlich verbessert.

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